Fliegende Hände auf schwarz-weissen Tasten

Das 7. Schlosskonzert präsentierte einen Ausnahmepianisten, der virtuos die schwierigsten Klavierstücke zu Gehör brachte. Dementsprechend feierte das Publikum im KKThun Teo Gheorghiu mit stehenden Ovationen.

Der beliebteste Pianist seiner Generation: Teo Gheorghiu im KKThun.

Der beliebteste Pianist seiner Generation: Teo Gheorghiu im KKThun. Bild: Patric Spahni

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Das Wort «Gala» ist aus dem ­Spanischen entlehnt und steht für Festrobe und herausragende Darbietungen. Zum Galakonzert «Epochemachende Solowerke» der Thuner Schlosskonzerte hatten sich die Besucherinnen und Besucher in Schale geschmissen, um dem 1992 in Männedorf ZH geborenen Pianisten mit rumänischen Wurzeln gebührend zu begegnen.

Als prächtig darf auch die Bühnenbeleuchtung gelobt werden: Links und rechts des schimmernden Flügels angestrahlte stattliche Blumenbouquets, im Hintergrund vertikale Sonnenstrahlen, die wenigstens im Schadausaal schienen. Denn draussen ... nein, nicht schon wieder das Wetter. So viel zur ­Optik.

Nach der launigen Begrüssung der künstlerischen Co-Leiterin Gisela Trost wurde es mucksmäuschenstill im Saal. Das musikversierte Publikum muss gewusst haben, welch Hochkaräter da nach Thun geladen wurde.

Es gibt Mitmenschen, die können ganz nett bis sehr gut oder gar ­virtuos Klavier spielen. Dann gibt es jene, die schon an den Tasten eines Fahrkartenautomaten scheitern. Und dann gibt es eben Teo Gheorghiu, den Ausnahmemusiker und beliebtesten Pianisten seiner Generation.

Notenblätter braucht er keine, und es drängt sich die Frage auf: Wie um alles in der Welt kann sich der Künstler diese komplizierten Tonfolgen in dieser Fülle merken? Seine Finger scheinen hauchen zu können, und sie fliegen über die Klaviatur, als hätten sie ein Eigenleben.

Zart bis dramatisch, dann wieder besänftigend begann Gheorghiu mit der G-Dur-Sonate von Joseph Haydn und federleichtem Anschlag. Dieser folgte die C-moll-Sonate von Franz Schubert mit einem Hauch von Trauer und Schmerz, als habe der Komponist geahnt, dass er nicht mehr lange leben würde.

Die schwierigsten Stücke der Klavierliteratur

Der zweite Teil des Galakonzerts widmete sich den russischen Komponisten Sergei Rachmaninow und Mili Alexejewitsch Balakirew. Mit Schostakowitschs «Etudees-tableaux» op. 33 präsentierte der Pianist den Höhepunkt des Abends.

Der Komponist schuf mit seinen Etüden, die jenseits der nervenden Fingerübungen wirken, aufwühlende und mitreissende Werke: gespielt von Teo Gheorghiu ein Hörgenuss für allerhöchste Ansprüche! «Islamy» und «Orientalische Fantasie» von Balakirew gelten in Fachkreisen als die schwierigsten Stücke der Klavierliteratur.

Die Läufe sind derart anspruchsvoll und temporeich, dass die Ohren kaum mehr eine einzelne Note ausfindig machen können – doch Gheorghiu kann sie spielen, und wie. Zwei Zugaben erklatschte sich das begeisterte Publikum, und der Pianist beruhigte mit der Träumerei von Robert Schumann.

Im Anschluss an die Musik lud der künstlerische Leiter der Schlosskonzerte, Lorenz Hasler, zum kleinen Gespräch auf die Bühne ein. Mit Charme und Witz erzählte Teo Gheorghiu kurz über seine Hauptrolle im Film «Vitus» neben Bruno Ganz vor zehn Jahren: «Wenn mich jetzt jemand anspricht, ich sei ja der Vitus gewesen, antworte ich: Ja, aber jetzt bin ichs nicht mehr!»

Er studiere gerade Brahms und Schumann. Brahms sei so fettig, nein so fett und schwer. «Wie prägend wirken Lehrer, Publikum und Presse deine Laufbahn?», wollte Lorenz Hasler wissen. «Mein Lehrer gab mir mein Fundament, konstruktive Kritik aus dem Publikum kann ich gut annehmen, denn ich teile gerne meine Musik. Bei Presseleuten weiss ich manchmal nicht, ob sie im gleichen Konzert sassen. Aber hin und wieder bekomme ich durch sie auch Denkanstösse», erklärte der Pianist.

«Am liebsten vertraue ich den Menschen, die ich gut kenne», setzte er hinzu. Wichtig sei, seine Leidenschaft zu behalten, bei sich zu bleiben und nicht nach Geld und Erfolg zu streben. Daraus wachsen die pianistischen Spitzenleistungen des jungen Ausnahmemusikers.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 20.06.2016, 08:08 Uhr

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