Oey-Diemtigen

Die Strategielektion des Schwingerkönigs

Oey-DiemtigenDer frühere Spitzenschwinger David Roschi lädt in sein heimisches Revier im Simmental und überrascht im Sternen-Säli mit seiner kenntnisreichen Sicht der Welt – von Hitler bis Putin, von der Ukraine bis in die Schweiz.

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Der Zug aus der Hauptstadt Bern nach Oey-Diemtigen biegt in Spiez in einem scharfen rechten Winkel ab aus dem Mittelland, fährt langsamer und zwängt sich durch einen Engpass der Simme. Unterwegs, um im Wahljahr 2015 die unterschiedlichen Ansichten in der Schweiz auszuloten (siehe Box), kommt man nach weniger als einer Stunde in einer heilen Welt an. Chalets sind an den paar Dorfstrassen von Oey aufgereiht. Freundlich grüssen zwei Frauen und registrieren sofort, dass man kein Einheimischer ist. Man kennt sich in Oey.

Debatte im Sternen-Säli

Im Sternen, gegenüber von Landi und Agrola-Tankstelle gelegen, ist am Nachmittag nur der Stammtisch besetzt. Dort erhebt sich jetzt David Roschi. Er ist ein Baum von einem Mann. Unter dichtem grauem Haar blicken Adleraugen aus seinem kantigen Gesicht. Roschi ist der König von Oey. Er selber würde das nie so sagen. 1972 wurde er Schweizer Schwingerkönig. Lange sei das her, brummt er. Das Siegerbild mit Kranz und Muni zeigt einen athletischen Prachtskerl mit coolen Koteletten, wie sie damals John Lennon oder der rebellische Fussballer Günter Netzer trugen. Roschi ist ein Achtundsechziger. Wie Christoph Blocher. 68 ist auch Roschis Alter.

Auch ein König müsse vorsichtig sein, sonst laufe ihm die Kundschaft davon, sagt Roschi, der in Oey jahrelang eine Eisenwarenhandlung geführt hat. Der Königstitel verschafft ihm bis heute Bekanntheit und Gehör. Auch weil er einer ist, der sich zu sagen traut, was er denkt. Roschi hat ein Weltbild. Weil ein Bericht über die Ukraine-Krise dagegen verstossen hat, hat er den Journalisten in der Stadt angerufen. Nun sitzt man sich im Sternen Oey gegenüber, um die Sache «z Bode» zu reden und zu debattieren – ausgerechnet über die Ukraine.

Diktat aus Washington

Roschi schiesst gleich los: «Einseitig aus der Perspektive von Washington und Brüssel» würden die Medien über die Ukraine und Putin berichten. «Es isch eso – es ist doch so», hebt er an, «dass die USA und die EU als Drahtzieher hinter der Krise in der Ukraine stehen, um Putins Russland in die Defensive zu drängen.» Meint er das im Ernst? Europa sei es immer dann gut gegangen, wenn es ein gutes Verhältnis zu Russland gehabt habe, fährt er weiter. Heute aber führten die USA Europa «am Gängelband» und würden die EU mit dem Militärbündnis Nato «gegen Russland aufwiegeln». Obwohl es für die Nato seit 1989 gar keine Existenzberechtigung mehr gebe. Roschi hat sich ins Feuer geredet.

Etwas sprachlos sitzt man nach dieser unerwarteten Strategielektion im Sternen-Säli. Ist Roschi ein Amerika-Verächter und Putin-Versteher? Er sei Antikommunist und bis 1989 auch Amerikafreund gewesen, Putin wolle er nicht einfach reinwaschen, erklärt er. Aber es sei doch so, dass die USA die Welt seit 1989 aufmischten und trotz gegenteiliger Versprechen den Nato-Perimeter Richtung Russland ausgeweitet hätten. Da habe Putin ja keine andere Wahl, als diesem Anpirschen im Interesse Russlands entgegenzutreten.

Das ukrainische Volk hat sich doch ohne Befehl aus Washington und Brüssel gegen den korrupten Präsidenten Janukowitsch erhoben? «Ist denn der neue Präsident Poroschenko weniger korrupt?», fragt Roschi zurück, «und hilft sein Kriegskurs dem ukrainischen Volk?» Dass auch die prorussischen Rebellen und ihre verdeckten russischen Unterstützer den Bürgern nicht helfen, das räumt Roschi ein.

