Gasterntal

Familie Rauber will weitermachen

GasterntalNach der grossen Zerstörung durch das Unwetter im letzten Oktober verloren einige Bewohner ihre Bewirtschaftungsflächen. Darunter auch die Familie Rauber, welche das Berggasthaus Heimritz sowie den dazugehörenden Alpbetrieb führt.

So präsentiert sich die Umgebung des Berggasthauses Heimritz derzeit. Im Vordergrund die Notbrücke, dahinter der Alpbetrieb der Familie Rauber.

So präsentiert sich die Umgebung des Berggasthauses Heimritz derzeit. Im Vordergrund die Notbrücke, dahinter der Alpbetrieb der Familie Rauber. Bild: Corina Kobi

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Dort, wo sich bis zum 10.Oktober 2011 eine wunderschöne Naturlandschaft präsentierte, liegt heute Geröll und Schutt. Der hintere Teil des Gasterntales oberhalb des Weilers Selden hat sich seit dem verheerenden Unwetter, begleitet von massiven Murgängen, stark verändert. Das Berggasthaus Heimritz, auf 1632 Metern über Meer liegend, welches die Familie Rauber aus Mitholz seit Generationen führt, liegt mitten in dieser Landschaft. Es wurde schon früher von Naturgewalten heimgesucht, wobei grosse Lawinenniedergänge 1969 und 2005 Gebäude beschädigten und teilweise verschütteten. Das Leben mit der Natur gehört bei Raubers zum Alltag, obschon dieses letzte Ereignis auch für sie einen extremen Einschnitt bedeutet.

Ungewissheiten im Winter

Juniorchef Urs Rauber und seine Freundin Margrit Dahinden berichten über die heutige Situation und geben ihre Gedanken und Gefühle zur Zukunft preis. Für sie, wie auch für Silvia und Heinz, die Eltern von Urs, waren der Murgang und das Hochwasser vom letzten Oktober ein grosser Schock, was ihnen auch heute noch anzumerken ist. Trotzdem wollen alle mit Optimismus und guten Vorsätzen auf dem bisher Geleisteten aufbauen.

«Wir haben im letzten Winter versucht, ein Konzept zu erstellen, wie wir im Sommer die bestehenden Weiden bewirtschaften können und wie es mit dem Gastbetrieb weitergehen soll», erzählt Urs Rauber. Im Winter hätten sie natürlich nicht gewusst, was sie im Juni vorfinden werden. Die Frage war auch, ob sie eine Bewilligung für eine Zufahrt zum Heimritz erhalten würden. «Es bestand auch die Ungewissheit, ob die Gebäudeversicherung die Bestätigung geben würde, den zerstörten Stall zu räumen, zu reparieren und vor allem wieder zu nutzen.»

Reduzierter Viehbestand

Diese Unsicherheiten gehören heute der Vergangenheit an. Trotzdem bleibt das reduzierte Weideland ein Problem. Urs Rauber weiss, dass bis zur Wiederherstellung des alten Zustandes ein langer Weg gegangen werden muss. «Erst in 20 bis 30 Jahren wird die alte Fläche zumindest teilweise wieder verfügbar sein. Das Inforama in Hondrich wird beurteilen, wie viel Vieh zukünftig im hinteren Teil des Gasterntals noch gesömmert werden darf.» Dieses Jahr habe man den Viehbestand reduziert. Glücklicherweise konnten aber wie bis anhin rund 300 Schafe in die Schafberge, die oberhalb des Heimritz liegen, zur Sömmerung gebracht werden.

