Thun

Die erste Bilanz fällt durchzogen aus

Thun17 000-mal wurden die 135 roten Leihvelos von Velospot in den letzten eineinhalb Jahren ausgeliehen. Für die Stadt Thun fällt die Bilanz durchzogen aus.

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Wenn Christoph Kupper über das Leihvelosystem in Thun spricht, kommt er nicht ohne relativierende Wörter aus. «Die Bilanz ist eigentlich gut», sagt er. Und: «Wir sind recht zufrieden.» Kupper ist Projektleiter im Thuner Planungsamt und für den Velospot zuständig. Zufrieden ist er mit den Ausleihzahlen. Seit dem Start von Velospot im September 2014 wurden in Thun 17 000 Fahrten verzeichnet. In den Spitzenmonaten Juni, Juli und August des letzten Jahres wurden durchschnittlich bis zu 60 Velos pro Tag ausgeliehen. «Die Zahlen liegen im Bereich des Erwarteten», sagt Kupper. Was die Bilanz trübt, ist der Verkauf der Abonnemente. In den eineinhalb Jahren wurden ­lediglich 450 Stück verkauft. «Hier haben wir uns deutlich mehr erhofft», sagt Kupper. Von den Tageskarten wurden 500 Stück abgesetzt.

Begrenzte Freiheit

Die Leihvelos werden also rege ausgeliehen. Aber von ziemlich wenigen Leuten. Mehrere Gründe mögen dafür verantwortlich sein, dass Velospot noch nicht so läuft, wie sich die Stadt das vor­gestellt hat: Die überschaubare Anzahl der Ausleihstationen, das Ausleihkonzept und die «Deutschschweizer Mentalität», wie Kupper sagt. Im Moment stehen im Stadtgebiet 25 Ausleih­stationen. Die meisten befinden sich in unmittelbarer Nähe von Bushaltestellen. Im weitesten Fall 250 Meter davon entfernt. Das ist gewollt: Dadurch kann der Kunde rasch vom öffentlichen Verkehr aufs Velo umsteigen und umgekehrt. Wer sich durch das Velo jedoch mehr Freiheit erhofft, der wird enttäuscht: Auch hier ist der Velofahrer an die Stationen gebunden. Um den Velospot günstig zu nutzen, muss er das Velo nämlich rasch wieder abgeben. Im Jahresabonnement ist nur die erste halbe Stunde gratis. Danach wird stundenweise abgerechnet.

45 Standorte in Thun

«Je mehr Stationen angefahren werden können, desto attraktiver wird das Angebot», sagt Christoph Kupper. «Wenn wir mehr Abonnenten wollen, müssen wir deshalb in Stationen investieren.» Im vorigen Mai sind in Thun 11 neue Velospot-Standorte hinzugekommen, die Anzahl Velos wurde von 84 auf 135 erhöht. Der Ausbau hat sich direkt auf die Nachfrage ausgewirkt. «Die Anzahl Abonnenten hat sich verdoppelt», sagt Kupper. Die Stadt sei gewillt, noch mehr Stationen aufzustellen. «Mittel- und langfristig möchten wir die Grössenordnung von Biel erreichen.» In der Mutterstadt von Velospot (vgl. Kasten Velospot) stehen heute 45 Ausleihstationen. 30 bis 45 sollen es dereinst in Thun werden.

Auch eine Ausweitung der Stationen über die Stadtgrenze hinaus würde Kupper begrüssen. Bisher kann man die roten Velos nur in Thun ausleihen und zurückgeben. Die Distanzen zwischen den Stationen sind dementsprechend bescheiden. Die längste Route führt vom Spielplatz Lerchenfeld bis zum Campingplatz im Gwatt. Auf direktem Weg sind das weniger als sieben Kilometer.

Steffisburg ist interessiert

Bald könnte sich diese Strecke verlängern. «Wir sind vom System überzeugt und möchten uns gerne an das Netz von Thun anhängen», sagt Martin Deiss, Leiter des Departements Tiefbau und Umwelt der Gemeinde Steffisburg. Momentan verhandle die Gemeinde mit Velospot. Geplant sind laut Deiss 4 bis 5 Verleihstationen in Steffisburg. In Heimberg hat die Grüne Partei dem ­Gemeinderat kürzlich den Antrag gestellt, die Anbindung an den Thuner Velospot zu prüfen. Abklärungen dazu seien mo­mentan im Gang, sagt der Heimberger Gemeindepräsident Niklaus Röthlisberger. Dazu werde man auch mit Thun und Steffisburg Kontakt aufnehmen. Christoph Kupper von der Stadt Thun sagt, eine gemeindeübergreifende Organisation und Logistik sei durchaus machbar. «Wir haben ein Interesse, dass die Gemeinden ringsum mitmachen.» Keine diesbezüglichen Pläne bestehen indes in Spiez und Interlaken. Das sagen die Verwaltungen der beiden Gemeinden.

Eine Mentalitätsfrage

«Wir müssen noch etwas Geduld haben», sagt Kupper mehrmals. «Wir dürfen uns nicht zu stark an Biel und Neuenburg orientieren.» In der Welschschweiz sei das System bereits etabliert und werde von vielen Leuten nach­gefragt. «In der Deutschschweiz hingegen kommt es erst langsam auf.» Drei bis vier Jahre müsse man deshalb dem Projekt schon geben. «Im Vergleich zu deutschen Städten mit einem ähnlichen System schneidet Thun schon mal gut ab.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 04.02.2016, 08:36 Uhr

Vandalismus

Das «Bieler Tagblatt» berichtete im vergangenen Herbst mehrmals über zerstörte rote Fahr­räder in Biel. Die Schlösser der Leihvelos wurden demoliert, etliche wurden gestohlen. Zeitweise standen von den 200 Velospot-Fahrrädern gerade noch 50 im Einsatz. Biel hat deshalb begonnen, die Fahrräder mit starkeren Schlössern auszurüsten, und verbaut auch GPS-Sender, um gestohlene Fahrräder zu orten. In Thun hat man bislang wenig Erfahrung mit Vandalen gemacht. «Wir haben einen oder zwei Fälle, in denen sich jemand am Schloss eines Velos zu schaffen gemacht hat», sagt Christoph Kupper vom Planungsamt der Stadt Thun. «Einen Diebstahl hatten wir in den eineinhalb Jahren keinen.» (gsb)

Velospot

Das Bikesharingsystem Velospot wurde 2012 in der Stadt Biel eingeführt und in der Startphase von der Stadt, dem Kanton und der Uhrenmarke Rolex finanziert. 2013 verkaufte die Stadt Biel das Konzept an die Intermobility AG. Inzwischen gibt es Standorte in acht Städten, wovon alle ausser Thun in der Westschweiz oder im Tessin liegen.

In Thun wird Velospot vom Schweizerischen Arbeiterhilfswerk unterhalten, das Langzeitarbeitslosen eine Beschäf­tigung gibt. Einnahmen und Verluste aus dem Betrieb gehen zugunsten und zulasten des Hilfswerks. Die Stadt Thun unterstützt das Projekt in den ersten drei Jahren mit einer jährlichen Defizitgarantie von 30 000 Franken. Im Jahr 2014 musste darauf zurückgegriffen werden. Für das vergangene Jahr ist die Abrechnung noch ausstehend. Die Stadt ist zudem für den Aufbau und den Ausbau des Angebots auf­gekommen: insgesamt 425 000 Franken. (gsb)

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