«Die Kunst hat mich gewählt, nicht ich sie»

Thun

Der Bluesmusiker, Künstler und Forscher George Steinmann ehrt seine Heimatstadt – mit einer Einzelausstellung im Kunstmuseum. In «Call and Response» zeigt er sein Wirken der letzten 35 Jahre.

«Das fossile Zeitalter»: George Steinmann steht auf einer Installation aus den Jahren 1983 und 1989, die für das Thema fossile Ressourcen wie Kohle, Erdöl und Erdgas im Fokus des Klimawandels steht.

«Das fossile Zeitalter»: George Steinmann steht auf einer Installation aus den Jahren 1983 und 1989, die für das Thema fossile Ressourcen wie Kohle, Erdöl und Erdgas im Fokus des Klimawandels steht.

(Bild: Markus Hubacher)

«Nein, nein, mit den Steinmanns von der Confiserie bin ich nicht verwandt», sagt Georges Steinmann und schmunzelt. Mit dieser Frage werde er seit der Kindheit konfrontiert – und genau an jene Zeit wird der mehrfach ausgezeichnete Künstler und Musiker in diesen Tagen besonders erinnert. Der 64-Jährige präsentiert in seiner Heimatstadt einen Querschnitt seines Schaffens während der letzten 35 Jahre im In- und Ausland – und dies im Kunstmuseum Thun, zu dem er einen speziellen Bezug hat. «Hierhin nahmen mich meine Eltern als Jungen zum ersten Mal in ein Museum mit.» «Call and Response. Georges Steinmann im Dialog» ist seine erste Ausstellung in Thun, die zweite Einzelausstellung in der Schweiz. Der Titel stammt von einem Begriff in der Musik. Er bezieht sich auf den Ruf (Call) eines Vorsängers und die darauf folgende Antwort (Response) des Chors.

Die Grenzen ausgelotet

George Steinmann war einjährig, als seine Eltern mit ihm von Bern nach Thun ins Schwäbis zogen. Da gab es zum Beispiel die Pfadfinder oder in der Selve die Giessereimaschinen. «Und im Schwäbisbad habe ich als Kind und Jugendlicher den Sommer verbracht und Gitarre gespielt.» Zu seinen Lieblingsorten gehören noch heute der Rathausplatz und das Schloss und der ganze Schlossberg. «Auf dem Kleist-Inseli hingen wir Jungs herum, und im ‹Elite› befand sich unser Probelokal», kommt er ins Schwärmen von alten Zeiten. Als radikal habe sie gegolten, ihre «Reaction Blues Band» und deren Musikstil. «Wir loteten alle Grenzen aus.»

Nie vergesse er die Flieger, die während seiner Jugend über das Elternhaus geflogen seien und Bomben auf der Allmend abgeworfen hätten. «Thun war lange geprägt von der Armee, das hat mich beeinflusst.»

Berufsmusiker in Finnland

Nicht nur deshalb, aber auch: Steinmann zog es in die Weite – damit er schliesslich als Berufsmusiker und Künstler, dem es keine Rolle spielt, ob er den Pinsel oder die Gitarre als Werkzeug benutzt, die Welt entdeckte. «Am Tag des Abschlusses meiner Lehre als Grafiker bin ich 19-jährig mit Verstärker und Gitarre nach Bern und gleich nach Finnland weitergezogen.» Er war in Interlaken einer Finnin begegnet, in die er sich verliebt hatte – und zog bald darauf sechs Jahre lang als Berufsmusiker mit einer der bekanntesten R-’n’-B-Bands durch das Land. «Anita und ich fanden zusammen – und sind bis zum heutigen Tag ein Paar geblieben», sagt George Steinmann (vgl. auch Kasten «Zur Person»). «Bereits meine Grossmutter hatte eine grosse Achtung vor den finnischen Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges viel Mut zeigten», sagt er, den es stetig weiterzog und der sich stets von seiner Kreativität treiben liess. Der Vater von zwei mittlerweile erwachsenen Kindern studierte nach seiner Rückkehr in die Schweiz in Basel Malerei; anschliessend an einer der wichtigsten Kunsthochschulen der Welt – dem San Francisco Art Institute. Und abends spielte er in Bars und Konzertlokalen den schwarzen Blues.

