Auch die Jungen mögens urchig

Ländlermusik ist nur etwas für ergraute Häupter, so ein gängiges Vorurteil. Weit gefehlt: Um der jungen Szene in der Region gerecht zu werden, gibt es neu auch im Oberland eine Jungmusikanten-Stubete.

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Wie viele Tasten hat eigentlich ein Schwyzerörgeli? Die unerwartete Frage des unwissenden Besuchers sorgt für ein Schmunzeln – aber auch für kurzes Grübeln am Tisch der Musikanten. Vorab seien die Tasten ja Knöpfe, heisst es erst einmal erklärend. Und hinten, also beim Bass, könne deren Anzahl variieren. Es folgt flugs der prüfende Blick aufs faltenreiche Instrument. «Das Schwyzerörgeli hat vorne 31 und am Bass in der Regel 18 Knöpfe. Es verfügt über zweieinhalb bis drei Oktaven und hat etwa 50 Töne.» Der das sagt, ist Christian Scheuner – und der dürfte es wissen.

Der Heimenschwander hat mit Urs Liechti an diesem frostigen Winterabend in den Wiler, das Restaurant in der gleichnamigen Spiezer Bäuert, geladen. Zu nichts weniger als einer Premiere: Erstmals führt das Duo eine Stubete für Jungmusikanten im Berner Oberland durch. Seit bereits vier Jahren tut es dies unter der Schirmherrschaft des Verbandes Schweizer Volksmusik (VSV) im Emmental.

Genauer in der Säge Rinderbach. «Was uns dort etwas fehlte, war, dass die Oberländer den Weg ins Emmental gefunden haben», begrüsst Urs Liechti, der Berner VSV-Vizepräsident und Musikchef ist. Die vereinte folkloreaffine Runde ist spürbar erwartungsfroh. Es ist bereits warm geworden im proppenvollen Säli. Man gönnt sich ein Bläterliwasser, Kafi oder einen Hopfensaft.

Urchige Landjugend? Denkste. Gut ein Dutzend jugendliche Musizierende sind dem Aufruf zum gemeinsamen Musigen gefolgt. Klischees bedienen sie freilich nicht, tragen weder Tracht noch Mutz, weder Bürzi noch Zopf. Nein, Jeans und Shirts. So, wie das alle ihre Altersgenossen tun. «Was spile mir?», fragt der von zwei jungen Frauen flankierte Örgeler. Es ist Werner Brügger. Der Adelbodner ist als Pöstler im Lohnerdorf eine Bekanntheit, weiter herum hat er sich aber als Schwyzerörgeler einen Namen gemacht.

Er ist der Gastmusikant – und damit Programm: Jeder Stubete steht ein berühmter Vertreter der Szene Pate und dient als Zugpferd – für Jungmusikanten und Publikum. Adrian Reichen (19) aus Frutigen sowie die Reichenbacherin Ines Wittwer (16) und Karin Wyssen (19) haben sich um Brügger postiert. Sie sind willens, als Erste in die Tasten zu hauen und die Saiten zu zupfen. «Ä Schottisch», beantworten sie hurtig die Frage nach dem bevorzugten Stil. Gesagt, gespielt.

Flink fliegen die Finger über die Knöpfe. Lüpfig. Zünftig. Flott. Hans Friedli aus Spiez, selbst ein Örgeler, tippelt mit den Fingern auf der Tischfläche. «Das ist ein grosser Erfolg fürs erste Mal», freut er sich ob der geglückten Stubete und der grossen Zuhörerschar. Im Wiler herrscht fürwahr eine heile (Musik-)Welt.

Während eine nächste Ad-hoc-Formation aufspielt, erklärt Karin Wyssen, wieso sie als junge Frau der Volksmusik zugetan ist. «Sie ist etwas Spezielles, etwas anderes, etwas, das man nicht so oft hört», sagt die Frutigerin. Als Zehnjährige habe sie begonnen, ihrer Schwester Marlene nachzueifern, erzählt sie. Und dass sie erblich «vorbelastet» sei – Werner Brügger, bei dem sie Woche für Woche eineinhalb bis zwei Studen Unterricht geniesst, ist ihr Onkel.

