Das Aufräumen wird einige Zeit in Anspruch nehmen

Zulgtal/Steffisburg

Der Pegel der Zulg ist längst wieder auf Normalniveau, die Gefahr neuer Überschwemmungen scheint vorerst gebannt. In den vom Unwetter am stärksten betroffenen Gebieten laufen die Aufräumarbeiten indes auf Hochtouren. In den nächsten Tagen werden im Eriz Gräben ausgebaggert und das Kulturland von angeschwemmten Schutt, Steinen und Holz befreit.

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Auch in der Nacht auf gestern regnete es in und um Thun sowie im Zulgtal wiederum teilweise heftig. Verglichen mit den schweren Unwettern vom Vortag kam die Region diesmal jedoch mit einem blauen Auge davon. «Es sind keine neuen Schäden hinzugekommen», sagte Steffisburgs Feuerwehrkommandant Guido Sohm gestern. Die Situation im Dorf hat sich am Tag 2 nach dem verheerenden Gewitter weitgehend entspannt. «Selbstverständlich sind die Leute immer noch mit Aufräumen beschäftigt. Aber das Wasser in den betroffenen privaten Liegenschaften sowie im Feuerwehrmagazin und im Werkhof ist rausgepumpt», erklärte Sohm. Es werde nun noch abgeklärt, wie viele Zivilschützer nächste Woche zum Aufräumen in der Region Horrenbach-Buchen aufgeboten werden.

Die Müllerschwelle, an der sich am Mittwochabend Unmengen an Wasser, Holz und Geschiebe in der Zulg vorbeiwälzten, wird nicht ausgebaggert. «Es sind von unserer Seite her keine Massnahmen direkt an den Gewässern geplant», sagte Albert Jäggi, Leiter der Abteilung Tiefbau/Umwelt, gestern. Die Bestandesaufnahme sei indes nach wie vor im Gange. «Wir haben noch nicht alle Gewässer im Dorf vollumfänglich gesichtet. Dies wird in diesen Tagen geschehen.»

Gräben werden ausgebaggert

Auch in der Gemeinde Eriz, in der am Mittwoch der heftige Regen niederging, wird es noch einige Tage dauern, bis das ganze Ausmass der Zerstörung abgeschätzt werden kann. «Wir waren mit einem Ingenieur sowie Vertretern des Kantons und der Schwellenkorporation im Feld und haben uns die Schäden angesehen», sagte der Erizer Gemeindepräsident Daniel Jost gestern. Es sei auch darum gegangen, abzuklären, für welche Schäden der Kanton aufkommen wird.

Beim Wiederaufbau liegt der Fokus laut Jost nun zunächst auf dem Zulgwanderweg, der teilweise weggespült wurde, sowie der zerstörten Brätlistelle Schachen. «Ausserdem werden wir Gräben ausbaggern und das betroffene Kulturland von angeschwemmten Schutt, Steinen und Holz befreien müssen», erläuterte der Gemeindepräsident. Insgesamt sei das Eriz jedoch weniger stark vom Unwetter getroffen worden als die Nachbargemeinde Horrenbach-Buchen. In der Nacht auf gestern seien zudem keine neuen Schäden hinzugekommen. Dennoch warnt Jost: «An exponierten Lagen präsentiert sich die Situation nach wie vor unstabil. Sollte es erneut längere Zeit regnen, könnten die Hänge wieder ins Rutschen kommen.» Gerade deshalb gelte es, die Gräben möglichst rasch auszubaggern.

Vater erhebt Vorwürfe

Nur mit viel Glück kam am Mittwoch bei einem Zeltlager der Jungwacht-Blauring Raron, das unmittelbar neben der Zulg stattfand und an dem 74 Kinder und 22 Leiter teilnahmen, niemand zu Schaden. Ein Vater eines betroffenen Kinds erhob in der Folge Vorwürfe an die Behörden. So wunderte er sich etwa, wieso die Gemeinde Unterlangenegg niemanden für die Mithilfe beim Aufräumen des verwüsteten Lagers aufgeboten habe. Oder weshalb die Kinder und Leiter keine Unterkunft im Dorf erhalten hätten.

Rudolf Reusser, Gemeindepräsident von Unterlangenegg, konnte die Vorwürfe gestern entkräften: «Wir wussten gar nicht, dass an der Zulg ein solches Lager durchgeführt wird, weil die Lagerleitung dies direkt mit dem dortigen Landbesitzer vereinbart hat.» Sowohl die Polizei als auch die Feuerwehr Schwarzenegg seien jedoch vor Ort gewesen und hätten ihre Hilfe angeboten. «Der Gemeindeschreiber hat ausserdem einen Schulbus organisiert, der Kinder und Leiter in die Zivilschutzanlage Steffisburg gebracht hat», sagte Reusser. In Unterlangenegg wäre keine ausreichend grosse Unterkunft zur Verfügung gestanden. Rudolf Reusser will schon in der nächsten Gemeinderatssitzung mit seinen Ratskollegen besprechen, ob und, falls ja, wie künftig ein Alarmdispositiv für solche oder ähnliche Lager aufgezogen werden könnte. Was hält der Gemeindepräsident eigentlich generell von Camps in der Nähe der Zulg? «Ich würde eher davon abraten. Es geht oftmals blitzschnell, dass der Fluss über die Ufer tritt.»

190'000 l Wasser pro Sekunde

In den kommenden Tagen sollten sich die Pegelstände der Gewässer im Raum Thun weiter stabilisieren. Die Zulg führte mit 3 Kubikmetern pro Sekunde schon gestern Nachmittag wieder so viel Wasser wie üblich. Zum Vergleich: Am Mittwochabend flossen laut einer Statistik des kantonalen Amts für Wasser und Abfall (Awa) beim Zulgausfluss bis zu 190 Kubikmeter, also 190'000 Liter Wasser pro Sekunde, in die Aare. «Auch der Pegel des Brienzersees ist weiter zurückgegangen, liegt aber noch immer 30 Zentimeter über dem jahreszeitlichen Mittelwert», sagte der Abteilungsleiter Gewässerregulierung beim Awa, Bernhard Schudel, gestern. Der Thunersee lag mit einem Pegel von 557,71 cm am Nachmittag laut Schudel bereits wieder 10 Zentimeter unter dem jahreszeitlichen Durchschnitt.

Bei Gebäuden hat das Unwetter vom Mittwoch verhältnismässig geringe Schäden angerichtet. «Für uns war dieses Gewitter zum Glück kein Grossereignis», sagt Kirstin Steyer, Leiterin Kommunikation bei der Gebäudeversicherung Bern (GVB). Es seien im Raum Thun/ Zulgtal insgesamt weniger als 20 Häuser zu Schaden gekommen, «was natürlich nicht heisst, dass es für die Betroffenen keine harte Angelegenheit ist», präzisiert Steyer. Eine genaue Schadensumme konnte die GVB-Sprecherin noch nicht abgeben. «Dafür brauchen wir noch etwas Zeit.»

Thuner Tagblatt

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