Digital-Branche der Region entwickelt sich rasant

Immer wieder sorgen Digitalfirmen aus der Region Thun mit Innovationen für Aufsehen in der Branche. Das Thuner Tagblatt ist der Frage nachgegangen, ob welche Bedeutung diese dereinst erlangen könnte.

Auch in der Region Thun werden Jahr für Jahr Tausende von Code-Zeilen für Computerprogramme geschrieben.

Auch in der Region Thun werden Jahr für Jahr Tausende von Code-Zeilen für Computerprogramme geschrieben. Bild: Fotolia

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mehrere Hundert Personen arbeiten in der Region Thun-Berner Oberland bei Firmen im Digitalbereich, die in der Branche immer wieder mit Innovationen auf sich aufmerksam machen. Auch wenn die ICT-Branche – die «Information and Communication Technologies» – noch bei weitem nicht die Bedeutung des Maschinenbaus oder des Tourismus in der Region hat, entwickelt sie sich doch rasant. Eine Umfrage bei elf führenden Firmen gibt einen Überblick über die Vielfalt der Betätigungsfelder – aber auch darüber, wie unterschiedlich das Potenzial für die Branche eingeschätzt wird.

Content-Management für KMU

Eine der grössten Digitalfirmen in Thun ist die Comvation AG. Sie konzipiert und programmiert responsive Websites für Desktop- und Mobilgeräte, aber auch E-Business- und Cloud-Lösungen für KMU. Die Firma wurde 2007 von den Thunern Ivan Schmid, Janik Tschanz und Thomas Däppen gegründet. «Ein Unternehmen, das online wahrgenommen werden will, benötigt heutzutage eine moderne Website», sagt Janik Tschanz. «Dafür haben wir eine Software entwickelt und laufend ausgebaut.» Damit ging auch der Ausbau der Firma einher, sodass Comvation heute in Thun 30 Mitarbeiter beschäftigt, dazu ein Offshoreteam im indischen Chennai.

Wie die meisten Firmen im Digitalbereich pflegt auch Comvation ein weit verzweigtes Netz an Partnern, «aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zusammen», wie Tschanz sagt. «Mehr Firmen in der Region würde zwar mehr Konkurrenz für uns bedeuten», sagt er. «Aber insgesamt würde aus unserer Sicht die Region aufgewertet, wenn es mehr innovative IT-Firmen gäbe.»

Eine neue Generation von Web-Content-Management

Die Cloudrexx AG ist eine Tochterfirma von Comvation, die derzeit gegründet wird. Sie entwickelt und vertreibt die Web Content Management Software Cloudrexx, wie der Co-Gründer und designierte CEO Bruno Koller sagt. Die Firma übernimmt das Entwicklerteam der Comvation AG und startet mit 18 Mitarbeitern. Die Software Cloudrexx vereint Content-Management, Werkzeuge zur Pflege der Kundenkontakte (CRM),E-Commerce und E-Mail-Marketing in einer Cloud-Lösung.

Der Standort Thun sei insofern ideal, als dass beide Firmen auch mittelfristig ihre Synergien nutzen könnten. Auch das Jungunternehmen pflegt sein Netzwerk im ganzen deutschsprachigen Raum, unter anderem im Rahmen eines jährlichen «Community Anlasses», bei dem Neuerungen der Software und Fallbeispiele vorgestellt werden. Nicht zuletzt deshalb würde Koller eine verstärkte Ansiedlung von Webdienstleistern in der Region begrüssen. Er traut der Branche durchaus zu, dass sie dereinst eine ähnliche Rolle in der regionalen Wirtschaft spielen könnte, wie es heute die Maschinenindustrie tut. «Das Berner Oberland im Allgemeinen und Thun im Speziellen bieten hervorragende Lebens- und Arbeitsbedingungen», sagt Koller. «Da sich die IT-Branche noch in einem vergleichsweise frühen Entwicklungsstadium befindet, besteht für die Region Thun sicherlich Potenzial, um künftig mehr IT-Innovationen hervorzubringen.»

