Der Tag mit dem doppelten Thuner Jahrhundertereignis

Thun

Vor exakt 10 Jahren herrschte in Thun Triumpf und Tragödie: Es gab Riesenjubel im Stadion mit dem FC Thun, während gleichzeitig der See überlief: Redaktor Michael Gurtner erinnert sich an seine bisher intensivste Zeit als Journalist.

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Eigentlich ist es unfassbar. Ein bisschen absurd. Surreal gar. Der FC Thun qualifiziert sich sensationell für die Champions League, es ist die vielleicht grösste Überraschung der Europacup-Geschichte – und im «Thuner Tagblatt» am Tag danach nicht der Frontaufmacher. Denn genau gleichzeitig erlebt Thun ein zweites Jahrhundertereignis: Das Hochwasser steigt und steigt – am 23.August 2005, dem Tag des alles entscheidenden Qualifikationsspiels zur Champions League im Stade de Suisse gegen Malmö, auf einen neuen Allzeitrekordstand.

Auf der Redaktion ist die Hektik gross. Alle helfen mit – sind in Gummistiefeln draussen unterwegs, interviewen, recherchieren, fotografieren, koordinieren, telefonieren. Gut ein Dutzend Seiten produzieren wir an diesem Tag zusammen mit den Kollegen von «Berner Oberländer» und «Berner Zeitung» zum Hochwasser. Ich bin in der Innenstadt unterwegs, rede mit Anwohnern, Ladenbesitzern, Soldaten im Einsatz, halte den Kampf gegen die Fluten mit der Kamera fest. Und einen schwarzen Schwan, der gemütlich zwei Meter am Rathaus vorbeigondelt.

Zeit, ans grosse Fussballspiel zu denken, bleibt kaum – noch nicht. Doch als wir gegen Abend die Titelseite besprechen, müssen wir uns entscheiden: Tragik oder (möglicher) Triumph? Die Naturkatastrophe, von der in der Region fast alle mehr oder weniger direkt betroffen sind, oder die Fussballsensation – ein wunderbares Ereignis, aber am Ende halt doch «nur» ein Spiel?

Nach einigen Diskussionen sind wir uns einig: Es wäre im Lichte der Ereignisse fast schon zynisch, an einem solchen Tag dem Fussball den Vorrang zu geben. Klar ist aber auch, dass die Titelseite der Ausgabe vom 24.August nur zwei Themen kennt.

Zu Hause läuft derweil der Keller voll. Zum Glück ist der Zivilschutz da, pumpt und pumpt und pumpt. Keine Ahnung, wie lange wir noch Strom haben werden. Im Wissen darum, dass es andere viel, viel schlimmer trifft, dass sie in den Stunden zuvor ihr Hab und Gut oder sogar ihr Leben verloren haben, mache ich mich mit mulmigen Gefühlen auf den Weg nach Bern.

Und doch auch mit dieser unbändigen Vorfreude. Der FC Thun in der Champions League. Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Den Rest kennen Sie. Bernardi 1:0. Lustrinelli 2:0. Lustrinelli – ein wahres Wundertor – 3:0. Die pure Euphorie. Der Stolz. Das Gemeinschaftsgefühl.

Bald wird das Hochwasser zurückweichen. Beim FC aber werden die Wogen weiter hochgehen. Wunderbar die Momente, als die Spieler den Hochwasserhelfern Lunchpakete verteilen – und ihnen eine nie gekannte Sympathiewelle entgegenschlägt. Wunderbar auch, wie wir mit dem FC im Stade de Suisse weitere Sternstunden erleben.

Aber an diesem 23. August 2005 liegen himmelhochjauchzender Jubel und tiefer Gram unglaublich nah beieinander. Es ist ein einziges Wechselbad der Gefühle. Erschütternd. Berauschend. Unvergesslich. «Thunersee-Pegel so hoch wie noch nie – Tote Frau in Brienz», titeln wir im «Tägu» am 24.August. Und darunter: «Europa, da sind wir!!!!!». So viele Ausrufezeichen hintereinander haben wir nie zuvor und nie danach verwendet.

Zum Jubiläum «10 Jahre FC Thun in der Champions League» publizieren wir unter «Meine Champions League» in loser Folge die Erinnerungen von beteiligten Personen an diese denkwürdigen Monate.

Thuner Tagblatt

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