Bevölkerungsstatistik: Die Stadt Thun entvölkert die Täler

Die Oberländer Bevölkerung hat sich in den letzten 150 Jahren sehr unterschiedlich entwickelt. Während in Thun die Anzahl Bewohner schier explodiert ist, wurden andere Regionen regelrecht entvölkert.

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Die Bevölkerungsanzahl im Berner Oberland hat sich in den letzten 150 Jahren unterschiedlich entwickelt: Vor allem im Nordwesten ging sie zurück, während sie rund um Thun schier explodierte.

Hier finden Sie eine interaktive Karte, die das Bevölkerungswachstum in den einzelnen Regionen zeigt

Gründe gibt es viele, wie eine Auswertung der Bevölkerungsdaten und Recherchen bei Historikern zeigen. Und sie hängen zusammen: Wer daheim erfolglos Arbeit suchte, fand sie eventuell in der Stadt. In einem Fall spielte aber die Pferdezucht möglicherweise eine zentrale Rolle. Im folgenden die wichtigsten Erkenntnisse:

Die Zentren: Menschen gehen dahin, wo Jobs sind

In den letzten 150 Jahren seien jene Orte gewachsen, an denen die Menschen hätten Arbeit finden können, sagt die Thuner Stadtarchivarin Anita Egli. Thun, Steffisburg, Spiez und Heimberg sind die Orte im Berner Oberland, deren Bevölkerung in den letzten 150 Jahren am stärksten gewachsen ist – wobei namentlich Thun regelrecht explodiert ist. Die Thuner Stadtarchivarin, deren statistischer Blick noch 100 Jahre weiter zurückgeht als die oben abgebildeten Zahlen, vergleicht Thun mit Zofingen und Burgdorf.

Ende des 18. Jahrhunderts hatten die drei Orte alle um die 1500 Einwohner. Schon 1850 hatte Thun die Marke von 5000 Einwohnern geknackt, während die anderen beiden Orten noch deutlich ­darunterlagen; heute hat Thun 42'000 Einwohner, Burgdorf gut 16.000 und Zofingen gut 11.000. Der Grund für das überdurchschnittliche Wachstum von Thun ist für Anita Egli klar: «Wer wegen der Armut oder auf der Suche nach Arbeit aus dem Berner Oberland wegwollte, kam in Thun vorbei», sagt sie. «Wer hier einen Job fand, blieb hier.» Burgdorf und Zofingen seien weniger zentral gelegen, deshalb sei das Wachstum langsamer vonstattengegangen.

«In Thun kommt indes noch ein zweiter Faktor hinzu», sagt die Historikerin. «Thun hat sich dank geschickten Eingemeindungen Raum zum Wachsen verschafft.» Namentlich das Zusammengehen mit Strättligen im Jahr 1913 habe einen «veritablen Schub» ermöglicht.

Während in Thun die Jobs bei grossen Arbeitgebern wie der Militär- und Rüstungsindustrie, den Selve-Werken oder Hoffmann und anderen Grossfirmen Treiber der Bevölkerungsentwicklung waren, zeigen andere zentral gelegene Gemeinden im Berner Oberland ähnliche Entwicklungen – wenn auch weniger markant und aus anderen Gründen: Auf dem Bödeli sorgte der Tourismus dafür, dass ­Unterseen, Matten und Interlaken auch zu jenen zehn Gemeinden im Oberland gehören, deren Bevölkerung seit 1850 am stärksten gewachsen ist; dasselbe gilt für Saanen mit Gstaad als Nobelwintersportort, während in Frutigen die Industrie im Kandertal für genügend Arbeitsplätze sorgte, sodass wenigstens Teile der Bevölkerung im Tal blieben.

Anita Egli betont denn auch, dass die Menschen aus dem Oberland, die sich in und um Thun zu Tausenden niedergelassen haben, dies nicht primär taten, weil sie nach Thun wollten. «Ihnen wurde nach und nach die Existenzgrundlage entzogen, sie hatten keine Arbeit und oder hungerten in früheren Jahren gar», sagt sie. «Sie flohen, weil sie sich eine neue Existenz aufbauen wollten. Hätten sie das nicht in Thun gekonnt, wären sie weitergezogen nach Bern, in den Jura mit seiner Uhrenindustrie oder nach Übersee.»

Zulgtal: Weniger Kinder, mehr Mobilität

Seit 150 Jahren ist die Bevöl­kerung im Zulgtal mehr oder weniger konstant rückläufig. Sinkende Kinderzahlen und wachsende Mobilität ortet ein Kenner als mögliche Gründe. Im Jahr 1800 – 50 Jahre bevor die ersten Zahlen erhoben wurden, auf denen die nebenstehende Grafik basiert – zählte das Eriz 330 Einwohner. 1850, bei Beginn der Volkszählungen, waren es fast doppelt so viele – und die Bevölkerung nahm weiter sachte zu bis in die 1950er-Jahre.

Von da an zeigen die Einwohnerzahlen nur noch in eine Richtung: abwärts. «Das dürfte auch im Rest des Zulgtals nicht viel anders ausgesehen haben», sagt Christian Aeschlimann. Er am­tete bis 2008 während mehr als 40 Jahren als Gemeindeschreiber im Eriz und kennt die Region wie seine Westentasche. Dass vier der zehn bevölkerungsärmsten Gemeinden im Berner Oberland im Zulgtal liegen, ebenso vier der zehn Gemeinden mit dem prozentual grössten Bevölkerungsrückgang sowie drei der zehn Gemeinden mit dem absolut grössten Bevölkerungsrückgang, erstaunt ihn nicht.

