«Es ist für mich das Grösste, Albert Streich spielen zu dürfen»

Auf dem Ballenberg wird «Vehsturz», ein Stück von Tim Krohn ausgehend vom Gedicht «Dr Vollechiehjer» des Brienzers Albert Streich, geprobt. Paul Eggenschwiler spielt den Tschuri, wie sich Albert Streich in seinen Jugenderinnerungen nennt.

Darsteller Paul Eggenschwiler sitzt auf dem Bänkli vor dem Haus aus Escholzmatt im Freilichtmuseum Ballenberg. Hier wird er als Tschuri auch sitzen, wenn ab dem 10. Juli «Vehsturz» gespielt wird.

Darsteller Paul Eggenschwiler sitzt auf dem Bänkli vor dem Haus aus Escholzmatt im Freilichtmuseum Ballenberg. Hier wird er als Tschuri auch sitzen, wenn ab dem 10. Juli «Vehsturz» gespielt wird. Bild: Ueli Flück

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Paul Eggenschwiler, Sie führten 1996 Regie, als zur 850-Jahr-Feier von Brienz «Sunnsiits am Roothoren» aufgeführt wurde. Arthur Wüthrich hatte das Stück, ausgehend vom gleichnamigen, von Albert Streich verfassten und 1934 von Radio Bern ausgestrahlten Hörspiel, geschrieben. Erinnern Sie sich?
Paul Eggenschwiler: Das fuhr den Leuten ein. Sowohl der Inhalt des Stücks wie die Mundart wurden sehr geschätzt. Das Stück wurde 17-mal gespielt, war immer ausverkauft. 103 Spielerinnen und Spieler – vom 4- bis zum 81-Jährigen – standen im Einsatz. Noch heute wird davon gesprochen.

Wie gegenwärtig ist den Brienzern das Werk des Lyrikers Albert Streich eigentlich noch?
Anlässlich seines 50. Todestages 2010 lud die Gemeinde zu einem Gedenkanlass ein. Viele, die Streich nicht kannten, befassen sich nun mit ihm.

Ausgehend von Streichs «Dr Vollechiehjer», schrieb Tim Krohn das Freilichttheater «Vehsturz». Der Autor reicherte das Stück mit einer Liebesgeschichte à la Romeo und Julia an. Wie viel Albert Streich blieb übrig?
Die Schwierigkeit bestand darin, das Drama auf der Alp «abba i ds Dorf» zu bringen. Der Autor löste das so, dass der Hänsel von der Alp ins Dorf kommt und sich hier verliebt. Sein Vater verspielt sein Geld im Grandhotel im Dorf. Von Streich bleibt viel, vor allem auch seine Gedichte, mit denen das Stück versetzt ist.

«Vehsturz» geht vom Unglück auf der Alp aus und erzählt eine zärtliche Liebesgeschichte, thematisiert aber auch Spielsucht und Geldgier.
Das Stück ist sehr sozialkritisch. Eine grosse Trockenheit verschlimmert die herrschende Armut. Das Wasser für die Gärten muss im See unten geholt werden. Die Bauern vermögen keine Knechte mehr, müssen ihr Vieh zu schlechten Preisen verkaufen. Sie suchen ihr Glück im Spiel.

Streichs Gedichte in Brienzer Mundart hat Daniel Fueter vertont. Chöre treten auf. Tendiert «Vehsturz» zum Musical?
Nein, das wollen wir nicht. Einige Gedichte werden gesprochen, andere gesungen. Die gesungenen Gedichte sind zwar sehr schön, aber es dürfen nicht zu viele sein. Der goldige Mittelweg muss gefunden werden. Wir werden ihn finden.

Kannten Sie Albert Streich persönlich? Und was würde er wohl zu «Vehsturz» sagen?
Ich war 13-jährig, als er starb, und wusste zwar, wer er war, nahm ihn aber nicht als Dichter wahr. Zu Hause hatten wir Büchlein von ihm und auch Schallplatten, auf denen er zu hören war. In der Schule mussten wir das Gedicht «Dr Vollechiehjer» auswendig lernen. Der Lehrer entschied, wer es am Examen aufsagen durfte. Ich durfte.

Sie haben Kontakt zu seinem Sohn Andreas...
Andreas, das jüngste von vier Kindern der Familie und das einzige, das noch lebt, war 12-jährig, als der Vater starb. Er erzählt, dass er sich nur etwa an die letzten 5 Jahre im Leben seines Ätti erinnern kann. Andreas lebt im Haus, das sein Vater auf Land baute, das ihm die Gemeinde geschenkt hatte.

Die Rolle der Elsi spielt die Profischauspielerin Mona Petri, die Tochter von Daniel Fueter und Enkelin der legendären Annemarie Blanc. Spricht sie Briensertiitsch?
Als Zürcherin spricht sie ja den Zürcher Dialekt. Das geht natürlich in «Vehsturz» nicht, mindestens Berndeutsch sollte es sein. Wenn sie schon Berndeutsch lernen müsse, könne sie sich ja gleich den Brienzer Dialekt aneignen, sagte sie. Nun, die Urbrienzer werden wohl feststellen, dass es da und dort nicht ganz lupenrein tönt, Auswärtige merken davon aber überhaupt nichts. Es wird funktionieren.

Wie bewährt sich das Zusammenspiel zwischen der Profidarstellerin und den einheimischen Laienschauspielern?
Sehr gut! Wie schon immer. Inigo Gallo sagte: «Wir Profis lernen manchmal auch von Laien. Uns geht manchmal das Gradlinige ab.» Die Profis kommen jedenfalls gerne auf den Ballenberg.

