Das Oberländer Kaffee-Experiment ist gelungen

Frutigen

Schweizer Premiere einmal mehr im Tropenhaus Frutigen: Die erste kleine Kaffeeernte ist geröstet – und verspricht für die Zukunft als exklusives Produkt durchaus Marktpotenzial.

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Die Schweizer trinken qualitativ sehr hochwertigen Kaffee. Und sie gehören auch mengenmässig zu den «grossen» Kaffeetrinkern: Der Pro-Kopf-Verbrauch an Rohkaffee beträgt über 8 Kilogramm und liegt damit auf den Medaillenrängen der Statistik. Je nach Quelle werden bis gegen 120'000 Tonnen Rohkaffee importiert, etwa die Hälfte wird nach der Röstung und Verpackung wieder ins Ausland exportiert. Da sind die 300 Gramm gerösteten Kaffeebohnen aus dem Tropenhaus Frutigen im Vergleich zu den Hauptanbaugebieten in Süd- und Zentralamerika sowie Asien verschwindend klein. Und dennoch ist die erste brauchbare Schweizer Kaffeeernte ein Durchbruch, «eine kleine Sensation», wie die Spezialisten des Berner Traditionsunternehmens Blaser Café am Dienstag bei der Degustation bestätigten. Matthias Lübke, Leiter Verkauf: «Es hat schon etliche Versuche gegeben. Doch trinkbar waren diese kaum.»

Milder Geschmack als Chance

Anders die mild-fruchtige Arabica-Sorte aus Frutigen. Da heute kleine exklusive Mengen des Genussmittels weltweit immer gefragter werden, sehen die Verantwortlichen auch Chancen auf dem Markt. Ausgefallene und einzigartige Aromen und die Herkunft werden immer wichtiger. Jeder Kaffee habe seine Geschichte. Das Familienunternehmen Blaser Café wird extra für Kleinmengen einen neuen Röster anschaffen, um auf die ändernde Nachfrage gerüstet zu sein.

Es war denn auch deren Regionsvertreter für das Oberland, Martin Salzgeber, der die wachsenden Früchte sah und die Idee lancierte. Das Gärtnerteam um Christian Hänni, das eh gern auf Experimente einsteigt, war sofort dabei und ist heute «stolz auf das Erzielte», wie Hänni strahlend sagte. «Kaum jemand denkt daran, wie viel Aufwand und Erfahrung hinter der morgendlichen Tasse Kaffee stecken.» Die Frutiger betraten damit nach Störfischen, Kaviar und tropischen Früchten einmal mehr exotisches Neuland. Da der kommerzielle Gedanke nicht im Mittelpunkt steht – man will primär das Wissen rund um die Kaffeekultur vermitteln – sind solche Experimente oder «verrückte Ideen» durchaus Programm des Betriebes.

Einzeln von Hand gepflückt

Im Tropenhaus werden die einzelnen roten Beeren von Hand gepflückt, aber erst dann, wenn sie wirklich reif sind. Das beeinflusse die Qualität massgeblich. Dies ist bei der aktuellen Menge problemlos möglich, soll sich aber auch nicht ändern, wenn künftig die erhofften mehreren Kilos geerntet werden können. Anschliessend werden die eigentlichen Bohnen aus den Beeren gepresst, getrocknet und in der Berner Rösterei veredelt. Das Ziel ist gemäss Tropenhaus-Geschäftsführer Marcel Baillods klar: «In absehbarer Zeit wollen wir in den eigenen Restaurants auch eigenen Kaffee anbieten können. Dieser wird aber kaum jederzeit und auch nur in beschränkten Mengen zur Verfügung stehen.»

Die Entwicklung des Frutiger Kaffees hat gerade erst begonnen. Aber das erfolgreiche Experiment kommt genau zur richtigen Zeit. Denn der Markt befindet sich im Umbruch, Kaffee wird zunehmend zum Gourmetgetränk. Und der Kampf vor den Gerichten um die Rechte an den Kapseln beweist, dass es auch um viel Geld geht. Aufzucht ist Neuland «Wir sind der grösste Rohkaffee-Lieferant der Schweiz – natürlich auch der einzige». Christian Hänni, Leiter Agrokultur des Tropenhauses, lebt richtig auf, wenn er von den Versuchen erzählt. «Die Veredelung ist wichtig, doch auch das Ausgangsmaterial muss stimmen.» Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle, von der Sonneneinstrahlung bis zum Standort im Gewächshaus. Abgesehen davon ist die Aufzucht im Gewächshaus auch Neuland. Über das Beziehungsnetz der Rösterfirma wird das in der Schweiz wenig vorhandene Fachwissen ausgetauscht und aufgebaut.

Derzeit ist Frutiger Muntermacher nur in homöopathischen Mengen Wirklichkeit. Doch die Vision von exklusivem eigenem Schweizer Kaffee – Swiss single estate coffee – ist in den Köpfen im Tropenhaus spürbar verankert.

Berner Oberländer

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