Thun

Fankhauser: «Manchmal ist das ‹cheibe› Thun so furchtbar klein»

Thun1987 spielte Philipp Fankhausers Checkerboard Blues Band am Thunfest ihr erstes grosses Konzert. Ein Vierteljahrhundert später kommt der Bluesmusiker auf der «25 Years Anniversary Tour» zurück in seine Heimatstadt. Er erinnert sich an Highlights und Tiefschläge, spricht über seine Beziehung zu Thun – und erklärt, warum er dank Tom Jones bei «Voice of Switzerland» mitmacht.

Philipp Fankhauser in der Thuner Berntorgasse: Genau hier spielte er vor 25 Jahren sein erstes grosses Konzert. Jetzt geht der Bluesmusiker auf «25 Years Anniversary Tour».

Philipp Fankhauser in der Thuner Berntorgasse: Genau hier spielte er vor 25 Jahren sein erstes grosses Konzert. Jetzt geht der Bluesmusiker auf «25 Years Anniversary Tour». Bild: Patric Spahni

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Vor 25 Jahren spielten Sie mit der Checkerboard Blues Band am Thuner Innenstadtfest Ihr erstes grosses Konzert. Wie war Philipp Fankhauser anno 1987? Philipp Fankhauser: Vielleicht gar nicht so anders als heute, einfach jünger und hübscher. Oder zumindest jünger (lacht). Ich wollte unbedingt Bluesmusiker werden – und war ziemlich unrelaxed. Es war alles ganz wichtig und ganz ernst. Ich sage nicht, dass es heute nicht mehr wichtig und ernst ist – nur macht sich eine gewisse Altersgelassenheit bemerkbar. Aber ich denke, als Menschen gibt es keine grundsätzliche Änderung an mir.

Sie sagen, Sie waren unrelaxed. Waren Sie auch viel nervöser vor einem wichtigen Auftritt? Ja, aber das hatte vornehmlich mit dem Zweifel zu tun, ob wohl alles gut kommt, ob die Band richtig spielt und ich richtig singe. Etwa 2000 Konzerte später ist der eine oder andere Zweifel verflogen. Ich kann es viel gelassener nehmen und auch geniessen Lampenfieber verdriesst einem ja ein Stück weit den Genuss.

Wie haben Sie sich damals auf der Bühne beim Thuner Innenstadtfest 1987 gefühlt? Irrsinnig. Wir haben auch gut gespielt – habe ich immer gedacht. Es gibt Aufnahmen von diesem Konzert in der Berntorgasse. Es existieren noch etwa 100 «Bändli», die ich bei mir so versteckt habe, dass man sie erst etwa an meinem 100.Geburtstag findet. In den letzten Monaten wühlte ich für die Tour im Archiv. Wir schlugen uns mit dem Gedanken rum, ob wir diese Sachen veröffentlichen, eine Retrospektive machen wollen. Dem habe ich jetzt den Stecker gezogen.

Warum? Es ist noch zu wenig lange her, dass es mich nicht mehr schmerzen würde. Im Nachhinein gesehen war das Konzert in meiner Empfindung nicht sehr toll.

Trotzdem war es für Sie ein grosser Moment. Ja klar: Die Berntorgasse war proppenvoll. Aus dem Übungskeller vor 1500 Leuten – das war ein grosser Sprung. Das war vom Gefühl her der Anfang einer Weltkarriere (lacht).

Apropos Karriere: Wenn Sie die letzten 25 Jahre Revue passieren lassen – welches war der absolute Höhepunkt? (überlegt) Es gab so viele HighlightsEine ganz grosse Zeit waren die 3 Jahre in den 90ern, als ich mit Johnny Copeland kreuz und quer durch die USA getourt bin. Ein Riesenhighlight war sicher auch das Montreux Jazz Festival 2012. Diesen Auftritt werden wir möglicherweise im Frühling 2013 als Livealbum veröffentlichen.

