Gasterntal

Finne entwickelt neue Wasserturbinen

GasterntalDer aus Finnland stammende Jouni Jokela ist ein Mann mit Visionen. Ein Beispiel ist die Energiegewinnung aus Wasserkraft. Er hat eine neue Turbine entwickelt, die im Gasterntal als Prototyp im Einsatz ist.

Jouni Jokela  hat das Mini-Wasserkraftwerk geplant und erstellt, welches dem Gasthaus Gasterntal in Selden Strom liefert. Es ist ein Prototyp seiner selber entwickelten Turbine.

Jouni Jokela hat das Mini-Wasserkraftwerk geplant und erstellt, welches dem Gasthaus Gasterntal in Selden Strom liefert. Es ist ein Prototyp seiner selber entwickelten Turbine. Bild: Herbert Kobi

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Jouni Jokela (37) ist ein Tüftler, voller Ideen und Tatendrang. Der studierte Tiefbau- und Wasserbau-Ingenieur will Fachleute überzeugen und Laien zum Staunen bringen. Sein Projekt, Wasserenergie in elektrischen Strom umzuwandeln, ist nicht neu, aber mit einer von ihm erfundenen Turbine will er andere Wege gehen. Der Ursprung liegt drei Jahre zurück, als der Finne an der Engstligen die unzähligen kleinen Schwellen beobachtete, die zum Zweck des Hochwasserschutzes erstellt worden sind.

Neues Turbinensystem

Der in Frutigen lebende Ingenieur bezeichnet sich als «Grüner». Er geht auch mit den Vorsätzen in seine Arbeit hinein, die Natur zu nutzen und zu schützen. Jokela hat bis heute zwei verschiedene Erfindungen patentieren lassen. Die erste ist die «Jokela-Turbine», die andere ist die dazu gehörende Schwellenanlage. Diese Projekte wurden dem Bundesamt für Energie für den Wettbewerb «Watt d’Or» angemeldet. Er hat eine bestehende Dampfturbinen-Konstruktion so abgeändert, dass sie eine doppelt so hohe Wirkungsgradkurve als eine konventionelle Kaplan-Turbine hat. Sie ist dazu einfacher und günstiger zu bauen, da sie nur drei drehende/bewegende Teile hat. Dadurch wird sie wartungsarm und benötigt weniger Platz.

Unbekannte neue Schwellen

Seine Schwellenanlage mit integriertem Fischaufstieg stösst bei den meisten Fachleuten auf wenig Verständnis, da sie der neuen Idee nicht folgen könnten. Mit einer speziellen Bauform sei es möglich, den Wasserdurchfluss und den Sedimenttransport gegenüber konventionellen Strukturen besser zu kontrollieren. Jouni Jokela findet es schade, dass er bis heute nur vier Experten gefunden habe, die seinen Überlegungen folgen können. Timo Pohjamo aus Jokelas Heimatland, dessen «Fishway System mit Turbine» patentiert worden ist, Professor Dr. Peter Gonsowski von der Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz, Hubert Chanson, Professor für Wasserbau in Brisbane (Australien), sowie Anton Schleiss, Professor an der ETH Lausanne, sind diejenigen, welche ihn auch unterstützen. Jokela hat auch lokal Unterstützung: «Dank der Hilfe der Frutiger Firmen Elektro Fuhrer AG und Allenbach Holzbau AG wurde mir meine Arbeit sehr erleichtert.»

Jouni Jokela und seine Mitarbeiter Markus Schneider und Manuel Rohr wollen saubere Energie produzieren. Bereits vor einem Jahr sagte Jokela, dass es sein Ziel sei, «zuerst 50 Kunden zu finden, um danach den ersten Prototyp zu realisieren». Der geplante Verkaufspreis für eine 10-kW-Turbine, die im Fluss installiert würde, belaufe sich auf 30'000 Franken. «Ich rechne mit einer Stromproduktion von 8,5 bis 9,6 kW, was pro Jahr 50'000 bis 70'000 kWh ergibt.» Für Familien sieht er dabei eine Ersparnis. «Wenn zum Beispiel zehn Familien in ein eigenes Gerät investieren, wäre es möglich, mit 5000 bis 7000 kWh pro Jahr seine eigene Elektrizität zu produzieren, dies mit einer Investition von je 3000 Franken.»