Software für sicheren Zahlungsverkehr

Auch die Payrexx AG ist ein Spin-off von Comvation. Das Produkt wurde 2013 von einem Team der Comvation AG entwickelt; 2014 wurde dann eine eigenständige Firma gegründet. Mit Payrexx können Unternehmen und Organisationen ihren Kunden eine Onlinezahlungsmöglichkeit aus der Cloud anbieten. Seit 2014 setzt die Postfinance Payrexx bei Kleinunternehmen ein. Laut eigenen Angaben bedient das Unternehmen mit seinen drei Mitarbeitern bereits über 1000 Kunden in der Schweiz und Deutschland. «Wir sind aber weiter auf der Suche nach Partnerunternehmen insbesondere in den Bereichen Spendenorganisationen und Softwarelösungsanbieter», sagt Geschäftsführer und Comvation-Mitgründer Ivan Schmid.

Halbtax-Abo für Hotels im In- und Ausland

Mit einem Halbtax für Hotels hat die Hotelcard AG ein Produkt lanciert, an dem sich vor kurzem auch das Medienhaus Tamedia einen Anteil gesichert hat. Laut Geschäftsführer Fabio Bolognese generiert Hotelcard der Schweizer Hotellerie «jährlich mehr als eine Viertelmillion zusätzlicher Logiernächte und unterstützt so den hiesigen Tourismus». Heute, sechs Jahre nach ihrer Gründung, beschäftigt die Firma insgesamt 12 Mitarbeitende in Thun und Wettingen. Bei der Entwicklung und Weiterentwicklung des Webportals arbeitet das Unternehmen ebenfalls eng mit der Comvation AG zusammen; nicht zuletzt, weil es Comvation-Gründer Ivan Schmid war, der die Idee für die Hotelcard hatte. Bei so vielen Ideen aus dem selben Haus erstaunt es denn auch nicht, wenn Bolognese sagt, er würde die Region Thun durchaus als «Innovative Valley» sehen.

Software für Bibliotheken, Service für KMU

Winmedio.net heisst das Steckenpferd der Predata AG, es ist eine Software für Bibliotheken. «Diese Software ist mit schweizweit rund 550 Installationen Marktführer in der Schweiz», sagt Geschäftsleiter Thomas Riesen, «rund 350 Kunden nutzen unsere Software und Dienste schon aus der Cloud.» Einer von ihnen ist die Stadtbibliothek Thun. Daneben betreut das 1984 gegründete Unternehmen Informatikinfrastrukturen für KMU. Der Umsatz bewegt sich laut Riesen «im Bereich um 4 Millionen Franken», wobei Dienstleistungen einen «sehr hohen Anteil» ausmachen. Die von Thomas Riesen und Thomas Glanz gegründete Predata AG beschäftigt heute 25 Mitarbeitende.

Während Riesen einerseits den Wunsch nach mehr Digitalfirmen in der Region hegt, ist er bezüglich der Wachstumschancen der Branche im Raum Thun skeptisch: «Mit dem Weggang der Informatikausbildung von der ehemaligen GIB Thun ist ein schlechtes Zeichen gesetzt worden», sagt der Predata-Mitgründer. «Wenn die jungen Leute schon mal in Bern sind zum Lernen, bleiben sie oft auch dort zum Arbeiten.»

Software-Entwicklung für Medizinal-Dienstleister

Ebenfalls in Thun beheimatet ist die Softwareentwicklungsabteilung der Axon Lab AG, die in den Bereichen Medizinische Diagnostik, Life Science und Softwarelösungen für den Gesundheitsbereich tätig ist. Die Software wird in Thun entwickelt – und zwar von den Mitarbeitern der früheren A.P. Kern AG. Nach langen Jahren als Softwarepartner von Axon Lab wurde diese 2014 als Entwicklungsabteilung in die Firma integriert. In Thun arbeiten heute 13 Mitarbeiter des Unternehmens, das in mehreren Ländern insgesamt 232 Angestellte beschäftigt, wie Jörg Kaiser erklärt. Der Standort Thun sei für die Entwicklungsabteilung ideal, weil «die Auswahl an möglichen Mitarbeitern hier besser ist, da es weniger Konkurrenz gibt», sagt Kaiser. «Für viele Softwareentwickler ist das eine bessere Alternative als die im Raum Bern vorherrschenden Bundes- und Bundesbetriebsprojekte.» Und er wünschte sich, dass sich weitere IT-Firmen in der Region ansiedelten – «damit die Gegend generell noch mehr an Attraktivität gewinnt und ein Gegenpol zu Zürich gibt».

