Thun

Die heisse Story des neuen Quartiers

ThunAm Donnerstag öffnet der Thuner Selve-Park seine Tore. Wo einst Tausende Arbeiter tätig waren, feierten zwischenzeitlich die Partygängerinnen und -gänger.

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Das Selve-Areal in Thun hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Dort, wo heute ein neues und urbanes Trendwohngebiet steht, gründete einst der Unternehmer Gustav Selve die Schweizerischen Metallwerke Selve&Co. Die Selve war lange Zeit das grösste Unternehmen in der Region und sicherte vielen Familien während Jahrzehnten ihre Existenz. Die Firma beeinflusste zudem stark die Entwicklung der Stadt Thun sowie die Wirtschaft. In der Entstehungsgeschichte der Konzepthalle 6 ist dazu zu lesen: «Die unzähligen Werkhallen mit den tosenden Maschinen, Pressen, Öfen und Giessereien brachten das laute, schlaflose, urbane Leben für Tag und Nacht quasi mitten in die Stadt.»

Thun war schon seit langer Zeit eng mit dem Militär verbunden. Als die Bundesversammlung im Jahr 1861 die Errichtung einer Munitionsfabrik beschloss, musste ein passender Produzent gefunden werden. Auf das entsprechende Inserat meldete sich Gustav Selve und gründete die Unternehmung. 1895 startete dann der Betrieb. Dieser war für damalige Verhältnisse revolutionär. Zu Beginn beschäftigte das Unternehmen lediglich 16 Angestellte und fabrizierte nur für die Eidgenossenschaft. Schon bald wurde jedoch die Produktion von Telefondraht und Aluminiumhalbfabrikaten aufgenommen. Dadurch vergrösserte sich die Firma stetig, und der Arbeitnehmerbestand stieg innerhalb von 10 Jahren um das Fünffache an.

Krisenjahre und Blütezeit

Der Erste Weltkrieg bescherte den Schweizerischen Metallwerken Selve&Co. viele Aufträge, denn die Metallindustrie blühte. Da der Bestand der Angestellten bereits auf über 1100 angestiegen war, mussten die Lokalitäten vergrössert werden. Produziert wurden damals neben Munitionsmaterial fortlaufend Münzplättchen. Der Zweite Weltkrieg sorgte zwischenzeitlich dafür, dass die Produktion stark zurückgefahren werden musste. Die Nachkriegsjahre trugen dann aber wieder zu einer enormen Steigerung bei.

Nachdem Gustav Selve im Alter von 68 Jahren starb, übernahm seine Frau, Dr. Else von Selve, ab 1935 die alleinige Führung der Unternehmung. Revolutionär war dies vor allem im Hinblick darauf, dass die Frauen in jener Zeit noch kein Stimmrecht hatten. Liebevoll wurde Else von Selve von den Arbeitern als die «Mutter» bezeichnet und als streng, aber gerecht beschrieben. Sie war von grosser Bedeutung für die Entwicklung der Selve. Mittlerweile waren 1500 Personen in den Metallwerken in einem durchgehenden Dreischichtbetrieb beschäftigt. Und wieder mussten daraufhin die Räumlichkeiten erweitert werden. Da in Thun aber nicht mehr genügend Land vorhanden war, entschied man sich, nach Uetendorf zu expandieren. Zudem wurden die Anlagen stark modernisiert.

Hoffnung und Ernüchterung

1971 starb Else von Selve. Von da an, aber auch aufgrund der weltweiten Krise, ging es mit der Firma steil bergab. Von den 1500 Angestellten musste über die Hälfte entlassen werden.

Im Jahr 1979 dann ein Paukenschlag: Der Financier Werner K.Rey kaufte die Schweizerischen Metallwerke Selve. Reys Einstieg beim traditionsreichen Familienunternehmen weckte Ängste, er werde die Buntmetallvorräte verscherbeln, das Personal entlassen und das Areal verkaufen. Nach Gesprächen mit Kader, Betriebskommission, Banken und der Stadt änderte sich das Bild von Rey. Als er rund um die Selve sein Omniimperium aufbaute, wurde er als Retter der Selve angesehen. Doch Mitte der Achtzigerjahre bemerkte man, dass Rey immer seltener in Thun vorbeischaute. 1986 kam es unter Mitwirkung Reys zum Zusammenschluss der Selve mit den Buntmetallwerken Boillat in Reconvilier und in Dornach. Die mit dem Zusammenschluss verbundenen Erwartungen erfüllten sich jedoch für die Selve nicht. Reys Imperium geriet zu Beginn der Neunzigerjahre ins Trudeln. Zurück blieb ein Schuldenberg in Milliardenhöhe.

