Aufräumen mit Ungleichheiten

Der «Pfeffer» schlägt eine Lichtung in den Feminismusdschungel. Die in Thun aufgewachsene Journalistin, Buchautorin und Feministin Anne-Sophie Keller (27) erklärt die Basics der Bewegung – auch für Männer!

Bild: Yekta Evren

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1.Warum soll ich mich als junge Person, die vielleicht noch gar nie eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts wahrgenommen hat, für feministische Anliegen einsetzen?

Bis vor 46 Jahren durften Frauen in der Schweiz nicht wählen und abstimmen. Ohne ärztliches Urteil ein Kind abzutreiben, ist ihnen erst seit 15 Jahren erlaubt. Früher war die Diskriminierung der Frauen offensichtlich, während sie heute subtiler passiert. Zum Beispiel, wenn Frauen weniger verdienen. Die Diskriminierung beginnt aber schon im Kindesalter: Mädchen erfüllen mehr «Ämtli» im Haushalt, später pflegen sie öfter betagte Verwandte.

Der Feminismus hilft, solche ungleichen Behandlungen zu erkennen. Meinen deine Freundinnen, sich schminken und abnehmen zu müssen, verstehst du dank des Feminismus, dass nicht die Personen das Problem sind, sondern die Strukturen, in denen sie leben. Plötzlich wirst du vieles hinterfragen: Warum zeigen die Frauen auf Werbeplakaten so viel freie Haut? Wieso sind die meisten Bundesräte und Festivalacts männlich?

2.Wie kann ich mich für den Feminismus einsetzen?

Auf zwei Ebenen ist dein Einsatz nötig: Lies Bücher und Artikel über die Argumente des Feminismus, um dich selber zu stärken. Sprich mit Freundinnen über deine Erkenntnis und trage diese starke Haltung nach aussen. Dieses Self-Empowerment hilft dir, in Gesprächen deinen Standpunkt klarzumachen.

Die andere Ebene betrifft Handlungen, die auf die Diskriminierung aufmerksam machen. Mit dem Verein Aktivistin.ch habe ich viele Aktionen im Grau­bereich des Rechtes gemacht. So färbten wir im Oktober 2016 das Wasser von Zürcher Brunnen rot, um die Tabuisierung der Menstruation zu kritisieren. Wer wie ich gerne auf den Putz haut, kann zum Beispiel einen Streik organisieren, wenn an der Abschlussfeier jedes Jahr Männer die Rede halten. Oder sich beim Kino beschweren, wenn fast nur Filme mit Männern in der Hauptrolle im Programm stehen. Möglich sind auch Lesezirkel oder selber ein Magazin gründen.

3.Wie reagiere ich auf Kritik und Beleidigungen?

Oft höre ich, dass Frauen in der Schweiz keine Probleme aufgrund ihres Geschlechts hätten. Doch in unserem Land erlebt jede fünfte Frau in ihrem Leben sexualisierte Gewalt. Klar gibt es Länder, wo die Konsequenzen von Diskriminierungen für Frauen existenzieller sind. Das ist aber kein Grund, nicht auch hier etwas zu ändern! Der Feminismus ist eine Bewegung, die Machtverhältnisse hinterfragt und Leute zum Nachdenken zwingt. Das passt nicht allen, manche fühlen sich bedroht und unsicher. Ihnen zeigt man am besten Statistiken, welche die Ungleichheiten be­legen.

Stösst du mit den Argumenten auf Granit, sollst du den Mut nicht verlieren. Wer sich für ein Anliegen einsetzt, das die Gesellschaft ändert, muss mit Gegenwind rechnen. Am besten, du orientierst dich an anderen starken Frauen, die für die gleiche ­Sache kämpfen. Emma Watson, Michelle Obama und Laurie Penny motivieren und inspirieren mich in schwierigen Zeiten, weiterzukämpfen.

4.Wo treffe ich Leute, die für die gleichen Anliegen kämpfen?

Online geht die Feminismusbewegung im Moment total ab. Laufend entstehen neue Foren und Communities, wo sich Gleichgesinnte austauschen. Im realen Leben treffen sich viele Feministinnen im Frauenraum der Reitschule Bern oder in Frauengruppen an den Unis. Auch ­Demos sind super, um neue Verbündete kennen zu lernen.

Da der Feminismus politische Anliegen verfolgt, kannst du auch in Jungparteien Kontakte knüpfen. Wer sich in keine bestehenden Strukturen einfügen will, kann selber Lesezirkel gründen und ausschreiben. Den grössten Teil meiner Verbündeten habe ich auf Social Media kennen gelernt. Warum nicht mal die Lieblingsbloggerin auf einen Kaffee einladen?

5.Was geht der Feminismus die Männer an?

Sehr viel! Der Feminismus ist eine Gleichstellungsbewegung, davon profitieren alle Menschen. Ausserdem: Soll ich mich als weisse Person etwa nicht für die Black-Lives-Matter-Bewegung einsetzen? Eben.

In unserer Gesellschaft herrscht die Norm, dass Männer stark und durchsetzungsfähig sein sollen. Der junge Mann denkt also, er müsse früh in die Pubertät kommen, Frauenheld und Leistungskanone sein. Auch gewisse Hobbys und Berufe provozieren Hänseleien, wenn sie von Männern ergriffen werden. Wenn ein Mann Ballett tanzen oder Coiffeur werden will, soll er das machen, ohne abschätzige Kommentare ertragen zu müssen. Es macht also total Sinn, wenn sich Männer für feministische Anliegen engagieren!

Flavia von Gunten (19) studiert in Bern. Sie mag Bücher, Kaffee und Sport. Yekta Evren (24) ist freischaffender Grafiker, Illustrator und Comickünstler. Seine Hobbys sind Zeichnen, Malen, Digital Painting, Philosophie, Lesen, Wushu (chinesische Kampfkunst) und Joggen. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 12.10.2017, 15:49 Uhr

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