«Für uns war das der finanzielle Todesstoss»

Noflen

Die Unwetter der letzten Wochen haben den Betrieb von Markus und Jeannette Riem in Noflen zugrunde gerichtet. Sie sind ruiniert und geben den Gemüseanbau auf.

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Leer. Das ist das Wort, das die Situation von Markus und Jeannette Riem momentan am Besten beschreibt. «Wir verspüren nur noch eine grosse Leere», sagt der Gemüsebauer aus Noflen traurig. Leer ist sein Ausdruck und leer sein Blick, als er ein Feld zeigt, auf dem vor einigen Wochen junges Gemüse wuchs und jetzt nur noch einige komplett zerstörte Pflanzen einsam ihr Schicksal ertragen. Leer ist dieses Feld jetzt.

So, wie die anderen drei in der Region verteilten Anbauflächen des Junglandwirtes Markus Riem. Auf drei der insgesamt sechs Hektaren baut der gelernte Gemüsebauer Salat und Freilandgemüse an, das restliche Land wird unter anderem für Apfelbäume genutzt. «Wir hatten fast alles Gemüse, das hier wächst, eine Riesenpalette», sagt der 36-Jährige nicht ohne Stolz. Doch da ist dieses «hatten», der bittere Unterton in seiner Stimme.

Keine vielfältige Ernte

Diese vielfältige Ernte gibt es dieses Jahr nicht. Auf dem Markt im Bälliz sucht man den kunterbunten Stand aus Noflen vergebens. Grund dafür ist das Hagelgewitter vom 6.Juni, das die Freilandkulturen innerhalb von rund zehn Minuten komplett zerstörte und die Familie damit vor nie da gewesene Probleme stellte. «Diese zehn Minuten kamen uns ewig vor», sagt Jeannette Riem und seufzt. Es ist nicht das erste Mal an diesem Morgen. Die vergangenen Wochen zehrten an den Kräften der Riems, sie wirken ausgelaugt, sowohl körperlich wie auch emotional.

Wie stark der Hagel war, zeigt die Tatsache, dass der Hagelschutz über den Obstbäumen den Geschossen nicht mehr standhalten konnte und teilweise gerissen ist. So wurde neben dem Totalschaden beim Freilandgemüse auch ein grosser Teil der Apfelernte beschädigt.

Felder nicht versichert

Der Schaden sei so gross, dass er niemals gedeckt werden könne, erklären die Gemüsebauern. «Wir mussten immer darum kämpfen, finanziell überleben zu können», sagt Jeannette Riem. Als Kleinbetrieb lebte die Familie mit ihren zwei Kindern vom Direktverkauf am Thuner Markt und von Lieferungen an diverse Geschäfte. «Das Gewitter war für uns der finanzielle Todesstoss», so Markus Riem. Da sie aufgrund des schlechten letzten Sommers diverse Schäden an Kulturen und am Haus decken mussten, war die finanzielle Belastung schon sehr gross.

Ausserdem ist bis auf die Obstbäume und Gewächshäuser nichts versichert. Bis vor zwei Jahren war das anders, doch seitdem verzichtet Markus Riem auf die Hagelversicherung. Ausschlaggebend dafür waren wirtschaftliche Gründe, erklärt er: «Die Versicherungsprämie für Gemüse ist extrem hoch, und bei einem normalen Hagelschlag wird meistens nur 30 bis 50 Prozent Schaden erstattet.» Ausserdem lägen die vier Felder weit auseinander, so sei es mehr als unwahrscheinlich gewesen, dass alle Parzellen betroffen seien. «Einen normalen Hagelschlag hätten wir finanziell auffangen können», betont Markus Riem.

Das, was an diesem denkwürdigen Samstagabend passiert ist, war der absolute Worst Case für den Kleinbetrieb in Noflen. Nie hätten sie sich vorstellen können, eines Tages vor den Scherben ihrer Arbeit stehen zu müssen. Markus Riem formuliert seine ersten Gedanken nach dem Unwetter so: «Das gits doch gar nid.» Diese Leere und die emotionale Reaktion der Geschädigten auf den Verlust ist verständlich, hatten sie doch unglaublich viel Herzblut, Ideen und Freude in den Betrieb gesteckt.

Neue Orientierung

Dieser Betrieb gehört ab sofort der Vergangenheit an. «Wir geben das Freilandgemüse wie auch die Marktstände komplett auf und bewirtschaften nur noch die Obstanlage und die Gewächshäuser weiter», sagt Jeannette Riem. Die Felder werden sie verpachten. Diese Veränderung hat zur Folge, dass Markus Riem sich beruflich umorientiert und wieder als Landschaftsgärtner arbeiten wird. Diesen Beruf hatte er bis 2002 ausgeübt, bevor er den Familienbetrieb von seinem Vater übernahm und als Gemüsebauer tätig war.

Diese Entscheidung traf die Familie zusammen mit einem Berater während der vergangenen zwei Wochen. «Um weiterzumachen, müsste ab jetzt alles zu 100 Prozent stimmen, das ist fast unmöglich», erklärt Markus Riem die Faktoren, die zu diesem radikalen Entscheid geführt haben. Die Finanzen, das hohe Risiko und der damit verbundene riesige Druck seien zu belastend.

«Jedes Mal, wenn ein Wölkchen aufziehen würde, hätten wir Angst um die Ernte. Das ist extrem belastend», sagt Riem nüchtern und ergänzt, dass er lieber seinen Traumberuf aufgeben würde, als an diesem Druck zu zerbrechen und vielleicht einen Herzinfarkt zu erleiden. «Wir möchten einfach nicht mehr ständig kämpfen», fasst Jeannette Riem zusammen.

Dank an die Kundschaft

Bevor sie sich komplett und endgültig aus dem Marktfahrerleben verabschieden, haben sie noch ein Anliegen: «Wir möchten unserer Kundschaft ganz herzlich für ihre Treue danken, den benachbarten Geschäften für die gute Zusammenarbeit», sagt Jeannette Riem. Beim Gedanken an den Direktverkauf im Bälliz schleicht sich sogar ein Lächeln auf ihr Gesicht. «Es isch würklich schön gsi», meint sie dann wehmütig.

Die beiden bedauern, dass sie sich so plötzlich und unerwartet von ihren Kunden verabschieden müssen. Für die vielen schönen Momente und Gespräche mit den Kunden seien sie sehr dankbar; etwas, das sie in ihrem neuen Leben vermissen werden. «Dafür werden wir mehr Zeit als Familie haben, es wird alles anders, das kann auch eine Chance sein», so Markus Riem.

Thuner Tagblatt

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