Chaos statt Demokratie

Es sei doch so: Unter Janukowitsch habe es das ukrainische Volk besser gehabt als im gegenwärtigen Kriegschaos. Obwohl Janukowitsch ein Diktator war? Der Sturz eines Diktators löse meist ein Chaos aus, zitiert Roschi nun den weit gereisten Journalisten Peter Scholl-Latour. Und er belegt die These seines Vordenkers mit schlagenden Beispielen: Libyen, der Irak, Afghanistan. Dort hätten sich die USA, angetrieben von ihrem Hunger nach Erdöl, ungerufen eingemischt und Chaos statt die angekündigte Demokratie gebracht.

Kann es nicht die Pflicht einer Grossmacht sein, ein Volk aus den Klauen eines Schlächters wie Saddam Hussein oder Ghadhafi zu befreien? Roschi lässt sich nicht beirren: «Ein Volk muss aus eigenem Antrieb, ohne US-Einmischung, seinen Diktator stürzen. Alles andere kommt nicht gut.» Der Aufbau der Demokratie habe in Europa Jahrzehnte gedauert. Überhaupt sei die Demokratie nicht für jedes Land geeignet. Es sei nur schade, dass es keine «humanen Diktaturen» gebe.

Lieber Gegner als Zweifler

Solche Sätze spricht Roschi ohne Scheu aus. Linksliberale Tabus und Demokratieseligkeit reizen seine Angriffslust. Wie einst, als er als vergleichsweise schlanker Schwinger nicht auf die Macht seines Gewichts vertrauen konnte und listig angreifen musste. Roschi zündelt und provoziert ein wenig, äussert heikle Ansichten – er würde sagen: Wahrheiten. Er sagt Dinge, die nicht einfach falsch sind. Aber auch nicht ganz richtig.

Ist Roschi die Einmann-Pegida von Oey? Er lacht. Demonstrieren würde er nie. Aber die Pegida-Bewegung in Dresden störe ihn nicht. «20000 Menschen können nicht alle Idioten sein. Kanzlerin Merkel sollte mit ihnen reden.»

Zweifel, Widersprüche, Einordnen in komplexe Zusammenhänge: Das liegt Roschi weniger. «Ich habe lieber Gegner als Zweifler, weil ein Gegner leichter einzuschätzen ist», sagt er. Ein Zweifler komme am Schwingfest nicht in den Schlussgang. Roschi will gewinnen, auch beim Reden. Das tut er auch mit seinem Charisma, seiner majestätischen Erscheinung.

Und mit seinem Wissen. In den USA sei er noch nie gewesen. Europa habe er bloss einmal für eine Tunesien-Reise verlassen, räumt Roschi ein. Aber er hat beim Lesen die Welt und die Vergangenheit bereist. «Das erste Buch, das ich als Schüler gelesen hatte, handelte von Napoleons Schlacht an der Beresina gegen Russland, in der auch Schweizer Soldaten umkamen», erzählt er.

Ausbildung habe er keine absolviert, das sei auf dem Land damals noch möglich gewesen. Roschi kam auch so voran, mit Kraft und Charakter. Mit dem Bruder bewirtschaftete er einen Bauernhof, 12 Jahre lang arbeitete er als Zimmermann, dann führte er die Eisenwarenhandlung. Und immer las er. Die Etappen des Zweiten Weltkriegs, Europas Zusammenwachsen ab 1945 kennt er en détail.

An Roschi ist ein Historiker verloren gegangen. Er stellt scharfe Fragen wie die: Haben die Alliierten mit ihren Flächenbombardementen in Deutschland nicht genauso schlimme Kriegsverbrechen begangen wie Hitlers Regime? Roschi blendet die Abfolge der Verbrechen aus, erst Hitlers Aggression hat die alliierte Reaktion ausgelöst. Die Verbrechen Hitlers bestreite er mit keinem Wort, erwidert er, dass Hitler ans Ruder gekommen sei, sei aber auch eine Folge des Versailler-Vertrags, mit dem die Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg Deutschland ohne Not gedemütigt hätten.

Sagen, was man denkt

«Ich mache mir meine eigenen Gedanken, ich denke selber. Ich sage, was viele im Volk denken, aber nicht zu sagen wagen», findet Roschi. Seine Ansichten werden natürlich durchaus laut ausgesprochen. Etwa von Christoph Blocher, den Roschi , der Schwingerkönig, persönlich kennt. Wie Blocher reibt sich Roschi an der Antirassismusstrafnorm. Man müsse doch sagen dürfen, was man denke über die Geschichte, über die Ausländer. Gilt das auch für die Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo? Er verurteile die Attentate, sagt Roschi, aber Bundesrätin Doris Leuthard habe recht gehabt, dass Satire kein Freipass sei.

