TV-Koch Schudel: «Da haben private Dinge keinen Platz»

Unterseen

Sein «Funky Kitchen Club» machte René Schudel zur Berühmtheit. Im Interview äussert sich der Unterseener über Promis, das Schweizer Fernsehen, asiatisches und schnelles Essen, die Galionsfigur Jamie Oliver und seinen kritisierten Partner Lidl.

René Schudel in der Küche seines Restaurants Benacus in Unterseen, wo «weltoffen und trotzdem regional» gekocht wird.

René Schudel in der Küche seines Restaurants Benacus in Unterseen, wo «weltoffen und trotzdem regional» gekocht wird.

(Bild: Bruno Petroni)

Was ist die Essenz des Kochens? René Schudel: Ein Gericht so zuzubereiten, dass es nachvollziehbar, verständlich ist und nicht krampfhaft wirkt.

Mit diesem Begriff ist auch die neueste, fünfte Staffel Ihrer Sendung untertitelt. «Funky Kitchen Club» hat sich gut entwickelt, von einer Art Schülerfernsehen zur unterhaltsamen, inhaltsreichen Sendung. Was gefällt Ihnen noch nicht? Inhaltlich hat es sich nicht sehr verändert, formal aber schon, und zwar wie richtig bemerkt vom Schülerfernsehen, weil uns noch die Erfahrung fehlte, zu einem auch international beachteten Format. Jetzt gilt es aufzupassen, dass die Sendung nicht allzu geschliffen daherkommt und ihren eigentlichen Charakter nicht verliert.

...und was gefällt Ihnen nicht?Man kann immer irgendwas noch verbessern, auch an mir selber. Die Sendung ist ein komplexes Gebilde, ein ständiger Prozess.

Auch geografisch ist man vorwärtsgegangen, vom Berner Oberland bis ins Ausland – steigt und steigt das Budget? Nein, eigentlich eher umgekehrt. Das Format ist gewachsen, der Aufwand wurde grösser, aber die Budgetstruktur blieb unverändert. Leider – oder zum Glück, denn mehr Budget ist nicht immer von Vorteil.

Kameramann und Art Director Luke Huggler hat die Sendung entscheidend mitgeprägt. Wie oft kommt es nach einer derart jahrelangen Zusammenarbeit zu Auseinandersetzungen? Täglich. Aber nicht wegen persönlicher Differenzen, sondern weil wir das Produkt laufend verbessern wollen. Es geht also immer um die Sache. Luke setzt hundertprozentig auf die Marke, ich auch. Ich durfte bisher nur selten mit jemandem zusammenarbeiten, der so professionell ist wie Luke.

Obwohl Sie auch in Wien oder anderswo gedreht haben, scheinen Ihnen die Beiträge aus dem Berner Oberland noch immer am meisten Spass zu machen, so wie zum Beispiel kürzlich von der Baustelle auf Winteregg... Ja, klar, der Produktionsaufwand ist kleiner, die Distanzen sind kleiner, man kennt die Leute schon, weiss ungefähr, was einen erwartet. Es ist ein Heimspiel in einer wunderbaren Kulisse, die ich dabei immer wieder neu entdecke.

Hingegen war die Sendung über die Herstellung von Würsten in einem Hinterhof im Burgenland eher unappetitlich... Der Beitrag zeigte, wie die Realität war. Alle Bilder, die Luke veröffentlicht, sind möglichst nahe an der Realität. Hingegen haben wir nie gezeigt, wie Tiere getötet werden. Aber wir zeigten den weiteren Prozess, der gleich danach abläuft. Übrigens entstehen alle erfolgreichen Gerichte nicht aus wirtschaftlichen Gedanken, sondern aus der Überlegung, wie wir uns ernähren mit dem, was wir haben.

In Ihrer Sendung kommen eher wenig Promis vor. Warum verzichten Sie darauf, obwohl mehr VIPs die Einschaltquoten noch erhöhen würden? Weil es nie unser Anspruch war, jemanden in die Sendung zu nehmen, nur weil er berühmt ist. Viel wichtiger ist das Portfolio der Person: Was hat sie geleistet, was verändert, welchen Bezug hat sie zum Rohstoff? Da spielt es keine Rolle, ob es sich dabei um Claude Nobs oder einen unbekannten Bauern handelt. Unser Ziel ist eine ehrliche, authentische Sendung, und die meisten Promis verstellen sich vor der Kamera.

Wie sehr stört es Sie, dass für die SF-Kochserie mit Ivo Adam fast genau dasselbe Konzept übernommen wurde, angefangen vom Kochen vor Ort bis zu Kameraführung und Schnitt? Ich äussere mich grundsätzlich nicht über andere Sendungen. Jeder muss selber wissen, was er machen will. Was mich jedoch stört und befremdet, ist, dass eine Institution, die mit öffentlichen Geldern arbeitet, eigentlich den Auftrag haben sollte, neue Talente und neue Ideen zu fördern. Schade, dass SF das irgendwie nicht zustande bringt.

