«Es geht darum, die ganze Entwicklung wachsam zu verfolgen»

Unterseen

«Alles verlagert sich ins Internet-TV», sagt Walter Balmer. Der Gründer, Besitzer und CEO der Kabelfernsehen Bödeli AG hat nach 30 Jahren die Firmenleitung seinem Sohn übertragen.

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Wie lange schauen Sie täglich Fernsehen?Walter Balmer: 30 Minuten.

Das ist weit weniger als der durchschnittliche Deutschschweizer mit 125 Minuten. Warum nur so wenig? Weil ich fürs Fernsehschauen einfach keine Zeit habe. Das wird sich aber nun sehr bald ändern.

Oder liegt es an der Qualität der Programme, die Sie verbreiten? Wir können nur verbreiten, was uns geliefert wird. Aber die grosse Programmauswahl, die wir anbieten, ist wohl genügend inhaltsreich, um einen interessanten TV-Abend zu gestalten.

An der Quantität kann es tatsächlich nicht liegen: Gestartet ist die Kabelfernsehen Bödeli AG 1985 mit 15 TV-Programmen, heute werden bereits über 160 verbreitet – je mehr, je besser? Nein, das ist falsch ausgedrückt. Wir passen uns den Bedürfnissen der Kunden an. Dabei ist der Tourismus von zentraler Bedeutung. Deshalb bieten wir Programme in über zwanzig Sprachen an.

Gibt es Sender, die Sie nie aufschalten würden? Bevor ein neuer Sender aufgeschaltet wird, kommt er intern zur Vorvisionierung. Dabei prüfen wir sehr genau, ob er den Gepflogenheiten der Kabelfernsehen Bödeli AG entspricht.

Bei Beginn des zweiten Golfkrieges 1990 schalteten Sie noch am selben Tag CNN auf... ...ja, nur grad ein paar Stunden nach Kriegsausbruch. CNN war der Newssender...

...und 1991 als erster Kabelnetzbetreiber der Schweiz einen japanischen Sender. Da der japanische Tourismus dermassen boomte, suchten wir nach Möglichkeiten, einen japanischen Sender aufzuschalten. Das gelang nach intensiven Verhandlungen. JSTV ist auch heute noch ein beliebtes Programm.

Es gab aber auch das Gegenteil: 1998 wurden Sie von Roger Schawinski aufs Übelste beschimpft, weil Sie sein Tele 24 nicht berücksichtigten. Wurde der Streit je beigelegt? Ja, rechtlich wurde das beigelegt. Es war tatsächlich so, dass die Analogtechnik unsere Bandbreite einschränkte und Tele 24 nicht zu übertragen war.

Und die persönlichen Differenzen? Die sind ebenfalls beigelegt.

Neben den TV- und Radioprogrammen spielten immer mehr auch andere Angebote eine Rolle. 1992 weihten Sie Ihren eigenen TV-Sender ein, der sogar längere Beiträge vor allem über Sportanlässe beinhaltet. Wo liegen die rechtlichen Grenzen? Dieser Panoramic-Info-TV-Kanal bedingte eine Programmkonzession. Im Gesuch musste man die Inhalte deklarieren. Es handelt sich hier um Informationen sowohl für die Bevölkerung als auch die Touristen. In der Folge wurde vom Männlichen die erste Livebildkamera der Schweiz aufgeschaltet. Es folgten kleine Videobeiträge. Es ist durchaus denkbar, dass wir noch weitere interessante Sportevents oder andere Anlässe übertragen.

Ab 1998 lieferte Ihr Unternehmen Livepanoramabilder via Satellit nach ganz Europa – ein lohnenswertes Geschäft? Es ist ein Geschäft wie jedes andere auch. Dank dem grossen Informationswert und der hohen Akzeptanz bei Einheimischen und Touristen ist das für alle ein lohnenswerter Dienst.

Den grössten Schritt jedoch machte Ihr Unternehmen Ende 1997, als man neu als Internetprovider tätig wurde – eine Ihrer besten Entscheidungen? Es war einer von vielen bedeutenden Entscheiden, die ich in den letzten dreissig Jahren getroffen habe. Als einer der ersten Kabelnetzbetreiber der Schweiz habe ich das Highspeed-Internet auf dem Kabel-TV-Netz lanciert.

Das Netz wurde ab 2001 im Hinblick auf die Digitalisierung modernisiert. Wie lange genügen die neuen Kapazitäten noch? Die Frage muss lauten, wie langlebig die neue Netztechnologie sein wird. Die stetige Weiterentwicklung der Digitaltechnik und vor allem die Struktur des hochmodernen Glasfasernetzes werden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren nicht an ihre Grenzen kommen.

Apropos Netz: Die Topografie des Oberlandes zwang Sie oft zu Improvisation und technischen Neuerungen – wie das Beispiel Mürren bewies... Eine der allerersten Glasfaserleitungen, die wir bauten, war jene ins Lauterbrunnental. Doch wie sollte via Stechelberg auch Mürren erschlossen werden? Zusammen mit der Schilthornbahn wurde eine optimale Lösung gefunden: Am bestehenden Signalseil der Transportbahn wurde unser Glasfaserkabel mit Briden im Abstand von 50 Zentimeter angeheftet.