Eine weitere halbe Stunde übt Karin Wyssen in der Musikschule bei David Kallen. «Ich versuche, das Örgeli jeden Tag für 15 bis 30 Minuten in die Hand zu nehmen.» Macht sie nicht urchige Musik – mit ihrer Schwester und dem Geschwisterpaar Stephanie und Melanie Schmid bildet sie das Schwyzerörgeliquartett Vis-à-Vis –, lässt sie sich in Bern im dritten Lehrjahr zur Coiffeuse ausbilden. Berufsschulkolleginnen besuchen Clubs, sie Chilbis. «Manchmal werde ich wegen meines Hobbys auch etwas belächelt – das ist mir aber egal», sagt sie selbstbewusst. Man glaubt ihr aufs Wort. Nur als Teenager habe sie sich manchmal ein klein wenig dafür geschämt.

Just so ein Teenager steht nun auf der Bühne, die keine eigentliche ist. Es ist der Spiezer Oliver Marti (14), der durch sein virtuoses Blockflötenspiel schon einige Bekanntheit erlangt hat. Er spielt das Örgeli, Thomas Tschudin (17) aus Matten bei Interlaken die Fiedel. Wie Karin Wyssen findet auch Oliver es toll, gibt es die junge Stubete. «Ich bin sehr froh, im Oberland ist das bisher nie gefördert worden.»

Tschudin, mit dem Marti das Kufsteinlied gibt (und so das Säli verhalten singen lässt) sagt, was ihm die Volksmusik bedeutet: «Sie ist für mich Erholung von der Klassik.» – «Die Volksmusik? Das ist Freude! Die tut gut und ist gut fürs Gemüt!» Oliver Martis Worten gilt es an diesem Abend im Wiler schlicht nichts beizufügen. (Berner Oberländer)

Erstellt: 12.03.2015, 09:36 Uhr

Daten

17. April (David Kallen, Akkordeon/Schwyzerörgeli, Frutigen)
12. Juni (Christian Stäger, Akkordeon/Schwyzerörgeli, Blumenstein)
21. August (Marcel Zumbrunn, Schwyzerörgeli, Siebnen)
23. Oktober (Roland Wyss, Matten b.I., Klarinette/Bass/Klavier)
11. Dezember (Haeme Ulrich, Meikirch, Schwyzerörgeli)

Jeweils um 20 Uhr im Restaurant Wiler in Spiezwiler. Am Freitag, 13. März, gibts die nächste Stubete im Restaurant zur Säge im Rinderbach.

Junge Volksmusik boomt vorab im Kandertal

Wie viele? Der Frutiger Handorgellehrer David Kallen, seit 28 Jahren an der Musikschule Unteres Simmental-Kandertal tätig, sagt: «Bei uns werden rund 50 Schüler in Ländlermusik ausgebildet, rund 90 Prozent am Schwyzerörgeli und 10 am Akkordeon.» Seit dreissig Jahren sei das im Kandertal eine Erfolgsgeschichte. Angebote gebe es auch in Interlaken und Thun, doch seien die nicht vergleichbar stark gefragt, dito im Niedersimmental. Der bekannte Schwyzerörgeler glaubt, die Akzeptanz für die Volksmusik habe in den letzten Jahren eher zugenommen.

Exakte Zahlen zu den Volksmusikanten existieren nicht, sagt Urs Liechti, der Berner Vizepräsident beim Verband Schweizer Volksmusik (VSV). «Im Kanton Bern gibt es 330 Formationen.» Nicht alle Musizierenden sind aber zwingend Mitglied beim Verband – und umgekehrt ist nicht jedes der 1360 Berner Verbandsmitglieder auch zwingend ein Musikant. «Bei uns können auch Freunde der traditionellen Volksmusik Mitglied sein», erklärt Liechti. Geht man von einem Mittel von fünf Musizierenden pro Formation aus, erhält man schnell rund 2000 Bernerinnen und Berner, die örgelend, zupfend oder blasend der Folklore frönen.

Landesweit zählt der VSV, der vom 10. bis 13. September in Aarau das Eidgenössische Volksmusikfest ausrichtet, rund 12'000 Mitglieder. Urs Liechti sagt, seit einigen Jahren seien die Zahlen leicht rückläufig. Seit rund 10 Jahren kann Volksmusik an der Hochschule Luzern studiert werden, was sich positiv auf die Qualität auswirke. Der VSV pflegt «eher zurückhaltend Kontakt» zu weiteren Akteuren der Volkskultur – den Jodlern, Alphornbläsern, Trychlern oder Fahnenschwingern. Bei Grossanlässen wie dem Unspunnenfest seien die Verbände indes gefordert, gemeinsam etwas Gutes auf die Beine zu stellen.

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