Doppeldecker, mit 75 Jahren noch flügge

Thun

Vor genau 75 Jahren flog der Bücker Jungmann, der heute in Thun stationiert ist, erstmals. Trotz des Alters ist der gelbe Doppeldecker praktisch frei von Macken, wie ein Flug über die Region zeigt.

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Die alte Dame ziert sich etwas, als Pilot Peter Adam den Motor starten will. Erst als er den Anlasser mit Nachdruck betätigt, kommt die HB-UUD, wie das Kennzeichen des knallgelben Doppeldeckers lautet, allmählich auf Touren. Im Alter nehmen «Mödeli» bekanntlich zu. Viele hat die 75-jährige Maschine des Typs Bücker Jungmann aber nicht: Sobald der Motor warm gelaufen ist, gibt sich das nostalgische Flugzeug völlig gutmütig und zahm – solange man der extrem präzisen Steuerung mit entsprechend viel Feingefühl Rechnung trägt.

Fliegen nach Gefühl

Im Zickzack rollt Peter Adam zum Startplatz. Weil das dritte Rad des Flugzeuges am Heck liegt, ragt die Nase ziemlich steil in die Luft und versperrt dem Piloten am Boden die direkte Sicht nach vorne. «Weil das Blickfeld eingeschränkt ist, muss man sich beim Landen noch mehr aufs Gefühl verlassen als sonst», sagt Adam. Aufmunternde Worte vor dem Start. Beruhigend zu wissen, dass Piloten mindestens 500 Flugstunden ausweisen müssen, bevor sie das Steuer des Bücker Jungmann übernehmen dürfen. Ausserdem macht Peter Adam einen vertrauenswürdigen Eindruck. Geduldig erklärt er den Einstieg, wie die Kommunikation funktioniert, was die Herausforderungen beim Fliegen eines Doppeldeckers sind, der ein Dreivierteljahrhundert auf dem Buckel hat. Zum einen ist da eben die Sache mit der Sicht. Zum anderen ist die Instrumentierung ziemlich spartanisch. Fliegen nach Gefühl halt.

Daumen hoch oder runter

Früher war selbst die Kommunikation zwischen Pilot und Passagier, die im offenen Rumpf hintereinandersitzen, nur per Handzeichen über einen kleinen Spiegel möglich, der seitlich an einer Verstrebung befestigt ist. Daumen hoch: alles okay. Daumen runter: sofort landen. Erst nachträglich wurde das Flugzeug mit Funk ausgerüstet, was eine verbale Verständigung zwischen Pilot und Co-Pilot beziehungsweise Passagier ermöglicht.

In der Luft führt Peter Adam mit Steilkurven und einigen klassischen Manövern die Wendigkeit des Doppeldeckers vor. Von Altersstarre keine Spur. Immerhin wird die alte Dame auch von nicht weniger als 22 Liebhabern – den Mitgliedern des Bücker-Fanclubs Thun — mit Hingabe gepflegt. Welche andere 75-Jährige kann das schon von sich behaupten?

«Jetzt bitte den Kopf nach rechts neigen», funkt der Pilot, als er den Endanflug auf das Flugfeld Thun eingeleitet hat. So kann der Passagier dem Piloten die Sicht etwas erleichtern. Keine Landeklappen sorgen für zusätzlichen Auftrieb – moderner Schnickschnack. Zweimal noch stellt Adam das Flugzeug leicht quer, um nach vorne sehen zu können, dann gehts schnurstracks auf die Landebahn zu. Wenige Sekunden später setzt er die Maschine mit einer perfekten Dreipunktlandung auf der Graspiste auf. Fliegen nach Gefühl: Peter Adam kann es.

Berner Zeitung

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