Und plötzlich kam das Gletscherwasser

Oberland

In der Nacht auf Donnerstag begann sich der Favergesee auf dem Plaine-Morte-Gletscher zu entleeren. Das Schmelzwasser floss in eindrücklichen Mengen durch den Trübbach ins Simmental hinunter. Mensch und Tier waren nicht gefährdet.

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Bruno Petroni

Es war am Donnerstag um fünf Uhr in der Früh, als beim Lenker Bauverwalter und GFO-Stabschef Jakob Trachsel der Alarm einging: Die erwartete Entleerung des Faverge-Gletschersees auf dem Plateaugletscher Plaine-Morte war in vollem Gang: «Seit Anfang Monat hatte der See wie schon letztes Jahr das Rekordvolumen von zwei Millionen Kubikmetern erreicht. Sobald das Wasser dann einen Weg unter dem Gletscher hindurch gefunden hat, geht es jeweils schnell», weiss Jakob Trachsel.

See nur noch halb so gross

Durch Schmelzwasser, das etwas wärmer ist als Eis, schmelzen die Eiskanäle, was den Durchmesser für immer grössere Wassermassen stetig vergrössert. So flossen gestern Vormittag 20 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch den Trübbach in die Lenk hinunter, was dem Volumen von rund 100 Badewannen von durchschnittlicher Grösse entspricht. Zwölf Stunden zuvor war es nur ein Drittel davon. Binnen weniger Stunden hatte sich denn die Grösse des Favergesees auf die Hälfte reduziert.

Die grossen Wassermengen, die gestern Morgen über die Trübbach- und Simmenfälle in die Simme geflossen sind, konnten die Sicherheitsverantwortlichen der Gemeinde Lenk nicht beunruhigen. «Sicher müssen wir die Situation im Auge behalten», sagte Stabschef Jakob Trachsel.

Als gebürtiger Lenker weiss er aber, dass die während Jahrzehnten erbauten Naturschutzdämme im Weiler Oberried die bewohnten Siedlungen vor noch wesentlich grösseren Wassermassen wirksam schützen würden: «Ab einem Wasservolumen von 40 Kubikmetern pro Sekunde überflutet das Wasser zunächst mal die Oberrieder Weiden auf der linken Seite des Bachs. Nach unseren Schätzungen würde es erst ab 80 Kubikmetern pro Sekunde wirklich gefährlich. Doch von solchen Messwerten sind wir selbst bei gröberen Gletscherseeausbrüchen weit entfernt.»

Auch Fredy und René Bowee von der Schwellenkorporation, die sich gestern nach Eingang des Alarms in der Morgendämmerung zum Rezliberg begaben, um sich ein Bild von der Situation zu machen, konnten Entwarnung geben.

«Dank allen Beteiligten»

Einen unfreiwilligen Eignungstest erlebte das Sicherheitsdispositiv der Gemeinde Lenk erst vor einer Woche, als am Nationalfeiertag ein heftiges Gewitter die Simme kurzzeitig auf 46 Kubikmeter pro Sekunde anschwellen liess und der Geschiebesammler unterhalb der Simmenfälle mit 20'000 Kubikmeter Geschiebe aufgefüllt wurde. «Doch schon wenige Stunden danach waren vier Bagger und über ein Dutzend Muldenkipper dabei, das Bachbett in diesem Bereich freizuschaufeln», so Fredy Bowee, der an dieser Stelle auch gleich noch ein Kompliment loswerden will: «Einen Dank an alle Unternehmer, Bergbauern und den Statthalter, die uns in solchen Situationen immer gleich sofort und unkompliziert zur Seite stehen.»

Die Wanderwege den Simmenfällen entlang zum Barbarasteg und von der Iffigenalp via Langermatte sind im Moment gesperrt. Und auch der hochalpine Bergweg vom Tierbergsattel zum Rezligletschersee ist aus Sicherheitsgründen zu. Die Gemeindeverantwortlichen rechnen aber damit, dass sie alle Wege morgen Samstag wieder freigeben können.

Berner Zeitung

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