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Weststrasse-Investoren verhängen Inserate-Boykott

Am Donnerstag berichtete das «Thuner Tagblatt», dass die Autohändler an der Gwattstrasse nicht vorhaben, nach Thun-Süd an die geplante «Automeile» zu ziehen. Dieser Artikel passte den Investoren nicht: Sie verhängten kurzerhand einen Inserateboykott über das TT.

Freie Fläche gegenüber der Arena Thun: Am 9.Februar stimmen die Thunerinnen und Thuner über die Zonenplanänderung Weststrasse Süd ab.
Freie Fläche gegenüber der Arena Thun: Am 9.Februar stimmen die Thunerinnen und Thuner über die Zonenplanänderung Weststrasse Süd ab.
Christoph Gerber / luftbild-drohne-thun.ch
Um dieses Areal geht es: Südlich der Weststrasse und der Arena Thun (rechts) soll eine neue Grossüberbauung entstehen.
Um dieses Areal geht es: Südlich der Weststrasse und der Arena Thun (rechts) soll eine neue Grossüberbauung entstehen.
Patric Spahni
Der Gegner: Charles Zybach, Präsident des Referendumskomitees, findet, die Rechnung gehe für die Stadt nicht auf.
Der Gegner: Charles Zybach, Präsident des Referendumskomitees, findet, die Rechnung gehe für die Stadt nicht auf.
Patric Spahni
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Mit der geplanten Umzonung an der Weststrasse möchte die Stadt unter anderem erreichen, dass die Autohändler vom Gwatt weg nach Thun-Süd ziehen. Eine Umfrage dieser Zeitung zeigte aber, dass die Unternehmer kein Interesse an einem Umzug zeigen. Sie wollen an ihrem bisherigen Standort bleiben. Die Platzverhältnisse am neuen Standort seien noch ungeklärt. «Die Rahmenbedingungen stimmen für uns nicht», liess sich etwa Dino Graf von der Amag-Unternehmenskommunikation in Zürich zitieren.

«Tendenziöser Bericht»

Den potenziellen Investoren für die «Automeile» passte der Artikel allerdings nicht ins Konzept. Tags darauf meldete sich Marco Oswald von der Thuner Kommunikationsagentur Textcube bei der Redaktion des «Thuner Tagblatts». Oswald hatte mit seiner Textcube im Vorfeld der Abstimmung zur Zonenplanänderung Weststrasse Süd unter anderem die umfangreiche Werbebroschüre der Investoren entworfen. Marco Oswald brachte gegenüber der Redaktion in einem E-Mail sein Befremden über die «sehr tendenziöse Berichterstattung» zum Ausdruck.

Investor Ferdinand Locher von der Arco Real Estate präzisierte gestern die Vorwürfe: «Die Planer und Investoren hätten erwartet, bei einem solchen Artikel für eine Stellungnahme kontaktiert zu werden, um hierzu ein Statement abgeben zu können. Die Investoren verhandeln mit potenziellen späteren Nutzern. Diese Gespräche werden auf höchster Ebene geführt – an den Sitzen der Schweizer Generalimporteure, nicht an der Gwattstrasse.»

Unabhängigkeit gefährdet

Marco Oswalds Mail an die Redaktion schloss mit folgendem Satz: «Es wurde deshalb heute entschieden, alle sechs noch geplanten halbseitigen Pro-Weststrasse-Inserate im TT zu annullieren. Es geht da um rund sechsmal 6400 Franken. In der Bitte um Kenntnisnahme.»

Die Investoren verhängten also einen Inserateboykott gegen das TT, nur weil ihnen ein Artikel missfallen hat. Notabene: Das «Thuner Tagblatt» hatte nur Tage zuvor in einem Abstimmungskommentar ein Ja zur Zonenplanänderung empfohlen. Ein solcher Boykott, wie ihn die Investoren gegenüber dem «Thuner Tagblatt» verhängten, ist ein krasser Eingriff in die journalistische Unabhängigkeit, weil er letztlich zum Ziel hat, die Medienschaffenden gefügig zu machen.

«So wie das ‹Thuner Tagblatt› frei entscheidet, wen die Zeitung für Stellungnahmen oder Streitgespräche einlädt, können die Investoren frei entscheiden, wo sie inserieren», sagt Locher dazu. «Die Investoren und Planer des geplanten Vorhabens Weststrasse Süd wurden von dieser Zeitung bis heute nie kontaktiert, weder für ein Interview noch für ein Hintergrundgespräch. Das ist mehr als unglücklich.»

Festzuhalten ist, dass Investor Ferdinand Locher im «Thuner Tagblatt» zitiert wurde, letztmals am 23.Januar 2014.

Boykotte öffentlich machen

Der Schweizer Presserat, die medienethische Beschwerdeinstanz, vertritt bezüglich Inserateboykotten eine klare Haltung. «Journalistinnen und Journalisten verteidigen die Informationsfreiheit bei tatsächlicher oder drohender Beeinträchtigung durch private Interessen, namentlich bei Inserateboykotten oder Boykottdrohungen», heisst es in der Presseratsrichtlinie unter Punkt 10.5.

«Drohungen oder Boykotte sind grundsätzlich öffentlich zu machen.» Was im vorliegenden Fall mit diesem Artikel geschehen ist.

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