9 Stunden Ärger statt 3000 Franken

Wimmis

Sie wusste, auf was sie sich einliess, doch ihre schlimmsten Befürchtungen wurden noch übertroffen: Brigitta Frey hat an einem «Gewinnspiel» der Vilsana AG teilgenommen, die grossmundig tolle Preise ankündigte.

Ein billiges Reise-Schmink-Set anstatt 3000 Franken: Brigitta Frey aus Wimmis kehrte zwar vom Ausflug zur «Gewinn-Übergabe» nicht ganz mit leeren Händen zurück, aber doch mit weit weniger als ursprünglich angekündigt.

Ein billiges Reise-Schmink-Set anstatt 3000 Franken: Brigitta Frey aus Wimmis kehrte zwar vom Ausflug zur «Gewinn-Übergabe» nicht ganz mit leeren Händen zurück, aber doch mit weit weniger als ursprünglich angekündigt.

(Bild: Gabriel Berger)

Brigitta Frey aus Wimmis hat bereits etliche Male Briefe erhalten, in denen ihr Preise bei Gewinnspielen versprochen wurden. Auch bei der Einladung der Vilsana AG zur Übergabe des 3.Preises in der Höhe von 3000 Franken machte sich Frey keine Illusionen, dass sie je einen Rappen dieses Betrags sehen würde. «Aus Neugier und da wir nebst der Gewinnübergabe auch eine Schaukäserei besuchen sollten, entschied ich, mich trotzdem für die Carfahrt nach Affoltern im Emmental anzumelden», erzählt sie.

Los ging es an einem sonnigen Morgen Ende März am Bahnhof Wimmis, wo die 49-Jährige und ihre 23-jährige Tochter, die sie als Begleitung mitnehmen durfte, vom Car abgeholt wurden. «Wir gehörten klar zu den Jüngsten. Die meisten Teilnehmer waren zwischen 60 und 80 Jahre alt», erinnert sich Frey. Nachdem weitere «Gewinner» aufgeladen wurden, kündigte der Carfahrer in gebrochenem Deutsch an, dass die Reise zunächst ins Restaurant Gerlafingerhof (SO) führe.

Eine Lüge nach der anderen

Als Brigitta Frey an besagtem Ort ankam, ahnte sie noch nicht, dass sie die nächsten neun Stunden dort verbringen würde. «Wir wurden in einen Saal gebracht, der so kalt war, dass wir fast den ganzen Tag die Jacken anbehalten mussten. Auf den Tischtüchern befanden sich noch die eingetrockneten Essensreste vom Vortag», erzählt die Spitex-Pflegerin. Ein hochdeutsch sprechender Mann empfing die rund 40-köpfige Gruppe und versprach als erstes, dass es bei ihm nichts zu kaufen oder zu bestellen gebe und dass er rasch vorwärts mache, da die Würze ja in der Kürze liege. Es sollten nicht die einzigen Lügen an diesem Tag bleiben.

Am Morgen zeigte sich der Referent noch gut gelaunt, verteilte sogar an vier Personen Geschenke – darunter eine Kaffeemaschine – und sorgte für eine entspannte, familiäre Atmosphäre. «Nach dem Mittagessen verhielt sich der Typ aber wie ein umgekehrter Handschuh», sagt Frey. Plötzlich seien an den Ausgängen des Saals insgesamt fünf Männer gestanden, die wie Bodyguards beziehungsweise Türsteher aussahen. «Der Referent hielt nun einen Vortrag über sogenannte Magnetmatratzen, lief dabei durch die Tischreihen und streichelte immer wieder älteren Frauen über die Wange», erzählt Frey. Die angeblichen Wundermatratzen würden gegen Knochenbrüche, Rheuma, Gicht und vieles weiteres helfen und hätten eine Garantie von 25 Jahren, gab der Referent an. Brigitta Frey wusste sofort, «dass dies die reinste Hirnwäsche war».

2998 Franken für 1 Matratze

In der anschliessenden Fragerunde wollte die Wimmiserin vom Referenten wissen, wie viel so eine Matratze koste. Zunächst zierte sich dieser um eine Antwort, gab dann aber den Preis von 2998 Franken bekannt. Nach einer weiteren Pause – es war mittlerweile 16.30 Uhr – betrat ein weiterer Mann mit einem silbernen Koffer den Saal. «Die Vermutung lag nahe, dass hier endlich der grosse Gewinn drin steckte. Nachdem die ersten Senioren schon fast eingeschlafen waren, witterten wir alle Morgenluft», schildert Frey. Der Referent gab an, dass er für jene, die ihm trauen, im Koffer ein Couvert bereitliegen habe. Bis auf zwei Personen sprachen ihm alle das Vertrauen aus.

Mit grossem Brimborium zog der Referent aus dem Couvert einer Teilnehmerin 1400 Franken. «Dieser Betrag sollte als Geschenk vom Originalpreis der Matratze abgezogen werden», erzählt Frey. Als sie aber ihr eigenes Couvert auf allfällige Geldnoten abtasten wollte, kam sofort einer der Türsteher und hinderte sie daran. Danach ging alles ziemlich schnell: Alle 40 «Gewinnspiel»-Teilnehmer wurden für ein persönliches Verkaufsgespräch in einen separaten Raum gebracht, wo bereits ein vorgeschriebener Vertrag auf sie wartete. «Ich hätte letztlich noch die Hälfte, also 1499 Franken für die Matratze bezahlen sollen. Beim Kauf zweier Matratzen wurde mir zudem eine gratis Videokamera versprochen. Ich weigerte mich standhaft, etwas zu unterschreiben», sagt die 49-Jährige.

Als die Stimmung beim Gespräch allmählich gehässig wurde, packte der Referent Frey am Ärmel, sie konnte sich aber losreissen und verliess den Raum fluchtartig. Nach einer weiteren letzten Verkaufspräsentation, bei der es um Bratpfannen ging, war der Spuk um 17.45 Uhr vorbei – geschlagene neun Stunden nach der Ankunft der 40-köpfigen Gruppe im Gerlafingerhof.

«Reine Zeitverschwendung»

«Man findet kaum Worte, um zu beschreiben, was sich diese Leute erlaubt haben», hält die Wimmiserin fest. Die Frau, die am Morgen die Kaffeemaschine gewann, habe diese zurückgeben müssen, weil sie keine Magnetmatratze kaufte. Wegen des grossen Drucks durch die Veranstalter hätten am Ende aber doch rund 15 Personen den Vertrag unterschrieben und eine der Matratzen mit fragwürdiger Wirkung gekauft. Der Besuch der Schaukäsererei sei den ganzen Tag über kein Thema mehr gewesen – im Gegenteil: Als sich am Nachmittag jemand traute, nachzufragen, wann es damit losgehe, antwortete der Referent lediglich: «Das tut hier nichts zur Sache.»

Rückblickend bereut Brigitta Frey ihr Experiment, für das sie sich extra einen Tag frei nahm. «Dieser Anlass war reine Zeitverschwendung! Unter dem Strich hatte ich mehr Auslagen als Einnahmen und dies bei einem ‹Gewinnspiel›.» Auf der Heimfahrt im Car sei die Stimmung immer noch sehr gedrückt gewesen. Besonders leid taten Frey zwei ältere Bauern aus dem Oberland, von denen sie sich nur noch an die Vornamen Hans und Christian erinnern kann. Sie hatten bei der Hinfahrt grosse Vorfreude auf die Käserei geäussert. «Die zwei Bauern sollen sich doch bei mir melden», sagt Frey. «Ich würde den Besuch in der Schaukäserei gerne mit ihnen nachholen.»

Thuner Tagblatt

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