Ist es für Ivo Adam ohnehin das falsche Konzept, da er nicht annähernd so extrovertiert ist wie Sie? Ich kenne Ivo persönlich und will dazu keine Stellung nehmen.

Hand aufs Herz: Auch Sie und Ihr Team haben diese Art von Kochsendung nicht erfunden, sondern Jamie Oliver, von dem sehr viel abgekupfert wurde, das Kochen ausserhalb des Studios, der Besuch von lokalen Produzenten, die extremen Nahaufnahmen, der schnelle Schnitt, die coole Moderation... Ja, ganz eindeutig. Für uns ist Jamie Oliver noch immer der beste Fernsehkoch und Entertainer, der am meisten Dynamik hat. Für unser Konzept war Jamie Oliver immer die Referenz. Und trotzdem haben wir es wohl geschafft, eine Eigenständigkeit zu entwickeln. Dass ich als der Jamie Oliver der Schweiz bezeichnet wurde, ist für mich ein grosses Lob.

Was kann TV-Koch Oliver besser als TV-Koch Schudel? Er hat einen grossen Zeitvorsprung in einem Land mit einer dankbar einfältigen Küche. Er hats gecheckt, hat die frische Küche ins Leben gerufen und wurde ein Imperium.

Und was kann TV-Koch Schudel besser als TV-Koch Oliver? Nichts. Es ist doch gut, dass es eine Galionsfigur wie ihn gibt. Seine Kadenz und Konsequenz sind beeindruckend. Er ist der Prince der Szene.

Es gibt Dutzende von deutschsprachigen TV-Köchen. Welcher gefällt Ihnen am besten? Horst Lichter, mit dem ich schon zusammenarbeiten durfte, ist einer der Coolsten, ebenso Tim Mälzer, den ich in Hamburg kennen lernte. Als ich unangemeldet in sein Restaurant kam, stand er tatsächlich selber in der Küche. Er machts gut und richtig.

Spüren Sie Konkurrenzdruck?Nein.

Spüren Sie Neid? Ja, zum Glück. Wenn du vorwärtsgehst, was bewegst, löst das immer Missgunst aus. Das ist der beste Gradmesser für Erfolg.

Eine Zeitung hat geschrieben, Sie seien «ein Koch jenseits des Bünzli». Zudem wirken Sie immer sehr selbstbewusst, nicht nur vor der Kamera. Ihr Rezept? Ich weiss, was ich kann, und, noch viel, viel wichtiger, was ich nicht kann.

Es gibt aber neben viel Lob auch einige Kritik. So werden Sie in Blogs auch schon mal als «zu aufdringlich» und «eitel» beschrieben. Was entgegnen Sie? Du kannst es nicht allen recht machen, übrigens auch den Medien nicht. Aber ich hoffe doch, dass das nicht oft vorkommt.

Von den TV-Studios zu den Restaurants: Jedes dritte, so behaupten Experten, sei überflüssig – welche? Es funktionieren jene Restaurants, die konzeptionell nicht schlafen, wachsam im Markt sind und in der Mitarbeiterstruktur gute Frontköpfe, also Bezugspersonen haben. Ob jedes dritte Restaurant zumachen muss, weiss ich nicht. Mit statistischen Zahlen habe ich immer Mühe. Schliesslich entscheidet der Markt, in Rappen und Franken.

Wie sehr stört es Sie, dass in vielen Oberländer Tourismusorten je länger, je mehr asiatische Restaurants eröffnen? Da scheint ein Marktpotenzial vorhanden. Solange man dies auf der Bewilligungsebene zulässt und nicht kollektiv einschreitet, wird sich das fortsetzen

...und das stört Sie nicht? Wenns jemand gut macht, stört mich das nicht.

Gleichzeitig gibts auch immer mehr Fast Food......was ja kein Schimpfwort ist, sondern Ausdruck unserer Zeit, unserer Gesellschaft. Heute wird halt oft unterwegs gegessen oder im Büro, damit mehr Zeit bleibt für unseren Lifestyle.

Die Branche streitet sich darüber, ob Convenience-Food, also vorgefertigte Gerichte, auf der Menükarte deklariert werden muss oder nicht – dafür oder dagegen? Grundsätzlich bin ich fürs Deklarieren, für Transparenz. Das würde auch jene stärken, die täglich mit frischen Grundprodukten arbeiten. Handkehrum ist es konzeptabhängig, denn ein gutes Convenience-Produkt hat durchaus seinen Platz. Leider hat der Begriff Convenience einen schlechten Beigeschmack.

