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«Wir dürfen nicht wegschauen»

Unter der Leitung von Stefan Regez diskutierten in Meiringen Fachleute, eine Mutter und ein Jugendlicher zum Thema «Alkohol und Tabak bei Jugendlichen». Das Motto dabei lautete: «Wir schauen nicht weg!»

Die Jugendarbeit Oberhasli hatte für Donnerstag zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion eingeladen. Die Jugendarbeiterin Vreni von Allmen erklärte zu Beginn: «Wir wollen den Austausch fördern und das Thema Alkohol nicht tabuisieren.» Dass das viele andere auch nicht wollen, bewies das grosse Publikum.

Der Saal im Kirchgemeindehaus Meiringen war bis auf den letzten Platz besetzt. Unter den Zuhörenden waren etliche Eltern mit ihren Kindern. Der jungste Teilnehmer der Podiumdiskussion, Yvo Budde, Mitglied des Jugendparlaments Interlaken, brachte das Problem auf den Punkt: «Wir Jugendlichen müssen den Umgang mit Alkohol lernen. Das geht nicht mit Verboten. Es braucht aber auch jemand, der Grenzen setzt, das müssen die Eltern sein.»

Eltern als Vorbild

Dem pflichtete Hans-Ulrich Seizer, Chefarzt der Privatklinik Meiringen bei: «Wir müssen einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol haben. Doch das, was das richtige Mass ist, muss jeder selber erfahren.» Eltern müssten dabei eine Vorbildrolle spielen. Die Mutter Doris Michel aus Brienz bekannte jedoch: «Grenzen zu setzen ist schwierig.» Denn das löse oft Streit aus.

Heinz Burkhalter, Polizist und Präventionsbeauftragter der Kantonspolizei Meiringen, setzte sich dafür ein, dass die Kontrolle nicht der Polizei, den Gastwirten oder den Jugendarbeitern überlassen werden darf. «Die Eltern müssen wissen, wo ihr Kind ist. Wer unter 16 Jahre alt ist, gehört nach 22 Uhr nicht mehr auf die Strasse ohne Begleitung eines Erwachsenen.» Er erinnerte daran, dass für Jugendliche nicht der Konsum von Alkohol verboten ist, sondern die Abgabe, respektive den Verkauf von Alkohol an Jugendliche.

Zu wenig Angebote?

Im Verlaufe des Gesprächs zeigte sich, dass die 16- und 17-Jährigen ein Problem haben: Sie fühlen sich zu alt für das Jugendzentrum (JZ) aber zu jung für die meisten Diskotheken und Bars. «Bei unseren Kontrollen im JZ haben wir festgestellt, dass an diesem Abend zwar 75 Eintritte verzeichnet wurden, aber nur 15 Jugendliche dort sind», sagte Polizist Burkhalter. Jugendarbeiter Erich Sterchi räumte ein, viele würden sich in Verlaufe des Abends auch gerne ausserhalb des JZ versammeln. «Wir können nicht allen alles bieten, das sie gerne hätten, und nicht kontrollieren, wo die Jugendlichen hingegangen sind», sagte Erich Sterchi.

Ein Barmann des «Lions», der unter den Zuhörern war, riet, «mal bei uns vorbei zu kommen und sich umzusehen». Yvo Budde erklärte: «Das Angebot für uns Jugendliche kann nie gross genug sein. Deshalb ist es toll, dass ab dem kommenden Winter ein Moonliner-Bus von Bern nach Meiringen fährt.»

Trinken mit Tricks

Erich Maurer, Geschäftsführer der Disco Mountain Music, erklärte, trotz Ausweiskontrollen sei es für Jugendliche unter 18 Jahren immer wieder ein Leichtes, zu härteren Getränken zu kommen. «Entweder ein so genannter Kollege kauft sie ihm oder sie zeigen einfach einen Ausweis der Schwester oder so», ärgerte sich Erich Maurer. «Ich habe das Problem der 16- und 17-Jährigen verstanden und deshalb mein Lokal auch für sie zugängig gemacht. Es frustriert schon sehr, wenn unser Vertrauen so missbraucht wird.» Diesen «Bschiss» komme ihn als Gastwirt in Form von Bussen dann teuer zu stehen.

Der Betreiber des «Mountain Music» erklärte weiter, wer in einem Lokal Alkohol kaufe, erhalte für sein Geld weniger als im Laden. Zudem seien die Jugendlichen in Gastbetrieben besser unter Kontrolle als wenn sie irgendwo daheim oder an einem stillen Örtchen im Freien Alkohol trinken würden. Die Frage, ob denn die soziale Kontrolle nicht funktioniere, die Gäste die Jugendlichen oder Ältere die Jüngeren nach Hause schicken oder bringen würden, wenn die bereits angetrunken sind, beantwortet Erich Maurer mit «Nein, leider nicht». Das bekräftigte auch Yvo Budde.

Kind zu Haus begrüssen

Alle waren sich einig, dass eine Kontrolle der Eltern beim Heimkommen der Jugendlichen nötig ist. «Das setzt voraus, dass sie dann überhaupt wach sind», sagte Burkart. Auch für Hans-Ulrich Seizer ist es wichtig, dass Eltern wissen, in welchem Zustand ihre Kinder nach Hause kommen – und wonach sie riechen.

Erich Sterchi und Heinz Burkhalter rieten zudem zu einem gelegentlichen nächtlichen Spaziergang durch das Dorf. «Da kommt es immer wieder zu interessanten Begegnungen», so der Polizist. Sterchi mahnte: «Vertrauen und Kontollen sind gut. Am wichtigsten ist das Gespräch.» Eine Zuhörerin wies darauf hin, dass ausgerechnet die Eltern, die im Saal versammelt seien, die Probleme bereits erkannt hätten. «Aber was passiert mit den anderen», fragte sie. «Sie sind wirklich schwer erreichbar», räumte Erich Sterchi ein.

Die Abschlussrunde brachte es an den Tag: Alle Podiumsteilnehmer antworteten auf die Frage des Moderatoren Stefan Regez, ob es ähnlich dem Führerschein eine staatliche Bewilligung brauchen sollte um Eltern zu sein, mit: «Ja.»

bz/Susanna Michel

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