Software-Integration auf Microsoft-Basis

Die Nexplore AG wurde bereits 1999 als Ableger einer anderen IT-Firma mit 10 Mitarbeitern gegründet und beschäftigt heute in Thun und Bern insgesamt rund 50 Personen. Die Firma bietet an den Standorten Thun, Bern und Brugg «ein komplettes Dienstleistungsspektrum für die Realisation, Integration und Implementation von innovativen Softwarelösungen auf der Basis neuester Microsoft-Technologie an», wie Marketingleiter Bernhard Wyss sagt. Die Kunden sind primär mittlere und grosse Unternehmen, Organisationen und die öffentliche Verwaltung.

Nexplore arbeitet vor allem in der Region Bern eng mit anderen Partnern zusammen. Mehr Digitalfirmen in der Region Thun würde er sich «definitiv» wünschen, sagt Wyss, im Wissen: «Dies kann jedoch nicht erzwungen werden und ist vom gesamten Umfeld für IT-Firmen abhängig.» Allerdings sieht er speziell gute Rahmenbedingungen für einen aktiven IT-Cluster im Raum Thun «aktuell weniger gegeben». Denn: «Der Puls des etwas ländlichen Thun schlägt etwas zu langsam für grosse IT-Firmenansammlungen.» Wohl ortet er ein gewisses Innovationspotenzial in den hier ansässigen Firmen. Zum Vergleich mit dem berühmten Silicon Valley in Kalifornien sagt Bernhard Wyss aber: «Um das Innovationspotenzial der lokalen Wirtschaft zu messen, scheint mir der Vergleich mit dem Silicon Valley etwas vermessen.»

Administrations-Software für die Baubranche

Schneider Software AG ist seit der Gründung 1987 in Thun Hersteller der Software WinBau, einer administrativen Lösung für die Baubranche. «WinBau ist erhältlich für Architekten, Bauingenieure, Generalunternehmungen, Baumeister, Holzbauer, Maler/Gipser, Bodenleger, Gartenbauer, Spengler, Dachdecker, Sanitärfirmen, Gerüstbauer, Metallbauer und andere Handwerksbetriebe», sagt Inhaber Christoph Schneider und betont: «Als einziger Anbieter schweizweit decken wir all diese Branchen ab.» Die Software wird in der ganzen Deutschschweiz verkauft – vom Hauptsitz in Thun sowie der Filiale in Zürich aus. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen an beiden Standorten insgesamt 70 Mitarbeiter, Tendenz steigend, so Schneider.

Er ortet «zahlreiche spannende Firmen unserer Branche in der Region», betont aber gleichzeitig: «Es wäre auch schön, wenn die ansässigen Unternehmen dieselbe Unterstützung erhalten würden wie neu angesiedelte Unternehmen.» Gelegentlich arbeite Schneider Software nämlich mit anderen IT-Firmen in der Region zusammen, wie etwa aktuell für die Entwicklung einer App für den Verein «Härzbluet für üse FC Thun», die in Zusammenarbeit mit der Internetgalerie entsteht.

Software für Rettungskräfte und Polizei

Die Firma Xplain in Interlaken arbeitet für Organisationen mit Rettungs- und Sicherheitsaufgaben mit dem Schwergewicht Polizei. Zudem bietet sie Beratung und Unterstützung für Organisationen, die sich mit der Errichtung und der Überprüfung ihrer Massnahmen für den Informations- und Datenschutz beschäftigen. «Die Anforderungen an Informatiklösungen für Polizeien wachsen ständig», sagt Andreas Löwinger. Er ist Geschäftsleiter und hat das Unternehmen im Jahr 2000 zusammen mit Jürg Wiedmer gegründet. Xplain ist heute in der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein und Spanien tätig , wo das Unternehmen insgesamt 25 Personen beschäftigt.

