Bunkerkäse, gereift im Kandertaler Munitionsmagazin

Reichenbach

Ein grosses Munitionsmagazin der Armee in Kien wird umgenutzt: Hinter den tonnenschweren Panzertoren lagern künftig Pyrotechnik und Medizinapparate – und Käse wird reifen.

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Sechs recht unscheinbare grün-graue Eingangstore mit Rampen links und rechts der Kiene verbergen den Zugang zum Geschäftsfeld der Lagerhäuser Kien AG. Verwaltungsrat und Geschäftsführer Rudolf Rubin aus Frutigen öffnet für uns diese Türen. Hinter einer davon verbirgt sich ein Maschinenraum, der heute bis auf die wieder genutzten Elektrokästen und ein paar Rohre des früheren Dieselmotors und des Notstromgenerators leer geräumt ist. «Der Dieseltank für 20'000 Liter ist schon herausgebrochen», erklärt Rubin.

Hinter den fünf anderen Zugängen – schwere Panzertüren hinter einfachen Holztüren versteckt – geht es zu unterschiedlich grossen ehemaligen Munitionskammern der Armee. Dort lagerten bis vor wenigen Jahren Hunderte von Tonnen Munition. Die grossen sind 10 Meter breit, 9 Meter hoch und 106 Meter lang. «Sie sind vollkommen trocken. Die Luftfeuchtigkeit beträgt rund 50 Prozent und die Temperatur immer 10 bis 11 Grad.» Von den konstanten Lagertemperaturen profitiert die Hamberger Swiss Pyrotechnik, die einen der Stollen als Lager gekauft hat.

Tausende von Käselaiben

In einem weiteren werden ausgediente Medizinapparate wie Röntgengeräte zwischengelagert, bis diese vom Oberländer Hilfswerk Solidarität Schweiz/Osteuropa weitertransportiert werden. Und für die vier restliche Stollen ist eine eher kulinarisch interessante Nutzung vorgesehen: «Wir sind in Verhandlungen, ein Käsereifungslager zu realisieren», sagt Rudolf Rubin. Die Volumen lassen Tausende von Käselaiben zu, wie eine ähnliche Anlage in der Innerschweiz bereits zeigt.

Für die Bunkeranlage inklusive Umnutzungsbewilligungen sind rund eine Million Franken bezahlt worden. Doch wie Rubin aufzählt, ist es damit nicht getan: «Die Erneuerung der Stromanschlüsse, der sanitären Anlagen, der Lüftungen und der Schutz einiger Eingänge vor Steinschlag kosten uns natürlich zusätzlich viel Geld.» Noch nicht klar ist, wie viel in die heikle Käselagerung investiert werden muss. Die Lebensmittelbranche kenne strenge Vorschriften. Zudem ist geplant, die vier Käsestollen noch mit einem rückwärtigen neuen Stollen zu verbinden. Kostenpunkt: gegen 900'000 Franken.

Die gemeinsame Versorgungsinfrastruktur wird von den Besitzern anteilmässig bezahlt. Diese aktuellen Eigentümer sind 3 der insgesamt 28 Interessenten aus dem In- und Ausland, die zu Beginn der Ausschreibung Angebote machten. «Wir bekamen den Zuschlag, weil wir uns zusammengetan haben und gleich alle Stollen kaufen wollten», ist der Geschäftsführer überzeugt. Die Nettolagerfläche des ehemaligen Munitionslagers beträgt stolze 4800 Quadratmeter.

Nicht erstes Käseprojekt

Als Inhaber der Rudolf Rubin AG aus Frutigen hat der Initiant eine enge Beziehung zu Käse. Die Firma stellt unter anderem Alpkäsereien her. «Ich habe schon vor Jahren versucht, in Mülenen in einem Militärstollen Käse reifen zu lassen. Aber der Stollen war zu feucht.» Jetzt nimmt er einen neuen Anlauf – in viel grösserem Rahmen. Bis die Schlüsselübergabe zustande kam, dauerte es aber lange.

Nötig waren zudem Hochwassergutachten wegen der Kiene. Der Bach hat bei den Unwettern 2005 Schäden verursacht und einige der Rampen weggerissen. «Vor allem dank Unterstützung des Gemeinderates Reichenbach und des Regierungsstatthalters kam die Umnutzung zustande», lobt Rubin.

Kopfschütteln bei Rubin

Was jedoch die lokalen Behörden nicht verhindern konnten: «Die Anlage wurde Anfang der 1950er-Jahre erbaut. Obwohl niemand es beweisen kann, sei damals gerodet worden. Und deshalb müssen wir jetzt 1000 Quadratmeter angeblich gefällten Wald wieder aufforsten», meint er kopfschüttelnd. «Glücklicherweise können wir das gleich am Ufer der Kiene vor der Stollenanlage machen.»

Berner Oberländer

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