Die Spital–Mitarbeitenden sorgen sich um ihre Zukunft

Zweisimmen

Unklare Gesundheitsplanung, verunsicherte Mitarbeiter und Patienten: Wie geht es mit der Spitalversorgung im Obersimmental und Saanenland weiter? Noch ist nicht sicher, wann der Entscheid für ein Versorgungskonzept fällt.

Hinter der Fassade brodelt es: Die Mitarbeiter des Spitals Zweisimmen sind verunsichert und machen sich Sorgen um ihre Jobs.<p class='credit'>(Bild: Fritz Leuzinger)</p>

Hinter der Fassade brodelt es: Die Mitarbeiter des Spitals Zweisimmen sind verunsichert und machen sich Sorgen um ihre Jobs.

(Bild: Fritz Leuzinger)

Seit vier Jahren streiten sich der Kanton, der Regierungsrat, die Spital STS AG als zuständige Betreiberin, Politiker, die Gemeinden und die Bevölkerung des Obersimmentals und des Saanenlands über die Zukunft der Gesundheitsversorgung in der Region. Der erneute Richtungswechsel in der Spitalplanung und das Nein des Kantons zum Konzept «Spital Simmental-Saanenland» verunsichert nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Mitarbeiter der Spitäler: «Es herrscht eine grosse Unzufriedenheit und Unsicherheit», sagt ein Mitarbeiter, der nicht namentlich erwähnt werden möchte, gegenüber dieser Zeitung. Die Verunsicherung habe auch dazu geführt, dass viele Mitarbeiter das Spital Zweisimmen verlassen und anderswo eine Stelle gesucht hätten.

Die Mitarbeitenden des Spitals Saanen äussern sich derweil nicht zum Thema, sondern wollen den offiziellen Weg einhalten: «Anfragen aus den Medien laufen über die Medienverantwortliche der Spital STS AG, Marie-Anne Perrot», sagt eine Mitarbeiterin.

Kanton beeinflusste Entscheid

Wie letzte Woche bekannt wurde, verlässt auch der langjährige Pflegedienstleiter und Zweisimmer Gemeinderat Jean-Pierre Beuret das Spital. Er wird am 1.September neuer Heimleiter im Alters- und Pflegeheim Frutigen. Die erneute Planungsunsicherheit für die Zukunft der Akutversorgung im Simmental und Saanenland verbunden mit dem in der Vergangenheit stetigen Richtungswechsel in der Strategie der STS AG und des Kantons habe seinen Entscheid beeinflusst. «Im Vordergrund stand aber die Lust und Freude auf eine neue Herausforderung im letzten Abschnitt meiner beruflichen Karriere», sagt der 59-jährige Beuret.

Wie weiter mit der Planung?

Zur Erinnerung: Mitte Januar hatte der Regierungsrat des Kantons Bern beschlossen, der Spital STS AG nicht zu helfen, die Defizite in Zweisimmen und Saanen zu decken. Damit sagte der Regierungsrat Nein zum Konzept «Spital Simmental-Saanenland», das die Betreiberin ausgearbeitet hatte. Dieses sah eine stationäre Akutversorgung in Zweisimmen und ein Gesundheitszentrum in Saanen vor. Das Konzept bringt Einsparungen, dennoch sind gemäss der Spital STS AG die ungedeckten Kosten zu hoch, als dass sie die AG alleine tragen könnte. Sie schlug darum vor, dass sich der Kanton und die betroffenen Gemeinden im Obersimmental und im Saanenland an der Defizitdeckung beteiligen. Gemäss eigenen Angaben schreibt die Betreiberin, zu welcher die Spitäler Thun, Zweisimmen und Saanen sowie die Klinik Erlenbach gehören, in Zweisimmen und Saanen jährlich 7,5 Millionen Franken Verluste.

«Verlässlicher Entscheid»

«Ich habe grosses Verständnis für die Verunsicherung in der Region», sagt Peter Dolder, Verwaltungsratspräsident der Spital STS AG. Man arbeite mit Hochdruck an einer Lösung. «Der Entscheid muss verlässlich sein.» Nach dem Nein des Kantons zum Konzept «Spital Simmental-Saanenland» habe die Spital STS AG die Mitarbeiter und die Gemeinden sofort informiert und stehe weiterhin in Kontakt mit ihnen. «Anfang April werden wir wieder mit den Gemeinden und Grossräten der Region zusammenkommen», sagt Dolder. Die Ausgangslage sei jedoch schwierig, die Erwartungshaltung enorm, und nach dem Nein des Kantons sei es nicht einfach, in so kurzer Zeit einen verlässlichen Entscheid zu fällen. Doch auch für Dolder ist klar: «Die Situation ist so nicht mehr tragbar.» Zu den verschiedenen Lösungskonzepten für die Spitalversorgung im Obersimmental und Saanenland, die nun zur Diskussion stehen, kann und will Dolder derzeit nicht Stellung nehmen.