Auch Löwinger ist überzeugt, «dass man im Berner Oberland wohnen und gleichzeitig einen interessanten Beruf ausüben kann und dass dies gerade für ICT-Betriebe ein regionales Entwicklungsziel sein sollte.» Er gibt jedoch zu bedenken: «In der Schweiz gibt es zu wenig Fachkräfte. Diese wenigen Informatikerinnen und Informatiker werden im Raum Bern von den grossen Arbeitgebern der öffentlichen Verwaltung und der ehemaligen Regiebetriebe angestellt.» Die KMU dagegen sieht er in einer schwierigen Wettbewerbssituation. «Private und die öffentliche Hand kaufen zunehmend Softwarelösungen, die beispielsweise in Ungarn, Kroatien, Indien oder Vietnam hergestellt werden.»

Websites und mehr auf Basis von Typo3

Eine der dienstältesten Firmen in der Branche ist die Internetgalerie in Thun. 1998 gegründet, beschäftigte sie zu Spitzenzeiten 20 Personen, heute sind es 13. Die Agentur entwickelt massgeschneiderte Websites, Onlineshops, Mitgliederverwaltungen für KMU, Grossfirmen, öffentliche Verwaltungen und Verbände und erbringt all ihre Dienstleistungen von Thun aus. Dafür hat sich die Internetgalerie ganz dem CMS Typo3 verschrieben, dem führenden Content Management System im deutschsprachigen Raum.

Obschon die Internetgalerie kaum einen Austausch mit anderen Webagenturen der Region pflege, sagt Firmeninhaber Daniel Abplanalp: «Ein kreativer Austausch wäre wünschenswert, allenfalls könnten sogar Synergien genutzt werden.» Er wünscht sich deshalb, dass der Standort Thun attraktiver würde für Informatiker, «damit der Fachkräftemangel in der Region minimiert werden kann.» Dass Thun einmal das IT-Mekka wird, bezweifelt er indes.

Business-Software für Baufirmen und Garagen

Die Informaticon AG aus Frutigen hat die Business-Software A3 für KMU von Grund auf selber entwickelt, die laut Geschäftsleiter Andreas Zürcher hauptsächlich in der Baustoffindustrie, in Handels- und Produktionsbetrieben sowie Autogaragen und Karosserien eingesetzt wird. «Wir haben uns ganz klar auf Business-Software für KMU spezialisiert, weil wir unseren Kunden so Wettbewerbsvorteile bieten können und wollen», sagt Zürcher.

In seiner 30-jährigen Geschichte hat sich das Unternehmen schweizweit sowie im süddeutschen Raum am Markt etabliert. Aus dem Zweipersonenbetrieb von Zürcher ist eine Unternehmensgruppe mit zwei Tochterfirmen und insgesamt mehr als 60 Angestellten geworden. Weitere ortsansässige Firmen in der Branche seien für die Entwicklung ihrer Produkte kein Muss, sagt Zürcher. «Da die Entwicklung von Software nicht an eine grosse Infrastruktur gebunden ist, entwickeln wir dezentral, in Thun, Zürich, dem deutschen Langenau sowie in Frutigen», sagt der Firmengründer, welcher der Region Thun-Berner Oberland durchaus einräumt, ein «Innovation-Valley», ein Tal der Innovationen, zu sein. «Die Innovation ist im Berner Oberland sehr gross und zwar angefangen bei den Bergbauern über den Tourismus, die Maschinenindustrie bis hin zur Informatikbranche.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.05.2015, 09:55 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Sender wollen uns draussen halten»

INTERVIEW Netflix-Chef Reed Hastings über den deutschsprachigen Markt, Piraten-Apps und den Kampf gegen VPN. Mehr...

Berns Kampf um die digitale Freiheit

Bern Die Informatikstrategie der Stadt Bern wird immer mehr zum Politikum. Der Stadtrat möchte sich mit der Förderung von Open-Source-Software aus der Abhängigkeit grosser Lieferanten lösen und Kosten sparen. Mehr...

Service

Auf die Lesezeichenleiste

Hier lesen Sie unsere Blogs.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...