Als «Grüner» möchte er mit seiner Schwellenanlage auch den Fischen dienen. An einem Modell dieser Anlage in verkleinertem Massstab von 1:36 simulierte Jokela an der Engstligen verschiedene Hochwassersituationen. Dabei stellte sich heraus, dass Geschiebeansammlungen das Flussbett nicht verstopfen, sondern am Grund der Schwellenanlage in lockerer Form liegen bleiben. «Auch der Wasserrücklauf in Ufernähe ist bei diesem Projekt erstaunlich. Daher ist eine Uferbetonierung nicht notwendig. Ich suche Naturnähe statt Beton und Stein.» Und sein grosses Vorhaben, dass der Lachs sich in den Bergflüssen ansiedeln kann, soll damit keine Utopie bleiben. Der Präsident der Fischerei-Pachtvereinigung Spiez, Hanspeter Güntensperger, steht dieser Aussicht wohlwollend gegenüber.

Prüft Frutigen den Einsatz?

Anlässlich der Frutiger Gemeindeversammlung vom 1.Juli 2012 war es der grünliberale Nationalrat Jürg Grossen, der im Zusammenhang mit dem Hochwasserschutz Engstligen den Vorschlag in die Runde warf, Alternativlösungen wie jene Ideen des finnischen Tiefbauingenieurs zu prüfen. Grossen beabsichtigte, auf nationaler Ebene abzuwägen, ob in Frutigen ein Pilotversuch gestartet werden könne. Gemeinderat Urs Kallen und Bauverwalter Jürg Aegerter zeigten sich damals verbal bereit, dem Projekt Jokela – parallel zu den konventionellen Vorschlägen – eine Chance zu geben. Bis Ende Herbst 2012 würden die Fachgremien entscheiden, ob eine Teststrecke erstellt werden kann. Die Finanzierung müsste zum grössten Teil durch das Projektteam getragen werden.

Ogi zeigt sich begeistert

Jouni Jokela blieb aber nicht untätig. Eines seiner Projekte ist in Selden hinter dem Gasthaus Gasterntal zu besichtigen. «Wir haben hier eine Turbinenanlage in der freien Natur erbaut», erzählt Jokela mit Stolz. «Beim letzten Hochwasser hat die Familie Holzer ihre alte Anlage verloren.» Mit einer provisorischen Konzession für dieses Testprojekt werde nun Strom für die Kühlanlagen produziert, was für einen Gastwirtschaftsbetrieb sehr wichtig sei.

Einer der ersten Sätze in deutscher Sprache, die Jokela übrigens hörte, war der Klassiker «Freude herrscht» von Adolf Ogi. Den Alt-Bundesrat traf er vor kurzem zufällig, und dieser zeigte sich von seinen Projekten begeistert. Daher ist auch ein anderes Ogi-Zitat für den finnischen Ingenieur zutreffend, nämlich «Der Aufschwung beginnt im Kopf».

Herbert Kobi

> (Berner Oberländer)

Erstellt: 06.09.2012, 08:56 Uhr

Zur Person

Der gebürtige Finne (Jahrgang 1975) stammt ursprünglich aus Lohja. Im nordfinnischen Oulu absolvierte und beendete er in der Fachhochschule «Oulun Teknillinen Oppilaitos» sein Studium als Tiefbauingenieur (inkl. Wasserbau). Seit dem Mai 2009 lebt er mit seiner Familie in der Schweiz und arbeitet an der Entwicklung seiner Turbinen. Mit einem kleinen Team, zu welchem auch Markus Schneider und Manuel Rohr gehören, widmet er sich in Frutigen diesem Projekt. Zusätzlich ist Jokela Besitzer der Firma Lujitustekniikka Oy in Finnland.

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