Die Erinnerungen an die Tragödie sind allgegenwärtig

Innertkirchen

Vor 20 Jahren forderte ein Explosionsunglück am Sustenpass sechs Menschenleben. Dem damaligen Leiter der Untersuchungen, bleibt die Tragödie in schmerzlicher Erinnerung.

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Schneebedeckt liegen die Gesteinsmassen aufgetürmt auf der Steinalp. Ein Verbotsschild warnt vor möglichen Felsstürzen. Der rötlich schimmernde Gedenkstein zu Ehren der sechs Toten steht wie ein Mahnmal am Rand der Zufahrtsstrasse zur ehemaligen Munitionsvernichtungsanlage Steingletscher. Dort, wo am 2. November 1992 Hunderte von Tonnen Sprengstoff explodierten und für ein Bild der Zerstörung sorgten.

«Man soll die Vergangenheit ruhen lassen, schrecklich ist es alleweil», sagt Willy Knecht nachdenklich. Er, der als Chef des Dezernates Brände und Explosionen der Kantonspolizei Bern als einer der Ersten am Unglücksort die Suche nach allfällig Überlebenden organisiert und die polizeilichen Ermittlungen aufgenommen hatte.

2. November 1992 war Besuchertag

Auch 20 Jahre später erinnert sich Knecht noch an jedes Detail der Tage nach dem 2. November 1992. «Es war eine Tradition, dass Besuchern die Vernichtung von Munition in riesigen Gruben vor der Munitionskaverne demonstriert wurde», beginnt der ehemalige Kantonspolizist seine Ausführungen. Beendet sei der Besuchertag jeweils mit einer besonders grossen Sprengung von Altmunition, Pyrotechnika und Sprengstoff worden, so Knecht.

«Das war an jenem 2. November 1992 nicht anders, als sich 21 Besucher nach Besichtigung der Kaverne hinaus zum Sprengplatz begaben», erzählt Knecht weiter. Dort habe die Gruppe gewartet, bis ein Mitarbeiter der Munitionsfabrik Thun im Innern der Kaverne die pyrotechnischen Materialien für die finale Sprengung bereitstellen, in die Gruben transportieren und das Material zünden würde.

«Es kam anders, und die Tatsache, dass die 21 Besucher die Kaverne verlassen hatten, rettete ihnen das Leben. Diese Personen wurden für uns später wichtige Informanten», sagt Knecht. So hätten einige erzählt, dass ein Grollen im Innern des Berges zu hören gewesen sei, immense Mengen von schneeweissem Rauch aus dem Kaverneneingang auf das Gletschervorfeld geströmt seien und mitanzusehen gewesen sei, wie sich der Berg gehoben habe und die Millionen von Kubikmeter Gesteinsmassen sich aufgetürmt hätten.

«Diese Informationen hatte unser Viererteam einige Tage nach dem Unglück zusammengetragen, und wir kamen zum Schluss, dass irgendetwas nicht stimmte», fährt Knecht weiter. Bei einer Explosion von Sprengstoff gebe es nie weissen Rauch waren sich die Spezialisten einig.

Der Tipp der Fotoreporterin

Einen grossen Schritt weiter kamen Knecht und sein Ermittlungsteam, als sie von einer Fotoreporterin, die wenige Tage vor dem Unglück an einem offiziellen Besichtigungstermin teilgenommen hatte, den Hinweis bekamen, dass sie von den röhrenähnlichen Materialen in der Kaverne keine Aufnahmen habe machen dürfen. «Ihr sei gesagt worden, dass dieses Material eigentlich nicht dort hingehöre», erinnert er sich. «Dies machte uns natürlich stutzig, und wir gingen dieser Sache nach», erinnert sich Knecht. Doch fündig sei man auch nach gründlicher Konsultation der Lagerbuchhaltung nicht geworden.

Im Zuge der Einvernahmen von Mitarbeitern der Munitionsfabrik Thun hat Knechts Truppe nach eigenen Angaben herausgefunden, dass zum Zeitpunkt des Unglücks in der Kaverne 280 Treiberraketen für die Boden-Luft-Rakete des Typs Bloodhound gelagert wurden. Die Lagerung war deshalb nötig, weil der Hersteller aus Grossbritannien gemeldet hatte, dass die Raketen Risse hätten und ausgetauscht werden müssten. Die Anlage am Sustenpass habe sich für die Lagerung solcher Materialien als günstig erwiesen.

«Mir wurde dann schnell klar, dass diese Treiberraketen nirgends in einer Buchhaltung auftauchen durften, schliesslich war das System der Bloodhound 64 noch bis 1999 als geheim klassifiziert», sagte Knecht. Dass solche Raketen in der Kaverne primär gezündet wurden, erkläre nun auch den weissen Rauch, der nach der Explosion aus dem Eingang geströmt sei, sagt Knecht und fügt an: «Beim Zünden der Treiberrakete wird weisser Rauch erzeugt, das wussten wir.» Knecht will 20 Jahre nach dem schrecklichen Unglück ausdrücklich «nicht spekulieren», was die Ursache für die Explosion gewesen sein könnte.

Ursache: Viele Möglichkeiten

«Wir haben aber dazumal gesicherte Informationen bis zu jenem Zeitpunkt zusammengetragen, als der Mitarbeiter der Munitionsfabrik den Auftrag erhalten hatte, Pyrotechnika für den sogenannten schönen finalen Chlapf aus dem Innern der Kaverne abzuholen», so Knecht. Es könne also durchaus sein, dass beim Anheben des Materials eine technische Störung des Hubstaplers die Ladung instabil machte, diese schliesslich auf dem Boden aufschlug und dadurch die Treiberraketen gezündet worden seien.

Die Folge sei eine Einleitung der Primärzündungen gewesen, die wiederum auf Hunderte von Treibsätzen der Bloodhound-Raketen übertragen worden sei und anschliessend die rund 840 Tonnen Munition und Sprengstoff in die Luft habe fliegen lassen – eine klassische Kettenreaktion. Denkbar wäre gemäss Knecht auch eine Fehlmanipulation durch den Angestellten, oder aber dieser hatte plötzlich ein gesundheitliches Problem.

«Das werden wir wohl nie genau wissen, deshalb ist es auch viel besser, die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen und in diesen Tagen in Gedanken bei den sechs Verstorbenen und ihren Angehörigen zu sein», sagt Knecht.

Berner Oberländer

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