Wenn die Sprache einfach wegbleibt

Thun

Am Mittwoch ist nationaler Tag der Logopädie. In diesem Jahr ist er dem Thema Aphasie (Sprachverlust) gewidmet, weil Aphasie Suisse das 30-Jahr-Jubiläum feiert. Die Logopädie gehört wie die Physio- und die Ergotherapie zu den medizinisch-therapeutischen Fachdisziplinen.

Roland Finsterwalder in seiner Praxis mit einer seiner Patientinnen. «Wir sollten uns bewusst sein, dass Sprachverlust jeden von uns treffen kann, und deshalb alles daran setzen, Betroffene wieder in die Gesellschaft zu integrieren.»

Roland Finsterwalder in seiner Praxis mit einer seiner Patientinnen. «Wir sollten uns bewusst sein, dass Sprachverlust jeden von uns treffen kann, und deshalb alles daran setzen, Betroffene wieder in die Gesellschaft zu integrieren.»

(Bild: zvg)

Logopädinnen und Logopäden arbeiten unter anderem in Spitälern, Rehas, Altersheimen und heilpädagogischen Schulen. Sie unterstützen aber auch Sänger, Schauspieler und Kinder. Einer dieser Logopäden ist Roland Finsterwalder, der im Spital Thun auf verschiedenen Stationen die Patienten betreut. Seine Praxis im Haus F ist ins Spital integriert.

«Wenn man das Wort Logopädie hört, denkt man vorerst an Schüler und kleine Kinder, die stottern oder nicht richtig sprechen können», erklärt der Logopäde, «aber Sprachverlust oder Sprachstörungen wegen eines Hirnschlags, Unfalls oder Tumors können Menschen aller Altersgruppe treffen.» Der Austausch mit weiteren Fachleuten für die Arbeit mit diesen Patienten sei deshalb immens wichtig.

Sprechen und Verstehen

Für Betroffene und Angehörige sei es ein schwerer Schock, wenn zum Beispiel nach einem Schlaganfall sprachliche Ausfälle auftreten . «Da ist es für alle Beteiligten eine Wohltat, zu wissen, dass es in diesem Fall entsprechende Fachleute gibt, die sich um die Therapie kümmern», sagt Finsterwalder.

Bereits am Spitalbett verschafft sich der Logopäde einen ersten Eindruck von der Kommunikationsfähigkeit des Patienten. «Bei einer Sprachstörung ist häufig auch das Verstehen beeinträchtigt, was dazu führen kann, dass sich der Betroffene ausgegrenzt fühlt», weiss er.

Weil beim Schluckakt zum Teil dieselben Muskeln wie beim Sprechen mitwirken, wird der Logopäde auch als Experte bei Schluckstörungen beigezogen. Er stellt fest, ob der Betroffene ohne Verschlucken essen und trinken kann. Dementsprechend bespricht er mit den Pflegefachleuten und dem Stationsarzt meist auch den Speiseplan der betreffenden Patientinnen und Patienten.

Der soziale Tod

Oft kommen ältere Menschen nach einem Schlaganfall in die Therapie zu Roland Finsterwal-der. «Sich mitteilen zu können, ist ein Grundbedürfnis des Menschen», erklärt er. «Von der Kommunikation ausgeschlossen zu sein, ist genauso furchtbar, wie wenn man einem Jugendlichen sein Handy wegnimmt», stellt der Spitallogopäde, der selbst Vater zweier Teenager ist, fest. Der Verlust der Sprache könne in extremen Fällen sogar den sozialen Tod bedeuten. Wenn das mündliche Mitteilungsvermögen nur geringfügig verbessert werden könne, sei das für die Betroffenen schon ein deutlicher Gewinn an Lebensqualität.

Arbeit mit Kindern

Gerne arbeitet Finsterwalder aber auch mit Kindern. «Es fasziniert und berührt mich immer wieder, wenn nicht sprechende Kinder langsam die Sprache entdecken. Sie sind eine Abwechslung im Klinikalltag», erklärt er. Ein Spezialgebiet von Finsterwalder ist auch die Therapie von Stimmproblemen. Als Kirchenmusiker hat er das Ohr, um Feinheiten aus der Stimme herauszuhören und diese Erkenntnisse in die Therapie einzubinden. «Keine Technik, kein Computer kann die Therapie ersetzen.» Und er fügt an: «Die Integration dieser Menschen muss das Ziel der Gesellschaft bleiben. Wir sollten uns bewusst sein, dass es jeden von uns treffen kann.»

Thuner Tagblatt

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