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Tanja Frieden: «Das Leben ist kein Wunschkonzert»

Tanja Frieden, Olympiasiegerin im Snowboardcross, hat in der Zürcher Hirslanden-Klinik den Rücktritt vom Spitzensport erklärt. Die Thunerin sagte, der Schlusspunkt der Karriere fühle sich «nicht wie der Tiefpunkt» an.

Tanja Frieden ist eine Person, die bewegt. Dies zeigte sich auch bei ihrem letzten grossen öffentlichen Auftritt als Spitzensportlerin. Die neue Empfangshalle der Urologieabteilung in der Zürcher Hirslanden-Klinik platzte aus allen Nähten. Als Frieden im Rollstuhl hereingeführt wurde, waren diverse Fernsehkameras längst in Position gebracht worden. Der Schweizer Olympiaarzt Walter O. Frey zählte die Verletzungen auf, welche sich die Thunerin beim fatalen Sturz in Stoneham (Ka) zugezogen hatte: zwei gerissene Achillessehnen, gebrochener Talus (das Sprungbein, ein Knochen im Sprunggelenk) im linken Fuss, angerissener Talus im rechten Fuss, in Mitleidenschaft gezogene Schulterpfanne links auf Grund der Luxation. «Eine derartige Häufung von Verletzungen ist eine absolute Rarität, normalerweise gibt nur die schwächste Stelle nach», sagte Frey. Frieden meinte mit gequältem Lächeln: «Ich mache selten halbe Sachen.» Die Boardercross-Olympiasiegerin von 2006, auf die eine lange Phase der Rehabilitation, beginnend mit vier Wochen im Rollstuhl, wartet, gab tapfer ihr Statement ab, das im Satz gipfelte: «Zwei Mal habe ich mich zurückgekämpft, aber jetzt muss ich sagen: That’s it!»

Gekommen waren nicht nur viele Journalisten, sondern auch Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann und Swiss-Olympic-Missionschef Erich Hanselmann. Lehmann strich neben der sportlichen Klasse das Charisma und die Leaderqualitäten Friedens heraus: «Wir verlieren eine grosse Persönlichkeit, die es geschafft hat, die Leute in ihren Bann zu ziehen.» Hanselmann übergab der verletzten Athletin «als symbolische Anerkennung» denn offiziellen Pullover der helvetischen Vancouver-Delegation, «denn du gehörst zu diesem Team». Für einen kurzen Moment musste Tanja Frieden gegen die Tränen kämpfen. Später gewährte die 33-Jährige dieser Zeitung im Spitalzimmer ein persönliches Interview.

Sie haben die Pressekonferenz souverän und ohne emotionalen Zusammenbruch über die Bühne gebracht. War es eine schlimme Erfahrung? Tanja Frieden: Nein, ich habe mich auf die PK gefreut. Ich mag es, mich in unbekannte Situationen zu begeben, und betrachtete meinen Auftritt als Herausforderung. Für den Notfall hatte ich aber die Kleenex-Packung dabei. Sie war in den letzten Tagen meine beste Freundin (lächelt).

War der Rücktrittsentscheid ein schwieriger? Ich mag keine halben Sachen und wusste deshalb bald, dass ich meinen Rücktritt verkünden wollte. Schon im Flugzeug, als ich in die Schweiz transportiert wurde, begann ich im Kopf unbewusst an meiner Abschiedsrede zu basteln. Ich sage mir: Wenn schon ein Rücktritt, dann wenigstens ein dramatischer (lacht).

Weshalb war das Weiterfahren nach der Verletzungspause keine Option für Sie? Ich bin vom Olympiavirus infiziert; fänden 2011 Olympische Spiele statt, hätte ich noch einmal alle Kräfte mobilisieren können, doch vier Jahre ist in meinem Alter eine zu lange Zeit. Und alles andere als Olympia interessiert mich weniger.

Inwiefern ist der Rücktritt eine Erleichterung? Ich werde in nächster Zeit die Seele baumeln lassen. Normalerweise würde ich mich schon wieder damit beschäftigen, Therapien zu organisieren und den Trainingsaufbau zu planen. Doch nun spielt das alles keine Rolle mehr.

Wirken Sie deshalb nicht besonders niedergeschlagen? Ich kann mit einem lachenden Auge abtreten. Ich bin froh, kann man meinen Körper reparieren. Jetzt kann etwas Neues entstehen. Ich habe viele Visionen, Wünsche, Träume, allerdings noch keine konkreten Ziele. Ich bin mir bewusst, dass die nächsten Wochen für mich hart sein werden, aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert.

