Schangnau

Der Pfarrer predigt hochdeutsch – aber gejodelt wird «bärndütsch»

SchangnauAm kantonalen Jodlerfest in Steffisburg wird sich auch ein Deutscher bei den Sängern des Jodlerklubs Hohgant einreihen. Volker Niesel müht sich mit wachsender Begeisterung mit berndeutschen Ausdrücken ab.

Der aus Deutschland stammende Schangnauer Pfarrer Volker Niesel feilt mit Inbrunst an einheimischem Liedgut. Er ist Mitglied des Jodlerklubs Hohgant.

Der aus Deutschland stammende Schangnauer Pfarrer Volker Niesel feilt mit Inbrunst an einheimischem Liedgut. Er ist Mitglied des Jodlerklubs Hohgant. Bild: Daniel Fuchs

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Gäbe es in Schangnau einen Kirchenchor, würde Volker Niesel dort mitsingen. Doch das kulturelle Angebot in der Oberemmentaler Gemeinde ist volkstümlich geprägt. So suchte der sangesfreudige Pfarrer Anschluss im Jodlerklub Hohgant. Im November 2007 hatte er sein Pfarramt in Schangnau angetreten, im Herbst 2009 stand er zum ersten Mal mit den Jodlern auf der Bühne.

Das wäre nichts Aussergewöhnliches, wenn Niesel im Bern- oder wenigstens im Schweizerdeutschen verwurzelt wäre. Aber er hatte in der Nähe von Köln gelebt, bevor er in Schangnau Fuss zu fassen versuchte. Und er sprach kein Wort Berndeutsch. Das tut er bis heute nicht. Er redet nur Hochdeutsch.

Aber er versteht inzwischen durchaus, wovon die Schangnauer sprechen – und was er singt, wenn er im Jodlerklub das Sennenleben lobt oder in «Mis Heimatdörfli» von Schangnau schwärmt. Letzteres gehört zu seinen Lieblingsliedern. «Das kann ich im Schlaf», sagt der 51-Jährige.

Die Hände im Hosensack

Im Jodlerklub schätzen sie das Mitwirken ihres Pfarrers. «Er ist ein guter Sänger», lobt Präsident Ulrich Egli. Dass Niesel das Auswendiglernen mehr Mühe mache als anderen, merke man nicht. Und obwohl er kein Berndeutsch spreche, «hört man beim Singen überhaupt keinen Unterschied», hält Egli fest.

Er muss es wissen: Der Präsident steht jeweils direkt neben dem Pfarrer. Und dort macht der Deutsche etwas, woran er sich auch erst hat gewöhnen müssen: Er steckt die Hände tief in die Hosensäcke. Zu Hause hatte man ihm das ausgetrieben. «Wenn ich als Kind so dastand, fragte die Mutter jeweils: ‹Willst du verreisen? Oder warum hast du deine Hände eingepackt?›»

Nachhilfe beim Nachbarn

Volker Niesel ist kein Mann, der sich mit Halbheiten zufriedengibt. Wenn ihm eine Strophe nicht in den Kopf will, besucht er bei einem Kollegen Nachhilfeunterricht. Weil er weiss, dass man ihm den Deutschen immer anhören würde, versucht er gar nicht erst, mit den Schangnauern Berndeutsch zu sprechen. Aber er hat alles unternommen, um den Dialekt möglichst rasch zu verstehen.

Am Anfang hätten er und seine Frau nur Schweizer Radio gehört und Schweizer Fern­sehen geschaut. «Und wir fuhren fleissig nach Langnau in die Regionalbibliothek, um Kinderhörbücher auszuleihen», erzählt er.

Wenn der Pfarrer mit seiner Frau im Auto unterwegs war, lauschte das kinderlose Paar also jeweils berndeutschen Geschichten. Den Tipp bekam Lusi Niesel von einer Freundin.

Noch vor ihrem Mann hatte die Frau des Pfarrers einen Chor gesucht. Sie habe halt immer schon gern gesungen, erklärt die Tochter einer Musiklehrerin. Im Frauenchor sei sie mit offenen Armen aufgenommen worden.

«Aber die erste Probe war frustrierend. Ich verstand gar nichts. Weder beim Singen noch nach der Probe im Restaurant.» Kein Wunder, für Lusi Niesel war die sprachliche Hürde ungleich höher als für ihren Mann. 2005 war sie aus Indonesien nach Deutschland gekommen, zwei Jahre später wurde sie in Schangnau schon wieder mit einer neuen Sprache konfrontiert.

In ihrem Kopf habe sie für die berndeutschen Begriffe jeweils nach einer hochdeutschen Entsprechung gesucht, sagt sie. «Aber das funktioniert längst nicht immer», stellt sie lachend fest.

Sie erinnert sich etwa an ihre Probleme mit «Es chuttet u strubusset». Doch inzwischen ist auch sie im Dialekt ihrer neuen Heimat zu Hause – und im Frauenjodlerchor so gut integriert, dass sie als Vizedirigentin amtet, wenn der Dirigent verhindert ist.

Gesellig und offen

Volker und Lusi Niesel hätten wohl auch ohne die volkstümliche Musik Wurzeln schlagen können in Schangnau. Sie seien sowieso sehr offen und gesellig, sagt Ulrich Egli. Was nun nicht bedeutet, dass sich der Pfarrer an Jodlerabenden jeweils als Letzter auf den Heimweg machen würde.

Im Gegenteil: Oft müsse er gleich nach dem Konzert aufbrechen. «Sonst bin ich am Sonntagmorgen in der Kirche zu nichts zu gebrauchen.» Aber Volker Niesel ist nach Schangnau gekommen im Wissen, dass er nicht zu fixen Arbeitszeiten Pfarrer sein würde. Wenn er im Laden auf der gegenüberliegenden Strassenseite ein Brot kaufen gehe, «ist das selten eine Sache von fünf Minuten».

Dass der Pfarrer aus Deutschland einer von ihnen ist, haben ihm die Schangnauer Jodler nie mit salbungsvollen Worten ver­sichert. Aber am Tag, da er zum ersten Mal im Kühermutz zum Einsingen kam, traf er vor dem Eingang zum Lokal einen Jodlerkollegen. «Da klopfte er mir kurz auf die Schulter und nickte mir stumm zu.» Die Geste dauerte keine zwei Sekunden, aber Volker Niesel spürte: «Jetzt gehöre ich dazu.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.06.2016, 06:06 Uhr

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