Kritiker im Umfeld des Spitals monieren, die Infrastruktur in Zweisimmen sei veraltet, die Spital STS AG habe seit Jahren nicht mehr in die Infrastruktur investiert. Darum verliere Zweisimmen Patienten und damit an Wirtschaftlichkeit. Dagegen wehrt sich der Verwaltungsratspräsident: «An der Infrastruktur gibt es nichts auszusetzen. Das Spital ist funktionstüchtig.» Nicht die Infrastruktur sei das Problem, sondern das Fehlen eines längerfristigen Versorgungskonzeptes. «Damit ist klar, warum wir in den letzten Jahren keine grösseren Investitionen getätigt haben. Das ist normal, jede andere Firma würde gleich handeln.»

Stimmt es, dass die Belegungsstatistik 2011 für das Spital Zweisimmen besser ausfällt als für das Spital Saanen? «Ich habe keine grossen Verschiebungen festgestellt», sagt VR-Präsident Dolder. Ausserdem seien die beiden Spitäler nicht miteinander vergleichbar. «Das Angebot ist sehr unterschiedlich.»

«Akutversorgung muss sein»

«Falls es tatsächlich zu einem Abbau der stationären Akutversorgung und zum Ersatz des Spitals durch ein Gesundheitszentrum käme, könnte ich einen solchen Entscheid aus meiner persönlichen Haltung und meiner fachlichen und politischen Überzeugung nicht mittragen», sagt Jean-Pierre Beuret, der insgesamt während über 22 Jahren in leitender Position im Spital Zweisimmen im Einsatz war. Er habe sich jahrelang engagiert für die Qualität und Sicherheit der Akutversorgung. «Ich durfte dabei immer auf ein hoch motiviertes Team zählen. Für viele ist der Pflegeberuf Berufung und nicht nur Beruf», sagt der Zweisimmer Gemeinderat. Er habe aber immer noch die feste Hoffnung, dass die stationäre Akutversorgung in der Region erhalten bleibe. Ob in Saanen oder in Zweisimmen, das sei nun nicht mehr die Frage. «Ohne Akutversorgung müssen Patienten je nach Standort im Obersimmental oder Saanenland drei viertel Stunden Weg auf sich nehmen bis zur nächsten Notfallaufnahme», sagt Beuret. Das sei unzumutbar.

Anne Speiser, Gemeinderatspräsidentin von Zweisimmen, sagt gegenüber dieser Zeitung: «Manchmal müssen Patienten bis zu einer Stunde auf die Ambulanz warten. Das ist schlicht unzumutbar.» Sie spüre eine «extrem grosse Verunsicherung in der Bevölkerung». Der Abgang des beliebten und langjährigen Pflegedienstleiters Beuret mache die Situation sicher nicht besser. «Seit über vier Jahren warten wir nun auf einen Entscheid der Spital STS AG. Dieser muss nun endlich gefällt werden.»

Anne Speiser pflichtet Beuret bei: «Eine Akutversorgung für unsere Region ist zwingend. Auch der Regierungsrat des Kantons Bern hat letztes Jahr entsprechende Signale gegeben. Worauf wartet die Spital STS AG nun denn noch?» Falle der Entscheid zugunsten von Gesundheitszentren und damit per se gegen die Akutversorgung aus, werde die Empörung in der Bevölkerung sehr gross sein, sagt die langjährige Lokalpolitikerin.

«Wir brauchen ein Spital mit einer primären Notfallversorgung», betont Aldo Kropf, Gemeindepräsident von Saanen, auf Anfrage. Dieser Winter habe erneut deutlich gezeigt, wie wichtig eine Akutversorgung in einem Tourismusgebiet sei. Er warte gespannt auf den Entscheid der Spital STS AG, der demnächst gefällt werden solle. Die Hinauszögerung der Entscheidung habe zu einem gewissem Unmut und zur Verunsicherung der Bevölkerung geführt.

Gesundheit, Arbeit, Steuern

Gemeinderat Jean-Pierre Beuret bringt einen weiteren Aspekt ins Feld: Eine gute Gesundheitsversorgung sei wirtschaftlich und damit für den Kanton auch in Bezug auf Steuergelder und Wertschöpfung unerlässlich. «Die Familien und Touristen in der Region zählen darauf, dass ihnen im Notfall geholfen wird. Ohne Akutversorgung riskieren wir, dass Familien aus der Region wegziehen.» Selbstredend sei, dass die Spitäler wichtige Arbeitgeber seien und man auch in der Hochsaison unmöglich ohne Spital auskommen könne: «In Spitzenzeiten haben wir in der Region nicht 20'000 Leute, sondern 40'000», sagt der Lokalpolitiker.

Keine Auskunft zum Thema Gesundheitsversorgung kann derzeit der Zweisimmer SVP-Grossrat Hans-Jörg Pfister geben: «Als Verwaltungsratsmitglied der Spital STS AG bin ich zum Schweigen verpflichtet.»

Berner Oberländer

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