Wegen dem Luchs haben 36 Rehe einen Sender

Das Rehfang-Projekt der Universität Zürich geht in die zweite Runde: Seit ein paar Tagen werden im Oberland wieder Tiere gefangen und mit einem Sender versehen.

Ab in die Freiheit: Nachdem man das gefangene Tier vermessen, gewogen, mit Ohrmarke und Halsband versehen hat wird es von drei Leuten wieder freigelassen. Auf dem Bild: (v.l.) Nelson Marreras, Fabien Mavrot und Glauco Camenisch.

Ab in die Freiheit: Nachdem man das gefangene Tier vermessen, gewogen, mit Ohrmarke und Halsband versehen hat wird es von drei Leuten wieder freigelassen. Auf dem Bild: (v.l.) Nelson Marreras, Fabien Mavrot und Glauco Camenisch.

(Bild: zvg)

«Wir verstehen vieles im Leben der Rehe nicht», sagt Benedikt Gehr. Er ist Doktorand am Zürcher Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften. Ziel seiner Arbeit, die er 2015 abschliessen möchte, ist es, zu erforschen, welchen Einfluss der Luchs auf die Population der Rehe hat und welchen anderen Gefahren Rehe ausgesetzt sind. Aus diesem Grund fängt er im Oberland, in Zusammenarbeit mit einem Forschungsteam und lokalen Wildhütern, Rehe ein und stattet diese mit einem Sender aus. Danach werden die Tiere überwacht.

Gehr möchte wissen, wie Rehe auf Gefahren wie den Luchs oder auch Autos reagieren. «Die Wild-Wald-Dynamik hat sich seit der Wiederansiedlung des Luchses in der Schweiz 1971 verändert», sagt Benedikt Gehr. In Abwesenheit von Raubtieren galt die Jagd der Tiere sowie der Erhalt der Populationen auf einem für die Forstwirtschaft erträglichem Ziel. Die Wiederansiedlung des Luchses stellte dieses System in Frage. Die Frage sei also, wie sich der Lebensraum der Rehe verändert habt und wie sich das Verhalten der Rehe in Gebieten mit hoher von solchen mit niedriger Luchsdichte unterscheidet.

Ein totes Tier in der 1.Saison

Die ersten Rehfangaktionen im Simmental begannen vor rund einem Jahr. In rund 30 Netzfangaktionen im ganzen Studiengebiet haben die Zürcher Forschenden 23 Tiere eingefangen. Insgesamt wurden 51 Tiere besendert. «Zusätzlich haben wir nun an verschiedenen Standorten noch Kastenfallen aufgestellt, um Tiere zu fangen», sagt Forscher Gehr. Damit möchte man den Fangerfolg der ersten Saison steigern. «Für Untersuchungsergebnisse ist es noch zu früh. Wir brauchen noch mehr Daten», sagt Benedikt Gehr.

Im letzen Frühling ist es dem Team gelungen, nebst 24 anderen Kitzen, 4 Kitze von Geissen zu markieren, die im Winter davor gefangen worden waren. «Das ist spannend, weil wir sowohl vom Mutter- wie auch vom Jungtier wissen, was sie machen.» Die Ergebnisse der besenderten Kitze belegen gemäss Gehr, was aus anderen Studien bereits bekannt ist: Die Sterblichkeit von Kitzen ist hoch. Die meisten fallen Raubtieren zum Opfer. Das ist in den meisten Fällen der Fuchs, aber manchmal auch wild streunende Hunde, Dachse und Luchse.

In der ersten Fangsaison konnte das Team um Gehr 23 Tiere mit Netzen fangen. «In einem Fall wurde das Tier beim Fang leider so schwer verletzt, dass der Wildhüter es erschiessen musste», sagt Gehr. Man werde weiterhin alle möglichen Massnahmen treffen, um solche Ereignisse zu verhindern, jedoch gehörten Unfälle leider zum Fangen von Wildtieren dazu. Seit letzter Woche ist das Team wieder unterwegs: «Der Saisonauftakt ist uns geglückt. Wir konnten in den ersten beiden Wochen bereits 6 Tiere im Kandertal und Kiental fangen.»

Warum Fangen im Winter?

Bereits im letzten Jahr wurden Benedikt Gehr und sein Team dafür kritisiert, dass die Fangaktionen im Winter durchgeführt werden, wenn die Rehe durch Kälte und Hunger ohnehin schon gestresst sind. Viele Leute verweisen dabei auf die Kampagne des Bundesamtes für Umwelt, die Wintersportler dazu anhält, den Lebensraum der Tiere zu respektieren. «Das Fangen von Rehen ist sicher mit viel Stress für die Tiere verbunden», sagt der Doktorand. Trotzdem könne man die Fangaktionen nicht mit Störungen der Tiere durch Freizeitaktivitäten vergleichen.

Das Team sei in der Fangperiode zwischen November und März nicht ständig im gleichen Gebiet aktiv; pro Gebiet würden eine bis drei Fangaktionen durchgeführt. «Dies kann nicht mit täglich wiederkehrenden Störungen durch Schneeschuhwanderer oder Tourenskifahrer verglichen werden», stellt Gehr klar. Gewisse Fragen könne man nur beantworten, wenn man Tiere einfange und markiere, damit man ihren Bewegungen folgen und ihr Verhalten studieren könne.

«Ich bin der Meinung, dass die Erkenntnisse, die wir aus der Studie gewinnen, den kurzzeitig verursachten Stress für die Tiere vertretbar machen», sagt Gehr. Dass dieser Stress ausgerechnet im Winter verursacht werde, sei sicherlich ungünstig, aber nicht anders machbar, da von Mitte März bis Mitte August ein Fangen wegen der Trächtigkeit der Geissen und anschliessender Kitzsaison nicht möglich sei. Ab September könne wegen der Jagdsaison nicht mehr an ein Fangen gedacht werden. Damit bleibe nur noch die Zeit von November bis März übrig.

Berner Zeitung

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