Über den Propheten Mohammed darf man also nicht sagen, was man denkt? «Die Grenze ist, wo das Hetzen beginnt. Und die Karikaturen von Charlie Hebdo haben bewusst gehetzt.» Man staunt schon fast über Roschis argumentativen Slalomkünste. Die westlichen Politiker, die nach den Attentaten Empörung demonstrierten, aber mit Saudiarabien kooperierten, seien genauso Slalomfahrer, kontert er.

Nicht in der SVP-Schublade

Roschi kann man nicht einfach in die nationalkonservative Schublade stecken. Er ist nicht SVP-Parteimitglied, er hatte noch nie ein politisches Amt inne, er ist auch nicht Aktivdienstler. «Ich profitiere von der Gnade der späten Geburt», zitiert der 1947 Geborene lächelnd den deutschen Alt-Kanzler Helmut Kohl. Er respektiere die Leitung der Aktivdienstgeneration, teile aber ihren Mythos nicht ganz, dass die Schweiz dank ihrer Wehrhaftigkeit den Krieg unbeschadet überstanden habe: «Die Schweizer Armee hätte gegen Hitlers Wehrmacht keine Chance gehabt.»

Überlebt habe die Schweiz aber dank einer cleveren Landesführung, die das Land «aus dem Weltenbrand herausgehalten» habe, sagt Roschi. Umso mehr ärgere ihn, dass linke Historiker diese Landesführung «als Kollaborateure und Verbrecher darstellen». Jetzt spitzt er aber den Bergier-Bericht ziemlich zu, der die Zugeständnisse der Schweizer Behörden im Zweiten Weltkrieg kritisch untersuchte. Das möge sein, sagt Roschi, er sei mit dem Bergier-Bericht nicht einverstanden. «Die Regierung hat gemacht, was Volk und Land dient, und das erwarte ich von einer Regierung.» Von der Ukraine über Hitler sind wir nun im Sternen-Säli doch noch auf die Schweiz zu sprechen gekommen.

Für Roschi ist klar: In die EU gehört und passt sie nicht. Die Schweiz sei anders als die EU, von der sie wirtschaftlich lebt. Obwohl die EU mit 55000 Verwaltungsangestellten bloss anderthalb mal so viel Personal wie die Schweizer Bundesverwaltung hat, nennt Roschi sie «einen bürokratischen Moloch». Der wandle sich gerade von einem Staatenbund zu einem Bundesstaat, in dem Europas kulturelle Unterschiede eingeebnet würden. Roschi vertritt den nationalkonservativen Glauben, dass die EU und der Euroraum schlechte Zukunftsaussichten haben und auf die Dauer zerfallen werden. Weshalb die Schweiz auch nicht auf die bilateralen Verträge angewiesen sei.

Braucht die Schweizer Exportindustrie nach der Aufhebung der Eurountergrenze die Verträge und den freien Zugang zum europäischen Markt nicht mehr denn je? Ist nicht der Schweizer Wohlstand bedroht? So schnell sei der nicht bedroht, erwidert Roschi. Die Klagen des Tourismus hält er für Überreaktionen.

Kein Einwanderungsland

Bedroht werde der Wohlstand vielmehr durch eine «uferlose und unkontrollierte» Einwanderung, findet Roschi. Er stellt zum Schluss eine kühne Behauptung auf: Die Schweiz sei nämlich gar kein Einwanderungsland. Nicht? Die USA oder Australien seien wirklich von Einwanderern aufgebaut worden, nicht aber die Schweiz, erklärt Roschi.

Das kann vielleicht einer aus dem Hinterland von Oey-Diemtigen behaupten, wo die Ausländerrate unter vier Prozent liegt und die Nachfrage nach ausländischem Fachpersonal besonders tief ist. «Es stimmt, wir haben hier kein Ausländerproblem, aber es geht auch nicht um das Simmental, sondern um unser ganzes Land, um den Wirtschaftsstandort, die Arbeitsplätze, um die gesellschaftliche Unruhe, die die Einwanderung in die Städte bringt», doziert Roschi. Noch einmal beruft er sich auf sein Nichteinmischungsprinzip: Einfluss von aussen komme selten gut. Er formuliert es so: «Bleibe im Land, und ernähre dich redlich.»

Es ist ein Schlusswort wie aus Gotthelfs Zeiten. Roschi steht auf. Es ist Zeit zu gehen. Er hat gesagt, was gesagt werden musste. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.02.2015, 09:16 Uhr

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