Wengen

Das «Kriegsloch» ist ein Phänomen

WengenSeit Jahrhunderten gibt das Kriegsloch unterhalb des Jungfraugipfels im Lauterbrunnental zu reden. Hat das merkwürdige Verhalten dieser Kluft tatsächlich einen Zusammenhang mit dem Ausbruch von Kriegen?

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Seit mehr als 300 Jahren beschäftigt das permanente Loch mitten im Giessengletscher die Menschen im ganzen Tal. Man kann das Gletscherloch von Wengen aus sehen. Aber auch entlang der gesamten Abfahrtsstrecke des weltbekannten Lauberhornrennens und von der Winteregg, den meisten Aussichtspunkten nördlich der Jungfrau und sogar von Interlaken aus.

Lässt Fragen offen

Seit vielen Generationen weiss ausnahmslos jeder Talbewohner davon, aber mancher spricht nicht gerne darüber. Zu Recht, denn das rätselhafte Verhalten dieser schwarzen Gruft von einer Grösse von inzwischen etwa 60 Metern stellt einen unerklärlichen Mythos dar und lässt einige Fragen offen. Wieso zum Beispiel schloss sich das Loch ausgerechnet bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges? Und auch Tage vor dem Zweiten Weltkrieg? Und noch bei vielen weiteren Weltkonflikten? Um sich gleich nach deren Beendigung wieder zu öffnen?

Der Teufel im Gletscher?

Eine der wenigen Kriegsloch-Sagen im Lauterbrunnental lautet wie folgt: Immer wenn es irgendwo auf der Welt Krieg gibt, hat es ohnehin genügend Teufel auf der Welt, sodass sich das Loch getrost schliessen kann. Der Teufel kann sozusagen in den Berg einfahren, denn er wird ja vorübergehend nicht mehr gebraucht. Zu Friedenszeiten jedoch muss sich das Loch wieder öffnen, sodass der Teufel entweichen kann, um seiner Aufgabe, die Welt nicht allzu friedlich werden zu lassen, wieder nachzukommen.

Jeweils vor Kriegsbeginn

Die Aussagen und Überlieferungen lassen keine Zweifel offen über die Tatsache, dass sich das sogenannte Kriegsloch an der Nordwestflanke der Jungfrau bereits beim Ausbruch des Spanischen Erbfolgekrieges zwischen Deutschland und Österreich im Jahr 1701 schloss. 13 Jahre später öffnete es sich plötzlich wieder, also gleichzeitig mit dem Ende dieses Krieges. Genau dasselbe passierte 1870 anlässlich des Deutsch-Französischen Krieges (auch Siebzigerkrieg genannt), beim Ersten Weltkrieg (1914– 1918), beim Zweiten Weltkrieg (1939–1945), während der Kubakrise (1962), beim Sechstagekrieg in Nahost (1967), vor dem Einfall der russischen Armee in Afghanistan (1979), dem Iranisch-Irakischen Krieg (1980– 1988) sowie während der Balkankrise vor knapp zehn Jahren. Gibt es also tatsächlich einen Zusammenhang der Gletscheraktivitäten mit dem Ausbruch von Kriegen?

Hunderte von Kriegen

Wohl kaum, denn in den übrigen Jahren war der Fels freigelegt – auch während der Kriege in Korea (1950–1953) und Vietnam (1965–1975) schloss sich das Kriegsloch nicht.

Schier ein Tabuthema

Das ist aber noch lange nicht alles, denn der Mensch ist noch wesentlich streitsüchtiger: Allein von 1701 bis 1800 wurden weltweit 47 Kriege ausgetragen, im 19.Jahrhundert deren 103 und im letzten sogar 123 Konflikte. Seit der Jahrtausendwende gab es bereits 9 Krisenherde. Seit 2003 herrschen Kriege im Irak und im Sudan (Darfur-Konflikt), 2004 begann der Krieg in Südossetien (Russland-Georgien). Nord- und Südkorea richten seit wenigen Tagen ihre Waffen aufeinander, und auch in Kongo spitzt sich die Lage zu. Hätte sich das Kriegsloch also tatsächlich an all diesen Kriegen orientieren wollen, wäre der Fels überhaupt nie sichtbar und das Loch permanent – auch heute – geschlossen gewesen.

