Der Sog des virtuosen Gaia-Festivals

Hilterfingen

Ein kontrastreiches Konzert mit dem Titel «Erfüllung» präsentierte das Gaia-Festival Oberhofen als finales Glanzstück in der Kirche Hilterfingen.

Das Abschlusskonzert des Gaia-Festivals in der Kirche Hilterfingen (v.l.): Hannes Minnaar, Kirill Troussov, verdeckt Vladimir Mendelssohn, Blythe Teh Engstroem, James Oesi und Christoph Croisé spielten «Erfüllung».

Das Abschlusskonzert des Gaia-Festivals in der Kirche Hilterfingen (v.l.): Hannes Minnaar, Kirill Troussov, verdeckt Vladimir Mendelssohn, Blythe Teh Engstroem, James Oesi und Christoph Croisé spielten «Erfüllung».

(Bild: Markus Hubacher)

«Ich entschuldige mich dafür, dass ich Winterstiefel trage», kommentierte die künstlerische Leiterin Gwendolyn Masin ihre Fussbekleidung in ihrer Begrüssungsrede zum letzten Konzert, das den Titel «Erfüllung» trug.

Das Gaia-Festival Oberhofen wurde in diesem Jahr unter dem Namen «Sehnsucht» durchgeführt, gemeint sei auch die Sehnsucht nach Frühlingswetter. Sie fungiere nicht nur als künstlerische Leiterin, sondern sei diejenige, die musikalische Träume wahr werden lasse, erklärte Masin ihre Position charmant.

Den Auftakt bildeten Isabelle van Keulen (Violine), Blythe Teh Engstroem (Viola) und Dòra Kokas (Violoncello) mit dem Stück «Insight» der britisch-bulgarischen Komponistin Dobrinka Tabakova (*1980), deren Werke gerne als archaisch, meditativ, melodisch und sinnlich beschrieben werden.

Gezogene Töne, kraftvolle Passagen und feines Modulieren zwischen laut und leise lassen es nicht zu, dass der Hörende sich über die Musik hinwegsetzt. «Insight» wirkte wie aus einem Guss, denn kein Bogenansatz war zu vernehmen. Dafür erzeugte das zeitgenössische Streicherwerk einen Sog, dem sich niemand entziehen konnte. Die Komponistin schrieb dieses erstaunlich satte Stück im zarten Alter von 22 Jahren. Die Gäste in der voll besetzten Kirche Hilterfingen konnten in einer wahren Klangflut baden.

Der Kontrast zu dem gerade zuvor genossenen modernen Werk wirkte ein bisschen so, als ob nach Trüffeln Champignons serviert würden.

Gerade mal 15 Lenze zählte Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809–1847), als er das Sextett D-Dur, op. 110 komponierte. Das Werk mit den Ausführenden Kirill Troussov (Violine), Vladimir Mendelssohn (Viola 1), Blythe Teh Engstroem (Viola 2), Christoph Croisé (Violoncello), Hannes Minnaar (Klavier) und James Oesi (Kontrabass) kam als virtuoser Ohrenschmaus daher.

Der Kontrast zu dem gerade zuvor genossenen modernen Werk wirkte ein bisschen so, als ob nach Trüffeln Champignons serviert würden. Der Harmonielehre folgend mit klarem Thema wartete der junge Komponist mit allen gelernten Techniken auf und spiegelte den Zeitgeist des frühen 19. Jahrhunderts wider.

Die Leiterin auf der Bühne

Nach der Pause griff Traumfabrikantin Gwendolyn Masin selbst zur Violine. Zusammen mit Dòra Kokas (Violoncello) und Simon Bucher (Klavier) konzertierte sie eines der letzen Werke von Franz Schubert, das Trio Es-Dur, op. 100 Nr. 2. Fein verwoben traf der Zuhörende immer wieder auf das Thema, einem schwedischen Volkslied entlehnt, wie auf einen guten Freund. Das Publikum wurde Zeuge dieser meisterlichen 50-minütigen Komposition, die durch die liedhafte Melodik, den eindrucksvollen Wechsel von Dur und Moll und die Verknüpfung der einzelnen Sätze bestach.

Das 11. Gaia-Festival Oberhofen schenkte seiner Fan-Gemeinde ein erlesenes und überraschendes Programm mit selten gehörten Werken, einer Uraufführung des Auftragswerkes «Dreisamkeit» von Thomas Fortmann, dem Brunch mit dem Melisma Saxophone Quartet und der West Side Story bis hin zu bekannten Klassik-Hits.

An der Opening-Night erzählte die Komponistin Dobrinka Tabakova beim Musikertalk von ihren Vorbildern Bach und Messiaen. Erstmals wurde in der Stadtkirche Thun mit ihrer hervorragenden Akustik konzertiert, mit dem Titel «Sehnsucht nach Freiheit». Die künstlerische Leiterin Gwendolyn Masin, Direktorin Mirjam Toews, Präsident Christoph Ott und alle ehrenamtlichen Helfer hinter den Kulissen schauen nun auf das nächste Gaia-Festival vom 29. April bis 3. Mai 2020.

Gaia-Festival in Zahlen

Mit den Besucherzahlen der acht Konzerte vom 1. bis 5. Mai sind die Veranstalter zufrieden. Bei der Opening-Night wurden 201 Gäste begrüsst. Bei «Sehnsucht nach Freiheit» fanden sich 240 Menschen ein, das Konzert «Ungestillte Sehnsucht» verzeichnete 128 zahlende Gäste. Am Brunch im Parkhotel Gunten nahmen 60 Personen teil, am Familienkonzert wurden 75 kleine und grosse Besuchende gezählt. Die Gala zog 81 und die Matinee 85 Personen an.

Das Abschlusskonzert in der Kirche Hilterfingen genossen 198 Klassikfans. Das macht summa summarum 1068 Festivalgäste. Das Budget von 150000 Franken wurde nicht überschritten, was nicht möglich gewesen wäre ohne all die freiwilligen Helferinnen und Helfer und treuen Sponsoren.

Thuner Tagblatt

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