Sie selber spielen den Tschuri, wie sich Albert Streich in seinen Jugenderinnerungen nennt, den Onkel von Elsi. Gefällt Ihnen die Rolle? Ist es gar eine Ehre, als Albert Streich aufzutreten?
Die Rolle gefällt mir. Und es ist für mich das Grösste, Albert Streich spielen zu dürfen. Ich habe seine Sprache sehr gerne, denn er versteht es, in einem einzigen Satz sehr viel zu sagen.

Wie verlief die Probenzeit bisher?
Wir haben eine «gäbige», gute Regisseurin. Ab Mitte Februar probten wir im Hotel Sternen und nun seit dem 20. April zwei- bis dreimal im Freien. Nur das Wetter machte bisher nicht so recht mit.

Sie sind ein versierter Theatermann und verfügen über eine grosse Erfahrung. Wird «Vehsturz» zum Erfolg?
Ich hoffe es sehr. Es wird sich zeigen, wie der Name des Stücks «zieht», wie die bekannten Mona Petri und Daniel Fueter. Wir spielen zwar vor einer schönen, idealen Kulisse, dem Haus von Escholzmatt, aber das Wetter wird, trotz gedeckter Tribüne, entscheidend sein. Und: Es gibt immer mehr Freilichttheater. Der Kuchen wird nicht grösser, jedoch wollen immer mehr Veranstalter sich ein Stück davon abschneiden. Aber ich bin zuversichtlich. Die Zuschauer dürfen sich auf einen unterhaltsamen, eindrücklichen Abend freuen.

Landschaftstheater Ballenberg: Mit dem Espacecard-Kombiticket (Eintritt Freilichtmuseum, Theatermenü und-billett): Erwachsene 82 Fr. statt 102 Fr., Kinder 41Fr. statt 51 Fr. Bestellen: über Tel. 0800 551800 (Gratisnummer) oder unter www.espacecard.ch. Die Anzahl Tickets ist limitiert. (Berner Oberländer)

Erstellt: 22.05.2013, 09:14 Uhr

Die Sage, das Gedicht, das Theater

Am Fusse des Faulhorns, vom Tschingelfeldbödeli gegen das Schwarzhorn, zieht sich ein langes Felsband hin, das Schweifisband genannt. An einer Stelle, ungefähr in der Hälfte, ist im Felsen eine trichterförmige Einbuchtung, die unter den Älplern die Volle heisst. Einst hatten Vater und Sohn, Älpler an Bättenalp, kehrweise die Hutschaft zu besorgen. Als sie eines schönen Tages die ganze Viehherde der Alp auf das Schweifisband getrieben hatten und dann beim grossen Stein eine «Gliwwi» hielten, verliess der Vater – ein arger Spieler – den Buben mit der Lüge, er müsse noch dies und das besorgen. Er ging aber in den obersten Stafel, auf die Fangisalp, zum Kartenspiel. Am Nachmittag aber zogen finstere Wolken auf, es blitzte und donnerte, ein Hagelwetter toste daher. Das Vieh setzte davon und in hellem Galopp blindlings in die Volle und den sicheren Tod. Der Bub konnte die davonstürmende Herde nicht aufhalten und tat in heller Verzweiflung den Fluch, wenn alles zum Teufel müsse, dann wolle er grad auch mit, hängte sich der letzten Kuh an den Schwanz und starb den grausamen Tod seiner Schutzbefohlenen. Als der Vater vom Unglück Kunde erhielt, verliess er auf der Stelle Spiel und Genossen, und niemand hat ihn je wieder gesehen. Er soll sich im Hagelseeli im Hiendertellti (Grindelwald) ertränkt und als ein böser Geist die Älpler mit grausen Dingen in Schrecken versetzt haben.
Albert Streich erzählt die Sage «Der Vollenküher» hochdeutsch im Band «Brienzer Sagen» und briensertiitsch im Gedicht «Dr Vollechiehjer». Davon ausgehend schrieb Tim Krohn – der Autor des diesjährigen Einsiedler Welttheaters – für das Landschaftstheater Ballenberg eine karge, so deftige wie zärtliche «Romeo und Julia»-Version.
Um 1930 herrscht auch am oberen Ende des Brienzersees Armut, verschlimmert noch durch eine grosse Trockenheit. In der Hoffnung, der Armut zu entrinnen und das Glück zu erzwingen, ruiniert sich einer nach dem andern mit Lotterien und Kartenspiel. Auch Elsis Eltern müssen ihr Haus verpfänden und hoffen, dass ihre Tochter eine gute Partie macht. Diese Partie aber ist Hänsel, der Zusenn an Bättenalp, der Liebste im Dorf. Als der wohlhabende Portier des Grandhotels um Elsis Hand anhält, versprechen die Eltern ihm die Tochter, ohne sie auch nur zu fragen. Elsis und Hänsels Liebe scheint aussichtslos. Nur Elsis Onkel, der Dorfdichter Tschuri, glaubt an die beiden. Kohns Stück in Brienzer Mundart ist versetzt mit vielen Gedichten Albert Streichs, die Daniel Fueter vertont hat. In die Rolle der Elsi schlüpft Fueters Tochter Mona Petri, die Enkelin der legendären Annemarie Blanc. Regie führt Renate Adam.

Vorstellungen: 10.Juli 2013 (Premiere); 2.Juli bis 24.August 2013, je 20.15 Uhr, jeweils Mittwoch bis Samstag.
www.landschaftstheater-ballenberg.ch

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