Trotz allem sorgte das Kriegsloch im Lauterbrunnental seit je für Gesprächsstoff. René Feuz als Präsident der Sektion Lauterbrunnen des Schweizerischen Alpenclubs (SAC) erinnert sich: «Wir sind mit dem Kriegsloch aufgewachsen. Schon mein Vater und Grossvater haben immer wieder davon gesprochen. Es ist ein regelrechter Mythos.» Für seinen Vater Willy war das Kriegsloch zu Jugendzeiten fast schon ein Tabuthema: «Man hat nicht viel darüber geredet, das Loch aber stets ehrfürchtig im Auge behalten.»

Mehr als drei Dimensionen

Das Wengener «Urgestein» Fredy Fuchs, langjähriger Rennleiter und Vizepräsident der Internationalen Lauberhornrennen, hatte das Kriegsloch zeitlebens vor Augen. So auch während des Zweiten Weltkrieges, als das Loch geschlossen war: «Es gibt scheinbar Dinge, die mehr als drei Dimensionen haben. Wir müssen im Leben halt manchmal etwas akzeptieren, das wir nicht verstehen können», gibt sich Fuchs demütig: «Aber trotzdem ist die Jungfrau der schönste Berg der Welt!»

(Radio-)Aktiver Gletscher

Bis zum 7.Juni 2000 hatte nie ein Mensch das Kriegsloch betreten. Laut Aussage des inzwischen kürzlich verstorbenen Lauterbrunner Bergführers Fritz Stäger bezahlten vor vielen Jahren mal zwei Alpinisten einen Aufstiegsversuch mit dem Leben. Erst am besagten 7.Juni vor acht Jahren stieg der österreichische Bergsteiger und Forscher Rudi Mayr in Begleitung des Stechelberger Bergführers Jürg Abegglen als erster Mensch überhaupt zum Kriegsloch hinauf, nachdem ihn Helikopterpilot Sepp Galliker von der beheimateten Helikopterbasis der Air-Glaciers in unmittelbarer Nähe davon abgesetzt hatte.

Im Zuge seiner akribischen Untersuchungen an Ort und Stelle mass Rudi Mayr während einer halben Stunde auch die Radioaktivität und die kosmische Höhenstrahlung – dies alles unter grösster Eisschlaggefahr von der Oberlippe des Hängegletschers, wo pausenlos grössere Brocken abbrachen. Mayr stellte dort oben die Äquivalentdosis von 0,03 Mikrosievert pro Stunde fest, was exakt derselben Strahlenbelastung wie im 1700 Meter weiter unten gelegenen Lauterbrunnen bedeutete.

«Dies ist wissenschaftlich unerklärlich, steigen doch die radioaktiven Strahlenwerte mit der Zunahme der Meereshöhe in der Regel stark an», sagt Rudi Mayr. Und weiter:?«Während der Messungen sprang der Wert aber mal kurzzeitig auf 0,24 Mikrosievert/h hoch, also gleich auf das Achtfache. Einzige realistische Mutmassung für diese Kapriolen dürften thermisch bedingte Emissionen von Radon aus dem Kristallingestein des Kriegslochs sein.»

Trotzdem seltsam

Es bleibt also dabei: Der Mensch rätselt weiterhin darüber, welche Zusammenhänge das Kriegsloch mit Kriegen haben könnte. Der Zürcher ETH-Glaziologe Martin Funk bringt es auf den Punkt: «Dieses Phänomen hat doch mehr mit dynamischen Schwankungen des Gletschers als mit Kriegen zu tun. Zumindest kann ich mir das nicht anders erklären.»

Die Experten gehen davon aus, dass sich in gewissen Abständen am unteren Rand des Kriegsloches Eisabbrüche aufstauen, was zu Aufschichtungen und dem vorübergehenden «Schliessen» des?Loches führt. Klimatische Einflüsse lassen diese Eisschicht dann wieder abschmelzen. Belegen lässt sich diese These aber nicht, da das?Kriegsloch noch nie über einen längeren Zeitraum an Ort und Stelle beobachtet werden konnte. Zu gross sind die objektiven Gefahren in dieser Bergflanke der Jungfrau.

Trotz all dieser Tatsachen und Meinungen mutet es seltsam an, dass sich das Loch im unteren Bereich des Giessengletschers ausgerechnet während der beiden grossen Weltkriege schloss. Ob Zufall oder Zusammenhänge, darüber darf auch in Zukunft spekuliert und gerätselt werden. (Berner Oberländer)

Erstellt: 08.11.2008, 16:46 Uhr

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