Was der Samichlous in seinem Buch notiert

Region Thun

Er wohnt nahe am Wald, hat eine gemütlich warme Stube, und sein Lachen kommt von Herzen: Heute hat der Samichlous mit seinen Helfern alle Hände voll zu tun.

Langer und manchmal beschwerlicher Gang: Der Samichlous marschiert mit schwer beladenem Jutesack durch den Wald zu den Familien und Kindern, die auf seine Bescherung warten.

Langer und manchmal beschwerlicher Gang: Der Samichlous marschiert mit schwer beladenem Jutesack durch den Wald zu den Familien und Kindern, die auf seine Bescherung warten.

(Bild: Markus Hubacher)

Eigentlich deutet nichts darauf hin, dass hier der Samichlous wohnt. Wenn da nicht der festliche Schmuck am Eingang wäre mit grünen Tannenzweigen, roten Kugeln und einem strahlenden Stern. Lachend steht er in der Tür und bittet seine Gäste, die eben erst zugefahren sind, in seine warme Stube: «Schön, dass ihr mich gefunden habt! Kommt nur rein, der Kaffee steht schon bereit.» Tatsächlich, drinnen erwartet die bessere Hälfte vom Samichlous die Besucher mit dem dampfenden Getränk und Naschereien.

Naschereien gibts heute säckeweise – für kleine und grosse Kinder, wie der Samichlous verrät. «Die Rute habe ich zwar dabei, aber ich verteile lieber Nüsse, Mandarinli und Süssigkeiten», verrät er. Auf eines besteht er allerdings: «Ein Värsli, ein Lied oder ein Musikstück höre ich mir immer an.» Obwohl, je älter die Kinder werden, umso weniger sind sie bereit, ihren Vers aufzusagen. Und dennoch bleibt die Faszination Samichlous in rotem Mantel, mit wallendem Bart und einem schweren Jutesack voller Überraschungen seit Generationen ungebrochen bestehen.

«Nun ja, die Nachfrage hat schon nachgelassen», stellt der Samichlous nachdenklich fest. Der Samichlous sei immer weniger gefragt. Und die Kinder seien in den letzten Jahren wesentlich vorwitziger geworden. «Aber ich finde es schön, dass den Kindern nicht mehr so viel Angst vor mir eingeimpft wird, wie das früher der Fall war», erklärt er und rührt in seiner Kaffeetasse. Denn bis vor wenigen Jahren hiess es für unfolgsame Kinder: «Warte nur, wenn das der Samichlous erfährt, packt er dich in seinen Sack und nimmt dich mit in den Wald.»

Der 6.Dezember ist der Tag des Sankt Nikolaus. «Ja, an diesem Tag habe ich alle Hände voll zu tun», sagt der Samichlous, und die Besucher sehen ihm an, dass er sich auf diesen Tag besonders freut – auch wenn er seit Jahrzehnten bei Wind und Wetter unterwegs ist. «Einmal habe ich die Schüler der drei Röthenbacher Schulhäuser besucht», erinnert er sich. Sie seien ihm, seinem Gesellen Schmutzli und dem Eseli durch den Wald entgegengekommen. «Obwohl es Bindfäden geregnet hat und grässlich kalt war, hatten die Schülerinnen und Schüler eine Riesengaudi.»

Eine Riesengaudi hatte auch der Damenturnverein Schwarzenegg, dem der Samichlous schon öfters einen Besuch abgestattet hat. Er scheut sich auch nicht, wacker mitzuturnen. «Aber das ist in meinem Alter etwas beschwerlicher als bei den jungen, hübschen Damen», sagt er und lacht verschmitzt. Die Damenriege jedenfalls hat ihren Samichlous liebgewonnen, wie das Fangeschenk beweist: ein paar knallrote Unterhosen mit zig Samichlousmützen drauf – signiert von allen Turnerinnen.

Dass der Samichlous auf seinen langen Wanderungen durch Wälder, über Felder, in Dörfer und Städte hinein nicht friert, dafür sorgt Hans Aebersolds Gattin Ruth: «Ein paar rote Langlaufsocken wärmen die Füsse. Und für die Hände gibts Pulswärmer unter die weissen Handschuhe.» Schnell noch den Bart zurechtgezupft, den Gürtel fester angezogen – dann ist der Samichlous bereit für seine Hausbesuche.

«Vergiss das Buch nicht», ruft seine Frau hinterher. «Ui ja, das ist wichtig. Da habe ich mir übers Jahr notiert, wer artig und wer unartig war», sagt der Samichlous. Aber Schimpftiraden seien nicht sein Ding; mit einem Stirnrunzeln bemerkt er: «Manchmal ist es ohnehin zwecklos. Wenn die Mutter über ihre Kinder klagt, und der Vater vor mir feststellt: ‹Nenei, di Giele si geng lieb, d Muetter übertrybt gärn› – was willst du da als Autoritätsperson noch ausrichten?»

Vergällen lässt sich der Samichlous seine Besuche trotzdem nicht. Denn in den meisten Fällen überwiege die Freude: «Wenn die Kleinen vor mir stehen, mich mit grossen Augen anschauen und zuerst noch schüchtern, dann immer mutiger ihr Värsli aufsagen – das ist jeweils mein Geschenk.» Heute nun schultert er seinen Jutesack – nicht, um unartige Kinder einzupacken, sondern um Gross und Klein eine Freude zu bereiten.

Thuner Tagblatt

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