«Ein Hauptgrund, dass wir hier immer weniger Leute haben, sind die sinkenden Kinderzahlen», sagt Aeschlimann. Im 19. sowie im frühen 20. Jahrhundert galten Kinder als «Altersversicherung» für die Eltern; dank den Fortschritten in Medizin und Hygiene waren kinderreiche Familien die Regel – auch im Zulgtal. Mit der besseren Erschliessung und wirtschaftlichem Aufschwung gingen die Kinderzahlen ab den 1950er-Jahren sukzessive zurück, und damit begann die gesamte Bevölkerung zu schrumpfen. «Themen wie Landflucht wurden erst später aktuell, aber beschleunigen natürlich diesen Prozess», sagt Christian Aeschlimann.

Er betont, dass damit eine unheilvolle Abwärtsspirale eingesetzt habe: Weil weniger Menschen im Tal wohnen, wird die Infrastruktur – Läden, Poststellen, Verwaltung – entsprechend zurückgefahren, was wiederum immer mehr Menschen dazu bewegt, das Tal zu ver­lassen. «Diese Entwicklung zu durchbrechen, wird die Herausforderung der näheren Zukunft sein», sagt Aeschlimann – und sieht Gemeinden, Kanton und Bund namentlich in der Raumplanung herausgefordert.

«Es gibt Möglichkeiten, Landgemeinden Wachstum zu ermöglichen, ohne auf der grünen Wiese Land einzonen zu müssen», ist Aeschlimann überzeugt. «Gelingt es, da Gegensteuer zu geben, ist es möglich, die Bevölkerungszahlen zu stabilisieren.» Dass die Täler ganz entvölkert werden, wie das etwa Avenir Suisse vorschlägt, ist für ihn unrealistisch. «Auch vor 1800 lebten hier Menschen – mit viel ­weniger Infrastruktur und Möglichkeiten – und trotzdem glücklich», sagt Aeschlimann.

Boltigen, Oberwil und Guttannen: Pferdezucht und Kraftwerksbau

Ende 2015 zählte Boltigen 1288 Einwohner. 165 Jahren vorher war die Ortschaft um einiges grösser: 1850 betrug die Wohnbevölkerung 2149 Personen und war damit grösser als jene in Spiez (2115). Seither ging die Bevölkerungszahl mit wenigen Ausreissern stetig zurück. In absoluten Zahlen schrumpfte Boltigen im gesamten Oberland mit einem Minus von 773 am stärksten. Und an zweiter Stelle folgt die Nachbargemeinde Oberwil. Hier sank die Einwohnerzahl in 165 Jahren von 1405 auf 820. Damit ist Oberwil an der Spitze, wenn es um den prozentualen Rückgang (–42 Prozent) geht.

Die Suche nach den Gründen der früheren Grösse der bei- den Gemeinden gestaltet sich schwierig. Peter Mosimann, Autor von «Boltigen und das Simmental», meint auf Anfrage, dass dies einer vertieften Abklärung bedürfte. Es sei aber eine grosse Bevölkerungszunahme insbesondere in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts festzustellen. Dabei spielten laut Mosimann verschiedene Faktoren zusammen.

Wie die Ablösung von Bodenzinsen und Zehnten sowie die Förderung des Handels durch den Bau der Simmentalstrasse von 1816 bis 1832. «Der Käse-, Butter- und Viehhandel blühten.» Auch der aufkommende Reise- und Bädertourismus dürfte eine Rolle gespielt haben. «Das aufblühende Weissenburgbad stand auf Oberwiler Boden.» Allgemein habe sicher auch der Fortschritt in der Medizin eine Rolle gespielt und die Tatsache, dass grosse Familien mit bis zu 15 Kindern nicht selten waren.

Die Oberwiler Bibliothekarin Maja Lörtscher verweist auch auf die Zucht des Erlenbacher Pferdes. Diese sei ein wichtiger Motor der Wirtschaft gewesen, noch bevor die Region für die Zucht des Simmentaler Fleckviehs bekannt geworden sei. Die Bedeutung der Pferdezucht nahm aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark ab. Weil die Züchter nicht mehr von der Obrigkeit unterstützt wurden, wie der ehemalige Direktor des Schweizerischen Landesmuseums Andres Furger im Werk «Die Pferdezucht in der Schweiz – 16. bis 19. Jahrhundert» schreibt. Ebenso dürfte die wachsende Bedeutung der Eisenbahn eine Rolle gespielt haben.

Auch Guttannen verlor 42 Prozent seiner Bevölkerung. Hier verlief die Entwicklung aber nicht stetig. In den 1920er- Jahren fiel die Anzahl Einwohner erstmals unter 300. Dann ging es aber wieder steil nach oben. Bis sie 1950 um die 550 betrug. Dann ging es wieder abwärts. Hier ist die Erklärung schnell gefunden: die Kraftwerke Oberhasli AG. Diese wurde 1925 gegründet, und in diesem Jahr begannen die Bauarbeiten am Kraftwerk Handeck 1 mit dem Grimsel- und dem Gelmersee. Noch bis 1954 wurde an Stauseen gebaut.

Hier finden Sie eine interaktive Karte, die das Bevölkerungswachstum in den einzelnen Regionen zeigt (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 10.01.2018, 08:12 Uhr

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