Ganz grundsätzlich: Wenn Köche aus der Nahrungszubereitung eine Kunst machen, steht das dann nicht in dekadentem Widerspruch zum grossen Hunger in der Dritten Welt? In unseren Breitengraden leben wir sowieso dekadent. Dass es uns gut geht, dürfen wir nie vergessen und sollen dafür dankbar sein. Die Werte müssen wir schätzen und pflegen. Beim Kochen müssen wir immer respektvoll mit den Nahrungsmitteln umgehen.

Apropos Dritte Welt: Ihr Partner Lidl, für den Sie werben, verkauft gemäss der ARD-Sendung «Markencheck» Kleider aus unmenschlicher Fabrikarbeit in Bangladesh. Stört Sie das? Mit Lidl arbeite ich nun schon seit drei Jahren partnerschaftlich zusammen und habe das Unternehmen als sehr positiv kennen gelernt. Zu Ihrer Frage kann ich keine Stellung nehmen, das müssten Sie Lidl fragen.

Zudem geniesst Lidl ohnehin nicht sehr viele Sympathien: Gemäss einer neuen Umfrage lehnt es jeder vierte Schweizer ab, beim damit unbeliebtesten Discounter Lidl einzukaufen. Haben Sie sich den falschen Partner ausgesucht? Nein, überhaupt nicht. Denn Lidl ist zum Beispiel die erste Kette, die nur europäische Spargeln verkauft. Zum Food-Konzept gehört, dass alles per Schiff, Bahn oder Lastwagen transportiert wird, aber niemals per Flugzeug. Klar, wir Schweizer sind gegenüber Neuem immer etwas kritisch, und bei Lidl handelt es sich ja um ein relativ neues Produkt auf dem Schweizer Markt. Aber in zwei, drei Jahren dürfte sich das Umfrageergebnis ändern.

Im Gegensatz dazu ist Ihr eigenes Image sehr hochwertig – obwohl Sie in Interviews über Ihr Privatleben wenig bis gar nichts verraten. Was haben Sie zu verheimlichen? An meiner Haustüre ziehe ich einfach einen Strich. Ich will nicht einer jener Personen sein, die, wenns bergab geht, nur noch mit Homestorys punkten können und sich vor dem Bärenfell im Traineranzug und mit Adiletten beim Zmorge fotografieren lassen. Meine öffentliche Figur will ich über meine Fähigkeit, mein Fachwissen und die Geschichten, die ich erzähle, konstant und stabil erhalten. Da haben private Dinge keinen Platz.

Immerhin wissen wir, dass Sie regelmässig nach Ibiza und New York reisen, beides das ziemliche Gegenteil vom Berner Oberland. Wo erholen Sie sich besser? Nach New York auf dem Flug und in Ibiza am Strand. Ibiza und New York sind Food-Spots, die mich kulinarisch weiterentwickeln. Beide sind sehr weltoffen. Das ist für mich Erholung. Ich esse dann gleich dreimal ein Mittagessen und dreimal, um 19 Uhr, um 22 Uhr und um 2 Uhr, ein Nachtessen, natürlich immer in verschiedenen Restaurants. Mein Rekord von New York liegt bei fünf Mittagessen.

«Ich muss immer in Bewegung sein», haben Sie in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt. Wie anstrengend ist Ihr Leben? Überhaupt nicht anstrengend. Das coole am Ganzen war und ist, dass ich bisher immer selber entscheiden durfte. Dazu brauche ich weder Kritik noch Schulterklopfen. Dass ich selber entscheiden kann, und zwar richtig oder falsch, ist von grösstem Wert.

Ihre Agenda ist voll, für die Koordination haben Sie sogar einen Manager angestellt. Zeit, neue Rezepte zu kreieren, dürfte wohl endgültig fehlen, heisst das, Sie machen nur noch eine Mixtur aus schon bekannten Rezepten? Falsch. Jeden Tag stellen wir im Restaurant Benacus neue Menüs zusammen. Gerade heute haben wir dabei ein Novum kreiert. Unser Erfolg basiert darauf, dass wir weltoffen sind und trotzdem regional kochen. Dazu trägt meine Mitarbeiterin Drita seit neun Jahren einen riesigen Teil bei. Stillstand gleich Rückschritt, das ist auch in der Gastronomie sehr gefährlich – aber auch krampfhafte Kreativität.

Sie gelten als grosser Freund und Könner des Grillierens, wohlgemerkt auf Holzkohle. Was empfehlen Sie uns auf den Rost? Ich finde es toll, grössere Fleischstücke zu grillieren. Einen Rindshohrücken, ein Schweinsfilet, ein Schweinshals. Grillieren ist etwas Gesellschaftliches, und wenn sich alle vom selben Stück bedienen können, verbindet das. Das ist dann die Essenz des Gesellschaftlichen.

Berner Oberländer

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