Stadt Thun lässt Krähen in Ruhe

Thun

Die Stadt Bern hat im Kampf gegen Krähen kapituliert – und auch Thun plant keine Radikalmassnahmen. Hausbesitzer können ab September selber zur Flinte greifen. Das sei problematisch, findet der Thuner Sicherheitsdirektor Peter Siegenthaler.

Die Krähen-Nester bleiben nun grundsätzlich oben, weitere Aktionen sind im Moment nicht geplant.

Die Krähen-Nester bleiben nun grundsätzlich oben, weitere Aktionen sind im Moment nicht geplant.

(Bild: Patric Spahni)

Stefan Geissbühler

Es ist ein heisses Eisen, das Thema rund um die schlauen Saatkrähen. So heiss, dass sich unweigerlich die Finger verbrennen muss, wer wagt, das Problem anzupacken. Für die einen verschmutzen die Vögel Wohngebiete in akustischer und optischer Hinsicht – und machen sich auf dem Land über die Aussaat her. Für die anderen handelt es sich bei der Krähe um eine schützenswerte Kreatur, die keinesfalls angetastet werden darf.

Zölch: Morddrohungen

Ein Lied vom Krähenkonflikt kann die ehemalige SVP-Volkswirtschaftsdirektorin Elisabeth Zölch singen. Als sie im Jahr 2005 grünes Licht für eine Vernichtungsaktion gab, gingen die Wogen hoch. Nach vier Tagen und 1400 erfrorenen Krähen – Wildhüter hatten Maiskörner mit dem Schlafmittel Chloralhydrat versetzt und ausgestreut – musste Zölch die Aktion aufgrund des öffentlichen Drucks stoppen. In der Folge erhielt sie gar Morddrohungen.

Bern: Kapitulation

Auch in Thun und Bern sorgen Krähen für Diskussionen. Jüngst hat Bern kapituliert: Um dem geplagten Nordquartier Linderung zu verschaffen, hatten Mitarbeiter von Stadtgrün Bern 99 alte Krähennester entfernt. Ohne Erfolg – die schlauen Vögel kehrten zurück und bauten die Nester wieder auf. «Der Effekt war nicht sehr gross, aber es gab eine gewisse Entlastung», gesteht Sabine Tschäppeler, Leiterin der Fachstelle Natur und Ökologie bei Stadtgrün Bern. Komplett erfolglos blieb der Versuch, die Bäume so zu schneiden, dass Krähen keine Nester mehr darin bauen. Fazit: In Bern bleiben die Nester künftig grundsätzlich oben.

Thun: Mässiger Erfolg

Wie sieht es an der Thuner Krähenfront aus? «Sowohl der Gemeinderat als auch wir haben uns bis heute immer gegen Radikalmassnahmen ausgesprochen», sagt der Thuner Gewerbeinspektor Reto Keller. Das Thema sei in der Tat «äusserst heikel und emotional». Denn: «Wenn ein Politiker in dieser Sache alleine entscheiden würde, käme das wohl einem politischen Selbstmord gleich», gibt er zu bedenken. In Thun bestünden drei krähentechnische Problemzonen: Schwäbisallee, Gwattstrasse vis-à-vis Amag Retail und Henri-Dunant-Strasse. Man habe mehrmals versucht, der Lage Herr zu werden – «allerdings mit mässigem Erfolg», stellt Keller fest. So habe etwa das ausserplanmässige Zurückschneiden der Bäume – 2009 vom Gemeinderat in Auftrag gegeben – «nur sehr kurzfristig etwas gebracht». Deshalb gelte für Thun das Gleiche wie für Bern: «Die Nester bleiben grundsätzlich oben, weitere Aktionen sind im Moment nicht geplant», so Keller.

Kanton: Feuer frei

Neu darf im Kanton Bern die Saatkrähe zwischen September und Mitte Februar gejagt werden. Und nicht nur das: Hausbesitzer dürfen die Saatkrähe nun auch selber abschiessen, sofern sich diese auf ihrem eigenen Grund und Boden befinden.

Was sagt der Thuner Sicherheitsdirektor zu dieser kantonal erlaubten Selbstjustiz? Kommt es im Herbst zum gefährlichen Rumballern in Thuns Vorgärten?

Peter Siegenthaler: «Das Problem ist bekannt, und ich prognostiziere: Es ist nicht zu lösen. Es gilt einfach anzuerkennen, dass es tatsächliche oder auch vermeintliche Probleme gibt, die sich nicht lösen lassen – weil es Lebewesen gibt, die uns an Intelligenz in nichts nachstehen oder zum Teil voraus sind.» Man habe entsprechende Erfahrungen mit den Tauben gemacht. Auch hier hätten die Massnahmen der Stadt «nur bedingt die erhoffte Wirkung gezeigt».

Siegenthaler: Problematisch

«Deshalb erachte ich die Möglichkeit des Abschusses der Saatkrähe auf privatem Grund als problematisch. Wie so oft verlagert man das Problem einfach an einen anderen Ort. Nach dem Motto: Aus dem Augen, aus dem Sinn». Jeder Bewohner einer Stadt habe mit Belästigungen zu kämpfen: «Die einen haben den Nachtlärm, und Baulärm haben wohl im Moment fast alle. Ich habe tagsüber Hunderte von Auto- und Busfahrten direkt vor meinem Haus, und direkt Betroffene beklagen die Saatkrähen», sagt Siegenthaler weiter. «Hinzu kommt, dass, sobald es um Tiere geht, die Sache sehr emotional wird. Deshalb werde ich ganz sicher nicht anordnen, dass auf öffentlichem Grund von dieser Abschussmöglichkeit Gebrauch gemacht wird.»

Thuner Tagblatt

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