«Open Spirit» mitgenommen

San Francisco, Flower-Power, viel Kultur und viel Musik. «Dieser ‹Open Spirit›, das Offensein für Neues hat mich geprägt», erinnert er sich. Auch die Geschichte der Afroamerikaner habe bei ihm Spuren hinterlassen. «Meine Lehrerin war die Bürgerrechtskämpferin Angela Davis, die mit Martin Luther in Kontakt stand», erzählt er. Ähnlich stark hätten ihn auch die humanistisch aktiven Eltern geformt. «Mein Vater war Kaufmann und engagierte sich für gesunde Lebensmittel, und meine Mutter war Rotkreuzkrankenschwester, unter anderem im Zweiten Weltkrieg und in Crans-Montana, und hatte Kontakt zu Albert Schweizer», erzählt er. Ein ethisch korrektes und verantwortungsvolles Handeln sei elementar wichtig.

Mit Ehrendoktortitel geehrt

Steinmann kehrte 1980 zurück in die Schweiz, er suchte sich seinen Weg als Künstler und fand ihn. Er entwickelte seine Kunst über all die Jahre im Bezug zur Wissenschaft und gilt heute als Pionier und Forscher für die Natur, den Klimawandel und das Wasser und vieles andere. 2011 zeichnete ihn die Universität Bern mit dem Ehrendoktortitel aus: Für sein Wirken, komplexe Zusammenhänge sichtbar werden zu lassen, und dass er mit seinen Projekten Wissenschaftler, Architekten und Philosophen zusammenführt. Steinmann gilt als «Brückenbauer zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft», sein Schaffen bewege sich auf einer Metaebene. «Für mich ist Kunst eine bedeutende Form von Wissen und die Metaebene die übergeordnete Dimension.» Die Arbeit eines Künstlers habe genauso viel Wert wie diejenige eines Arztes. «Die Kunst, und da gehört natürlich die Musik dazu, ist eine unglaubliche Quelle der Inspiration.»

«Kunst hat mich gewählt»

Ob als Erforscher der Wechselwirkung unterschiedlicher Wahrnehmungssysteme oder in der russischen Taiga, ob als Reisender in Kirgistan, als Zeichner oder Gitarrenvirtuose: Was George Steinmann antreibt, ist die schöpferische Kraft. «Die Kunst hat mich gewählt, nicht ich sie.» Er versuche, mit ihr etwas zu bewegen, die Gesellschaft, die Zukunft, die Umwelt. Und wie er dies umsetzt, zeigt sich in «Call and Response». Die Ausstellung lässt sich allerdings nicht im Schnelldurchlauf und allein visuell erfassen. Den Beschrieb zu seinen Installationen, Skulpturen und Zeichnungen jeweils zu lesen, lohnt sich.

Zeugen des Schamanismus, der Quecksilber- und Goldverarbeitung sind ebenso zu entdecken wie der Heidelbeersaft, den er als Symbol des Hinschauens verwendet. Und ein 17 Meter langes Gleis, das für den Umgang mit fossilen Energien steht. Auch zeigt er einen Kurzfilm mit einer Performance von seinem Musikerfreund Mike Henderson über das Thema der Sklaverei in den USA. In Aufnahmen, die von einem Solokonzert stammen, ist George Steinmann als Bluesmusiker zu hören.

Lima, Detroit und Los Angeles

«Gerade weil sein Werk sehr komplex und vielschichtig ist, bieten wir ein umfassendes Rahmenprogramm», sagt Helen Hirsch, Direktorin des Kunstmuseums. «Steinmanns Arbeiten, Erfahrungen und Botschaften zu entdecken, lohnt sich.» Dazu dient auch eine Publikation über seine Arbeit, die am 15.Oktober im Kunstmuseum vorgestellt wird. Während nun das Publikum Steinmanns Werke kennen lernt, arbeitet der Künstler bereits an neuen Vorhaben. Eines ist der Bau eines künstlerischen Forschungsprojektes auf der Insel Vilm in Deutschland – das ebenfalls in «Call and Response» gezeigt wird. «Zudem bin ich an Projekten in Lima, in Detroit und in Los Angeles», erzählt er.

Schliesslich ist da noch der neue «Prix Thun für Kunst und Ethik», den George Steinmann lanciert (vgl. Kasten), er lebt damit auch in seiner Heimatstadt Nachhaltigkeit vor. Und sowieso bleiben in Thun noch die Namensvetter. Franziska Streun

Thuner Tagblatt

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