Bevor Sie zur Schweizer Bluesinstitution wurden, mussten Sie auch immer wieder Rückschläge einstecken. Wann haben Sie den Tiefpunkt erreicht? Das war die Rückkehr aus den USA im Jahr 2000. Es war sehr schmerzhaft, zu merken, dass das Leben hier weitergegangen und dass ich ein bisschen in Vergessenheit geraten war. 2001 gab ich den Rücktritt und machte fast ein Jahr lang keine Musik. Ich mochte den ganzen «Chrampf» nicht nochmals auf mich nehmen, um Auftrittsorte zu finden – und dann kommt doch niemand.

Was hat Sie dazu bewogen, doch wieder aufzutreten? Den Ausschlag gab Schlagzeuger Tosho Yakkatokuo, mit dem ich seit 1990 zusammenarbeite. Er sagte: Komm, wir machen was viel Einfacheres. Ein Trio mit dem Bassisten Richard Cousins. Ohne grosses Aufhebens reisten wir mit zwei Lautsprechern von Konzertort zu Konzertort. Ganz klein und unprätentiös. Das hat wieder richtig Spass gemacht, so ist die Freude zurückgekehrt. Wir flogen unter dem Radar und machten einfach nur Musik. Der Verlust dieser sogenannten Karriere, die ich gehabt hatte, war plötzlich nicht mehr relevant. Ohne Medien, ohne Berühmtsein, ohne alles haben wir 70- bis 100-mal pro Jahr gespielt – für kleine Gagen an kleinen Orten, meist unerkannt. Wir hätten am Freitag auf der Westseite von Bern und am Samstag auf der Ostseite spielen können, und die einen hätten es von den anderen nicht gewusst.

Hätte man Ihnen damals prophezeit, wo Sie heute stünden – wie hätten Sie reagiert? Sie dürfen nicht vergessen: Ich kam aus den USA als – in meinem eigenen Kopf – sehr erfolgreicher Musiker zurück. Zwar nicht kommerziell, aber ich hatte doch immerhin 150 bis 200 Konzerte mit Johnny Copeland absolviert, war in jedem grossen Club und an jedem grossen Festival aufgetreten. Aber das hatte in der Schweiz keine Relevanz. Ich selber wusste, dass ich in den 7 Jahren in den USA enorm viel gelernt hatte. Dass ich jetzt hier bin, ist ein bisschen wie eine logische Konsequenz daraus – verbunden mit einer grossen Portion Glück.

Jetzt kehren Sie für zwei Konzerte in Ihre Heimatstadt Thun zurück, die sie sogar auf Ihrem Gitarrengurt verewigt haben. War das immer eine Liebesbeziehung – oder gab es eine Zeit, in der Ihnen Thun gestohlen bleiben konnte? Gestohlen bleiben nicht – aber das «cheibe» Thun ist manchmal so furchtbar klein. Thun ist eigentlich nur ein Quartier. Wenn ich in Bern im Breitenrain an einen Baum pinkle – was ich natürlich nicht tue –, dann weiss man das in der Länggasse nicht. Wenn man das in Thun macht, ganz egal wo, dann weiss es die ganze Stadt. Das war manchmal für mich ein bisschen schwierig. Aber auch wenn ich froh bin, dass ich in Bern lebe: Ich habe Thun immer extrem gern gehabt. Und ich schliesse nicht aus, dass ich mich irgendwann im hohen Alter – was ja nicht mehr so lange dauert – irgendwo um das Seebecken rum niederlasse.

In näherer Zukunft steht ein ganz anderes Projekt an: die Castingshow «The Voice of Switzerland» (gedehnt) Mmmmhmm.