Hart war schon die Zeit in Kanada. Was empfanden Sie, als Sie nach dem Sturz im Schnee lagen? Zuerst war ein stechender Schmerz da, dann hatte ich die leise Hoffnung, die Achillessehnen seien vielleicht nur angerissen. Aber im Herzen wusste ich bereits in diesem Moment, dass alles vorbei, mein grosser Traum geplatzt war.

War Ihnen klar, was eine Achillessehnenruptur bedeutet? Ja, ich empfand die erste Diagnose des Arztes in der Notfallaufnahme als riesiges Stoppschild. Ich stand am Abgrund und hatte kein Notseil dabei.

Wie schlimm waren nach dem Unfall die Schmerzen? Der emotionale Schmerz durch das Platzen des Olympiatraums war derart stark, dass der effektive Schmerz für mich irrelevant war. Als ich aufgefordert wurde, den Schmerz auf einer Skala von 1 bis 10 einzustufen, sagte ich deshalb «1».

Welche Erinnerungen haben Sie an den Spitalaufenthalt in Québec? Er war furchtbar. Weil ich weder operiert noch lebensgefährlich verletzt war, bekam ich nicht einmal ein Zimmer. Ich lag die ganze Nacht auf einem Plastikbett im Gang, neben einem Kopiergerät und gleich bei der Toilette. Ich dachte: Warum passiert mir das ausgerechnet jetzt? Ich befand mich wohl in einem Schockzustand. Es war ein merkwürdiges Gefühl – als wäre ich unter Wasser. Ich war unendlich traurig, ich war allein und fühlte mich wertlos, weil sich niemand für mich und meinen Zustand interessierte.

Hat Sie Ihr Partner, Stefan Abplanalp, aufmuntern können? Meine Handyrechnung dürfte hoch ausfallen; ich habe allein in dieser Nacht drei Mal 45 Minuten mit ihm gesprochen. Er war allerdings hart zu mir, sagte mir, ich solle nicht jammern. Ich spürte, dass er nicht emotional werden und mich nicht noch trauriger machen wollte. Ich weiss, dass für Stef der Traum, an der Eröffnungsfeier in Vancouver Hand in Hand mit mir einzulaufen, mindestens so wichtig war wie für mich.

Was sticht heraus, wenn Sie Ihre Karriere Revue passieren lassen? Ich hatte das Glück, die Entwicklung dieser Sportart hautnah mitzuerleben. Anfänglich gehörte ich zu den Rebellen, die man von den Pisten verbannen wollte, und dann war ich gefeierte und anerkannte Olympiasiegerin. Auf diesem Weg erlebte ich viele interessante Episoden und Geschichten. Für mich ist das Leben gut, wenn es intensiv ist. Ich bin lieber einmal obenauf und dann wie jetzt am Boden, als monoton zu leben.

Hochs und Tiefs gab es einige. Ich durfte beide Extreme des Sports erleben – grosse Glücksgefühle und auch grosse Trauer. Dafür bin ich dankbar. Die schlechten Zeiten lassen mich meinen Olympiasieg umso mehr schätzen.

Befinden Sie sich derzeit am absoluten Tiefpunkt? Der Schlusspunkt der Karriere fühlt sich nicht wie der Tiefpunkt an. Ich wäre für Olympia qualifiziert gewesen. Ich kann im Wissen abtreten, dass ich nach Vancouver gehört hätte und dort alles möglich gewesen wäre. Der Tiefpunkt war eher vor etwas mehr als einem Jahr, als ich an der Fussverletzung litt.

Und 2004 verloren Sie mit der Norwegerin Line Oestvold, die nach einem Trainingssturz starb, eine gute Freundin.

Genau, das war der absolute Tiefpunkt. Im letzten Gespräch vor ihrem Tod hatten wir davon gesprochen, wie es sein würde, gemeinsam an den Olympischen Spielen in Turin teilzunehmen. Am Montag schrieb mir Lines Mutter übrigens ein SMS und wünschte mir gute Besserung.

Bei Ihren künftigen Tätigkeiten werden Sie kaum mehr derart intensive Gefühle erleben wie als Spitzensportlerin – haben Sie Angst vor dieser Zeit? Angst habe ich nicht. Aber ich gebe zu: Der Gedanke, mit meinen Tätigkeiten niemandem mehr emotional berühren zu können, ist etwas beängstigend.

Werden Sie dem Sport erhalten bleiben? Ich trete vom Spitzensport zurück, nicht vom Sport. Eines ist sicher: Ich habe die Lust auf weitere Erlebnisse im Schneesport nicht verloren.

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