In Grindelwald hingegen stellen sich andere Probleme: Warum herrscht dort noch immer die Cablecom und nicht die Kabelfernsehen Bödeli AG? Seinerzeit brauchte es zur Erlangung der Bau- und Betriebskonzession einen Vertrag zwischen dem entsprechenden Kabelbetreiber und der Gemeinde, der die öffentlichen Durchleitungsrechte regelte. Wir hatten ein entsprechendes Gesuch wie auch in Lauterbrunnen eingegeben, aber Grindelwald entschied sich für den Netzbetreiber Autophon, der später von der Cablecom übernommen wurde.

Aber man bedauert den Entscheid noch immer? Es ist ein offenes Geheimnis, dass wir nach wie vor daran interessiert sind, Grindelwald in unser Netz aufzunehmen.

Zurück zur Digitalisierung, die das Kabelfernsehen Bödeli am 14.November 2006 mit 110 TV- und 140 Radioprogrammen feierte. Wie lange werden Sie Ihre Analogpalette noch anbieten? Wir sind schweizweit noch der einzige Netzbetreiber mit der vollen Analogpalette. Das wird bis Ende dieses Jahres so bleiben. Dann aber geht die Analogtechnik halt wirklich dem Ende entgegen, und auch im östlichen Berner Oberland ist mit einer Reduktion zu rechnen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass ein Restbestand von deutschsprachigen Angeboten bestehen bleibt.

Die technische Entwicklung geht immer rasanter vorwärts, ebenso verändert sich das Konsumverhalten des Kunden. Er wechselt ins Internet... Es ist klar: Wir entwickeln uns immer mehr vom Content-Anbieter zum Netzwerkbetreiber. Alles verlagert sich ins Internet-TV. Das wiederum bedingt möglichst hohe Übertragungsgeschwindigkeiten. Der Kunde stellt Ansprüche bezüglich eines leistungsfähigen und stabilen Netzes. Die Kabelfernsehen Bödeli AG ist hervorragend aufgestellt: Dank unserem hochmodernen Glasfasernetz können wir das flächendeckend schnellste Internet der Schweiz mit 300 Megabit anbieten.

Wie stark profitieren Sie vom ebenfalls gestiegenen Interesse an der Kabeltelefonie? Wir haben unseren Telefondienst Cablevoice schon vor vier Jahren eingeführt und verzeichnen jährlich ein erfreuliches Wachstum im dreistelligen Bereich.

Und wie siehts beim einst viel beachteten Pay-TV aus – je länger, je überflüssiger? Das wird weitgehend abgelöst von TV on demand. Heute hat jeder Kabelfernsehkunde, der ein schnelles Internet hat, die Möglichkeit, einen solchen Dienst zu abonnieren, beispielsweise das Apple TV oder auch das neue Netflix.

Vor 15 Jahren gab es rund 270 Kabelnetzunternehmen, heute sind es noch 220. Macht Ihnen diese Konzentration Sorgen? Nein. Unter den 270 waren damals auch sehr viele kleine Betriebe mit nur 1000 bis 2000 Teilnehmern. Doch die technischen und kommerziellen Herausforderungen sind inzwischen derart gewachsen, dass für solche kleinen Netzbetreiber ein autonomes Überleben sehr schwierig geworden ist.

Hat Ihnen Cablecom schon Kaufangebote gemacht? Nicht nur die Cablecom. Aber wir haben kein Interesse bekundet. Das dokumentieren wir ja auch mit der Firmenübergabe an unseren Sohn.

Was wird die grösste Herausforderung für Ihren Sohn sein? Es geht darum, die ganze Entwicklung wachsam zu verfolgen und neue Möglichkeiten jeweils sofort ernsthaft zu prüfen und gegebenenfalls als innovative Dienste einzuführen. Das zeigt sich übrigens auch beim ersten Projekt, das unser Sohn übernommen und realisiert hat: das Public-Wi-Fi Interlaken.

Die Kabelfernsehen Bödeli AG ist ein reines Familienunternehmen. Warum wollen Sie keine anderen Aktionäre? Für einen Familienunternehmer und Eigentümer sind die Entscheidungswege sehr kurz. Und wie man in den letzten dreissig Jahren feststellen konnte, hat es in unserer Branche immer wieder Entscheidungsfreudigkeit und Beschlüsse gebraucht, ohne sie in einem grossen Gremium lange diskutieren zu müssen.

Sie sind also ein sehr familiärer Mensch – und ein musikalischer. Für beides werden Sie nun mehr Zeit haben. Ja, ich freue mich, mehr Zeit für meine Familie, meine Grosskinder und meine Hobbys zu haben. Ich hatte das grosse Glück, das Musiktalent meiner Vorfahren erben zu dürfen. Bedingt durch die berufliche Situation, habe ich aber meine musikalische Laufbahn vor dreissig Jahren beendet, bis auf das Komponieren. Nun ergab sich die hervorragende Gelegenheit, mit der Top-Formation Gupfbuebä mit Dani Häusler über zwei Dutzend meiner Kompositionen aufzunehmen. Die sehr abwechslungsreiche CD kommt im Frühjahr auf den Markt. Und ausserdem habe ich ja noch meinen eigenen Käse von der Alp Nessleren. Der wird natürlich weiterhin mit grösster Sorgfalt gepflegt.

Berner Oberländer

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