Im Jahr 1988 verkaufte die Metallwerke Selve AG insgesamt 260'000 Quadratmeter Land für geschätzte 50 Millionen Franken an die Berner Baufirmen Titag AG und Marti AG. Doch auch diese Massnahme verbesserte nichts an der desolaten Situation der Selve. 1991 wurde schliesslich die Schliessung beschlossen, bis 1993 konnte diese aber noch hinausgezögert werden. Nach rund 98 Jahren verloren 430 Mitarbeiter ihre Stellen. Bis Ende März 1994 waren die Hallen wie leergefegt.

Nach dem Verkauf von 260'000 Quadratmetern Land an die Firmen Titag AG und Marti AG geschah lange Zeit nichts mit dem Selve-Areal. Deshalb siedelten sich an der Scheibenstrasse diverse Kleinunternehmer und Partylokale an, welche massenhaft Besucher anzogen. Hier lesen Sie den ganzen Artikel. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 02.07.2013, 08:00 Uhr

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John Haller. (Bild: Fraziska Streun)

John Haller erzählt

Einer der 430 Mitarbeiter (vgl. Haupttext), welche das Ende der Selve miterlebten, ist John Haller (Bild). Der heute 85-Jährige arbeitete sein ganzes Leben lang, lediglich mit 5 Jahren Unterbruch, in der Selve. Der ehemalige Mechaniker hatte beim Umzug der Selve-Verwaltung nach Uetendorf im Jahr 1990 diverse Unterlagen, Akten, Notizen und Fotografien und damit ein Zeitdokument über die Selve und seine Vergangenheit erschaffen, welches er 2012 ans Stadtarchiv weiterleitete. John Haller bedauert die Schliessung der Selve zutiefst: «Es war ein grosser Verlust, und vor allem ist heute lediglich noch ein Gebäude aus meiner Zeit erhalten, alle anderen wurden abgerissen oder modernisiert.» John Haller arbeitete während seiner Selve-Zeit in fast allen Fabrikationsbereichen: Vom Mechanikerlehrling, arbeitete er sich zum Mechaniker hoch, wurde Werkmeister, Arbeitsvorbereiter, Mitarbeiter in der Kalkulation, Chef im Lohnbüro und war zusätzlich lange Jahre für den Brandschutz in der Firma verantwortlich. «Dadurch kannte ich jede Ecke in den Gebäuden», sagt er.

Die damaligen 48-Stunden-Wochen seien alles andere als einfach gewesen, die Arbeitsbedingungen schwierig. «Wir hatten lange harte Tage, aber der grosse Zusammenhalt bei der Mitarbeiterschaft machte das Ganze erträglich.» Zudem seien auch die Sozialwerke sehr ausgeprägt gewesen: So wies die Unternehmung neben einer Betriebskrankenkasse, einer Altersvorsorge, einer Rentenversicherung, einer Fürsorgestelle und einer Werkkantine auch gut eingerichtete Freizeitwerkstätten auf.

Buch zur Industriegeschichte von John Haller und Anita Egli: Buchvernissage am 7.September
um 15 Uhr im Restaurant Halle 6 (Scheibenstrasse 6, 3600 Thun).

Das 19.Jahrhundert

Die Industrialisierung (oder auch industrielle Revolution) bezeichnet den Übergang von Manufakturen zum modernen Fabriksystem. Ausgehend von England und der dortigen Erfindung der Dampfmaschine, entwickelte sie sich stetig vorwärts und trug zu einem enormen Wandel in der europäischen Geschichte, auch derjenigen der Schweiz, bei.

Im Gegensatz zu früher wurde nicht mehr in mühsamer Einzelarbeit und von Hand produziert, sondern wurden Arbeitsteilung und maschinelle Produktion eingeführt. Während die Modernisierungen einerseits zur Steigerung des Bruttoinlandprodukts führten, machten sich andererseits auch negative Aspekte bemerkbar: Alle Handwerker, die bis anhin einen wichtigen Bestandteil in den Manufakturen dargestellt hatten, waren nun aufgrund der Maschinen überflüssig geworden. Es kam zu Massenentlassungen und einer stark erhöhten Arbeitslosenquote. Die Staaten jedoch entwickelten sich von Agrar- zu modernen Industriestaaten.

Zwei der wichtigsten Neuerungen waren die Spinnmaschine und der mechanische Webstuhl. Die Schweiz gehörte zu den am frühesten und weitesten industrialisierten Ländern.

Allerdings existierten in der Schweiz kaum eine Schwerindustrie und wenige grosse Fabriken. Das Land zeichnete sich vor allem durch eine fortschrittliche Uhrenherstellung und Textilindustrie aus. Aufgrund der Textilherstellung wurden vermehrt Bestandteile aus der chemischen Industrie nachgefragt. Auch die Lebensmittelindustrie wurde modernisiert. Dies, weil die Bevölkerung zum einen stark wuchs und zum anderen auch vermehrt Hausfrauen arbeiteten. Die Industrialisierung erforderte enorme Geldsummen. Bald schon machten sich deshalb Massenarmut und Hungersnöte bemerkbar.

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