Ein weiteres Sorgenkind bleibt für Raubers der knapp 20 Meter vom Stall entfernte aufgeschüttete Damm entlang des Kanderlaufs. «Jeder zweite Tourist sagt uns, dass der Damm viel zu nahe beim Haus liegt und die Gefahr einer weiteren Überschwemmung so wohl nicht gebannt ist.» Urs Rauber gibt selber ein Beispiel über die Gefährlichkeit: «Bei einem der letzten Gewitter stieg das Wasser so hoch an, dass wir das Schlimmste befürchten mussten.» Und dabei macht ihm und seiner Familie der Tatbestand zu schaffen, dass eine Verschiebung des Flusslaufes aus Kostengründen für die öffentlichen zuständigen Stellen nicht infrage komme. «Trotzdem leben wir mit vollem Optimismus, aber diese Belastung verursacht uns immer wieder Kopfzerbrechen.»

Das Berggasthaus ist heute über die neu gebaute Alpstegbrücke in Selden, den Viehweg und eine Notbrücke im Heimritz zu erreichen. «Touristen und Wanderer kommen nach wie vor zu uns, und wir verspüren das Interesse und die Solidarität der Gäste. Das tut uns gut», sagt Rauber mit Erleichterung. «Trotzdem ist die Zukunft schwierig abzuschätzen, wobei die Handlungskompetenz oft bei anderen liegt.»

Für Rauber und Dahinden ist es sehr wichtig, zu betonen, dass die Bergwanderwege immer mehr erschlossen werden. «Seit kurzem ist der Wanderweg bis zum Kanderfirn und zur Mutthornhütte wieder begehbar.» Trotz dieses Lichtblickes und auch der Gewissheit, dass ihnen durch Freiwilligenarbeit viel geholfen wurde, bleiben Zukunftsängste bestehen, wovon Urs Rauber einige aufzählt: «Das Restaurant hätte nicht mehr den gleichen Wert, wenn die Landwirtschaft nicht betrieben werden könnte. Ohne Tiere ist das Heimritz nicht das Heimritz vergangener Jahre» und «Wir leben in einem wilden Tal und müssen daher flexibel handeln können.» Trotzdem bleibt die Motivation, denn «wir haben überlebt, und unser Leben geht hier weiter», ist die Meinung von Rauber. Und dass es trotz der Schatten- auch Sonnenseiten gibt, dokumentiert der Gasthausbetreiber an einem Beispiel: «Die Tiere passen sich auch an die veränderten Lebensbedingungen an. Heute ruhen sie sich an heissen Tagen statt auf Gras im kühlen Sand oberhalb des Gasthauses aus und fühlen sich wohl dabei.» (Berner Oberländer)

Erstellt: 01.09.2012, 17:16 Uhr

Weitere Hilfe in Aussicht

Lehrlingslager Ende 2011 beschlossen der Baukonzern Frutiger AG aus Thun und der Rotary Club Thun-Niesen, gemeinsam einen Einsatz im Heimritz zu leisten und einen Teil der Aufräumarbeiten zu übernehmen. Eine erste Gruppe Lernende hat bereits vom 2. bis 13.Juli mit den Arbeiten am neuen Wanderweg Selden–Heimritz und mit der Wiederherstellung des Geissenstalls im Heimritz begonnen. Eine zweite Gruppe von Lehrlingen wird nun vom 17. bis 28.September im hinteren Teil des Gasterntales tätig sein. Unter der Leitung von Ernst Steinhauer, Koordinator Lernende der Frutiger- Betriebe, Uetendorf, sowie von Walter von Gunten, Strassenbau Frutiger AG, werden pro Woche 10–15 Lernende aus verschiedenen Berufsgruppen (Maurer, Strassenbauer, Baumaschinenmechaniker, Bauwerktrenner, Metallbauer und Kaufmann/ Kauffrau) im Einsatz stehen. Ihre Aufgabe wird sein, den Geissenstall zu reparieren und den Wanderweg auf der Sonnenseite fertigzustellen. Auch ist ein Einsatz des Zivilschutzes geplant, wobei das Hauptaugenmerk auf die Instandstellung der Wanderwege hinter dem Heimritz gelegt wird, wodurch weitere Weideflächen von Raubers wieder erschlossen werden.

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