«Wir leben in Sigriswil mit elf Dörfern die Demokratie»

Sigriswil

Elf kleine und kleinste Dörfer am rechten Thunerseeufer haben sich 1347 zur Gemeinde Sigriswil zusammengeschlossen. Trotz heterogener Struktur funktioniert das fusionierte Gebilde gut – nötig ist jedoch Toleranz.

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«Ich bin ein Reuster, aber ich fühle mich als Sigriswiler», sagt Bergbauer Fritz Abraham Oehrli. Und Sohn Ferdinand, der am steilen Bord seinen «Muli» mit Emd belädt, pflichtet ihm bei. Wie die beiden denken auch die anderen 50 Bewohner des Dorfes Reust. Das scheint erstaunlich, denn Reust liegt geografisch im Zulgtal, gut zehn Kilometer weit weg von Sigriswil. Die Kinder gehen in Teuffenthal und Homberg zur Schule, die Post wird von Teuffenthal aus zugestellt, die Schützen frönen mit den Horrenbachern ihrem Hobby, und die Kirchgänger besuchen in Buchen den Gottesdienst und werden dereinst auch dort zu Grabe getragen. Trotzdem haben sich die Reuster jüngst ohne eine Ja-Stimme gegen eine Fusion mit den Gemeinden des Zulgtals ausgesprochen.

«Unsere Gemeinde funktioniert gut»

Seit 665 Jahren gehört das Dorf Reust zur Gemeinde Sigriswil. «Dass sich die Reuster für den Verbleib bei uns entschieden haben, ist kein Zufall. Sie wissen aus Erfahrung, dass wir gut zu ihnen schauen», sagt Martin Sommer, Gemeinderatspräsident von Sigriswil. Im Kanton Bern gilt Sigriswil seit 1347 als Vorzeigemodell einer fusionierten Gemeinde. Dazu gehören neben Reust die Dörfer Meiersmaad, Schwanden, Ringoldswil, Tschingel, Aeschlen, Endorf, Wiler, Merligen, Gunten und Sigriswil. Elf Dörfer mit zusammen gut 4600 Einwohnerinnen und Einwohnern. «Unsere Gemeinde funktioniert im Grossen und Ganzen gut. Wir finden uns immer wieder zu einem guten Konsens», betont Martin Sommer und ergänzt, «was es braucht, ist Toleranz.»

Das Funktionieren dieser heterogen zusammengesetzten Gemeinde muss von den sieben Gemeinderatsmitgliedern immer wieder erarbeitet werden. Die Interessen der Goldküstendörfer Merligen und Gunten, des gewerbedominierten Sigriswil und der fast ausschliesslich von der Landwirtschaft geprägten Dörfer am Berg müssen unter einen Hut gebracht werden. «Da haben es Gemeinden wie Oberhofen, in welchen die Ansprüche der Einwohnerinnen und Einwohner nicht so diametral verschieden sind wie bei uns, weit einfacher», sinniert Gemeinderatspräsident Sommer. Dass die Gemeinde harmoniert, führt er auch auf die gute berufliche Durchmischung des Gemeinderates zurück. Aktuell gehören diesem drei Mitglieder der SVP an, die anderen vier sind Mitglieder der Parteilosen Bürger Sigriswil (PBS). Bei den Wahlen im Herbst tritt erstmals die BDP an.

Vernehmlassung in den Dörfern

«Die elf Dörfer haben unterschiedliche Charaktere, aber zusammen funktionieren sie gut», weiss Gemeindeschreiber Anton Haldemann aus der Praxis. Zentral ist, dass jedem der sieben Gemeinderatsmitglieder einzelne der elf Orte zugeteilt sind – «jedes Dorf hat seinen Ansprechpartner im Gemeinderat». Den Dörfern selbst stehen Präsidenten vor. Diese stellen nicht nur die Verbindung zum Gemeinderat von Sigriswil sicher, sondern spüren den Puls der Bewohnerinnen und Bewohner und leiten deren Begehrlichkeiten an die Exekutive weiter. Ein offizielles Antragsrecht haben die Dorfpräsidenten nicht. Martin Sommer, versichert aber: «Wir behandeln alle Wünsche und Anträge aus den Dörfern und geben auf diese auch eine Antwort.» Unabhängig von der Stimm- und Steuerkraft der elf Dörfer würden deren Anträge vom Gemeinderat ernst genommen. Die Dörfer werden auch zu Vernehmlassungen eingeladen, zum Beispiel wenn es um ein neues Parkplatzreglement geht.

Die Gratwanderung, welche der Gemeinderat zur Zufriedenstellung aller machen muss, gelingt nicht immer ohne Misstöne. Diese waren etwa bei der Forderung nach schnellen Internetanschlüssen in alle elf Dörfer zu hören. Ein Glasfaserkabel bis Schwanden schien mach- und finanzierbar. Da begehrten aber die kleineren Gemeinden auf. «Sie sprachen von einer Zweiklassengesellschaft», erklärt Martin Sommer. Für Ringoldswil zeichnet sich eine Lösung ab, nicht so für die kleinsten, etwas abgelegenen Dörfer Meiersmaad und Reust.

Stolz auf die Fusion

Die Faust im Sack machen müssen die Dörfer deswegen aber nicht. «Wir leben in Sigriswil die Demokratie», betont Gemeinderatspräsident Sommer. Will heissen: Wird das Begehren eines Dorfes vom Gemeinderat abgelehnt, steht der Weg über die Gemeindeversammlung offen. «Die Dörfer können enorm gut mobilisieren», sagt Sommer. Dann etwa, wenn ein Schulhaus geschlossen werden soll. Oder bei der Abstimmung über den Beitritt der Gemeinde zum Naturpark Hohgant. «Die Gegner, allen voran die Landwirte, haben mobilisiert und die Vorlage zu Fall gebracht», erinnert sich Martin Sommer. 800 Personen waren aufmarschiert, sodass die Gemeindeversammlung von der Kirche Sigriswil in die Mehrzweckhalle Schwanden verlegt werden musste.

In den elf Dörfern ist man stolz, dass die 1347 erfolgte Fusion bis heute Bestand hat. Sicher gebe es dann und wann kritische Stimmen, doch die Abspaltung einzelner Dörfer – etwa aus steuerlichen Gründen – sei noch nie ernsthaft diskutiert worden, versichert Gemeindeschreiber Haldemann. Stolz ist Gemeinderatspräsident Sommer aber auch darauf: «Die Dorfidentität ist immer noch da. Obwohl die elf Dörfer seit bald 700 Jahren eine Gemeinde bilden, hat jedes Dorf noch sein eigenes Wappen.»

Berner Zeitung

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