Am Lauberhorn hört er mit den Augen

Für Philipp Steiner ist es eine Mutprobe am Berg gewesen. Der Berner war auf der längsten Weltcupstrecke als Vorfahrer unterwegs. Der Gehörlose erzählt, wie «laut» es auf der Piste und in seinem Leben zu und her gehen kann.

Sie verstehen sich:  Ruth Lehmann ist das Ohr des gehörlosen Skirennfahrers Philipp Steiner – sie übersetzt das Notwendige in die Gebärdensprache.

Sie verstehen sich: Ruth Lehmann ist das Ohr des gehörlosen Skirennfahrers Philipp Steiner – sie übersetzt das Notwendige in die Gebärdensprache. Bild: Andreas Blatter

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Philipp Steiner verliert zwar 10 Sekunden auf die Trainingsbestzeit – im Ziel in Innerwengen wird der Berner gleichwohl beachtet: Er ist gehörlos. Der Konolfinger kommt bei der Weltcupabfahrt am Lauberhorn als Vorfahrer zum Einsatz. «Ich lebe meinen Traum», sagt er mit leuchtenden Augen. So schnell wie im Haneggschuss sei er noch nie Ski gefahren. «Ich hatte bestimmt 150 Stundenkilometer drauf – das grenzt an Spinnerei.» Nach einer Verschnaufpause gesteht er: «Ich bin froh, dass ich heil angekommen bin.» Mit dem Rückstand auf die Schnellsten könne er leben. «Ich dachte, ich würde 15 bis 20 Sekunden verlieren.»

«Ich bin seine Ohren»

Philipp Steiner ist das Aushängeschild des Schweizerischen Gehörlosensportverbands, in dem rund 500 Athleten lizenziert Wettkampfsport betreiben. An der Europameisterschaft im vergangenen Jahr gewann der 25-Jährige in Davos drei Silbermedaillen, an den ersten Welttitelkämpfen im kommenden Februar will er in Nesselwang (De) dreimal Gold schürfen.

Christian Lehmann hat Steiner als Vorfahrer für die Lauberhornabfahrt vorgeschlagen. Der 44 Jahre alte Meiringer Turn- und Sportlehrer ist Cheftrainer des Swiss-Deaf-Skiteams, der Nationalmannschaft der Gehörlosen also. Seine Frau Ruth (45) führt Philipp Steiner in Wengen sicher durch den Informationsdschungel. «Ich bin seine Ohren», sagt die Betreuerin. Ruth Lehmann kann sich mit ihrem Schützling in der Gebärdensprache unterhalten. So tippt sie Steiner am Start auf die Schulter, damit er weiss, dass es bis zu seinem Einsatz noch 10 Sekunden dauert. Dann leuchtet die Lampe grün auf. Die physische und psychische Belastung für Steiner sei nicht zu unterschätzen, sagt Ruth Lehmann. «Als Gehörloser ist man schnell ausgegrenzt.»

Büchel ist beeindruckt

Steiner ist seit seiner Geburt taub. Er liest von den Lippen ab. Das vereinfacht die Verständigung – man muss nicht unbedingt Gebärdensprache können. So sagt der Hörgeschädigte in gut verständlichen Worten: «Früher schaute ich die Lauberhornabfahrt am Fernsehen, sah, wie Bruno Kernen 1997 am Brüggli-S fürchterlich stürzte, und jetzt bin ich selber ein Teil davon. Ich kann es fast nicht glauben.»

Beeindruckt von dieser Leistung ist auch der ehemalige Skirennfahrer Marco Büchel. Der 41 Jahre alte Liechtensteiner sinniert: «Ich muss auf der Piste hören, wenn die Kante im Eis kratzt. Ich muss hören, wie der Fahrtwind lauter wird. Je schneller ich unterwegs bin, desto höher ist meine Konzentration. Ohne Gehör würde mir das räumliche Vorstellungsvermögen fehlen. Ich hätte wohl Mühe mit dem Gleichgewicht.» Der Innertkirchner Rolf von Weissenfluh, auch er ein ehemaliger Skirennfahrer und gelegentlicher Betreuer von Philipp Steiner, hat selber festgestellt: «Mit Musik in den Ohren fährt man anders Ski.»

Zu «laut» in der Diskothek

Philipp Steiner muss die Schneebeschaffenheit erspüren. Im Vergleich zu einem Hörenden kann er nur verzögert reagieren, wenn die Piste eisig wird. So still wie auf einer Wanderung in der Einsamkeit der Bergwelt wird es für Steiner am Lauberhorn nie. «Ich höre mit den Augen», sagt der Sanitärmonteur, der mit seiner ebenfalls gehörlosen Freundin Ariane Gerber in Münsingen wohnt. Er könne Lärm empfinden: «Wenn sich am Samstag entlang der Strecke und im Ziel viele Menschen aufhalten und ihre Fahnen schwingen, nehme ich diese Bewegungen als Rummel wahr.» Unerträglich laut werde es für ihn in der Diskothek, wenn die Glitzerkugel wie wild dreht. Musik hört Steiner mit dem Körper. «Laute Rockmusik mit intensiven Bässen ist für mich spürbar. Klang ist Schwingung.» Philipp Steiner trägt ein Hörgerät. Damit kann er auf Töne reagieren, verstehen tut er sie nicht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.01.2013, 10:33 Uhr

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