Nun ist es ja so, dass man sich im Umfeld von Castingshows kaum jemanden weniger gut vorstellen kann als Philipp Fankhauser, der sich den Erfolg über Jahre hinweg hart erarbeitet hat. Was hat Sie bewogen, mitzumachen? Im Frühling hat mich mein bester Freund und Manager Roger Guntern gefragt, ob ich da mitmachen würde. Ich habe gesagt: Seid ihr alle wahnsinnig geworden? Nie im Leben. Ich hatte das Gefühl, ich passe überhaupt nicht in dieses Umfeld.

Wer hat Sie umgestimmt? Aus schierem Gwunder habe ich mir die englische Ausgabe angeschaut. Zu meiner grossen Freude war dort nebst drei modernen, hippen Musikern einer meiner grossen Lieblinge dabei: der alte, graue, nichtsdestotrotz wunderbare Tom Jones. Da dachte ich: Aha. Wie passt jetzt der in eine Castingshow? Überhaupt nicht. Ich habe gemerkt, dass diese Sendung einen hohen musikalischen Wert hat. Es geht weder um Getänzel noch um Lichtshow, es geht um die Stimme. Natürlich ist es ein Fernsehformat und nicht nur Gutmenschentum, das ist völlig klar. Aber das Konzept, dass ich Leute höre, von denen ich nicht weiss, wie sie aussehen, wie alt sie sind, woher sie kommen, dass ich zuhöre und warte, ob mich die Stimme berührt – das finde ich schon sehr cool. Darum habe ich beschlossen, mitzumachen – im Wissen darum, dass man munkeln und orakeln und monieren wird. Aber darüber sprechen wir im März wieder, wenn die Show vorbei ist und man sagt: Fankhauser, jetzt musst du ins Ausland zügeln, in der Schweiz musst du dich nur noch schämen. Oder die Leute finden: Es war alles gut. Ich bin selber gespannt. Ich weiss nur: Stefanie Heinzmann ist ein Schätzi, Marc Sway mag ich eh gut, und Stress lerne ich gerade erst kennen.

Ein weiteres Projekt ist das Konzertlokal Mühle Hunziken in Rubigen, wo Sie seit 2011 beteiligt sind. Jetzt sind Sie als Geschäftsführer zurücktreten. Warum? Mit all meinen Verpflichtungen bleibt mir schlicht zuwenig Zeit. Das aktive Tagesgeschäft haben schon bisher Thomas Burkhart und mein Bruder Christoph geleitet. Als Gesellschafter bleibe ich aber in der Mühle Hunziken GmbH.

Wünschten Sie sich nach den ganzen Querelen mit dem ehemaligen Betreiber Peter Burkhart manchmal, Sie wären gar nie eingestiegen? Schauen Sie, wenn man auf der einen Seite die Zeit zurückdrehen könnte und ich damals gewusst hätte, was ich heute weiss, hätte ich es wahrscheinlich nicht gemacht. Auf der anderen Seite muss man sehen: Die Mühle läuft wunderbar weiter, das Programm ist gut, das Team ist aufgestellt, die Konzerte sind super besucht.

Schauen wir zum Schluss weit in die Zukunft: Wo ist Philipp Fankhauser heute in 25 Jahren? Heute in 25 Jahren Da bin ich 73 Jahre alt Hoffentlich mit Michael Gurtner entweder für das «Thuner Tagblatt» oder das «Time Magazine» an einem Interview (lacht). Ich habe die Hoffnung und die Illusion, dass wir in 25 Jahren eine 50-Jahr-Retrospektive machen können. Vielleicht bin ich dann bereit, wirklich bis ganz weit zurück Songs rauszulassen. Und ich hoffe auf ein schönes Haus mit Aussicht über den Thunersee, ein Ruderbötchen am See unten – mit einem Hilfsmotörli, wenn ich nicht mehr rudern mag. Und immer noch auftreten können – vielleicht nicht mehr 100-, sondern nur noch 10- oder 20-mal im Jahr. Einfach solange ich Lust habe und es die Leute hören wollen. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 20.10.2012, 13:39 Uhr

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