Sie will alleine nach Nepal radeln

Spiez

Freunde sagen, sie sei mutig – oder sie spinne: Am Sonntag bricht Maria-Theresia Zwyssig (26) zu einem speziellen Abenteuer auf. Alleine will sie entlang der Seidenstrasse bis nach Nepal radeln.

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Jürg Spielmann

«In die Pedale, fertig, los! 3.3.2013»

So steht es auf der Internetseite www.seithes13.ch. Diese wurde von Maria-Theresia Zwyssig gestaltet. Und wird auch von ihr mit Inhalten gefüttert. Es handelt sich um eine Art elektronisches Reisetagebuch. Denn die junge Spiezerin hat Grosses vor: Sie will zünftig in die Pedale treten. Fast unendlich viele Umdrehungen sollen es werden, um ans Ziel zu gelangen. Der Weg führt über 12000 Kilometer – strapaziöse, holprige, asphaltierte, staubige, lang- und kurzweilige, stotzige, steil abfallende, öde und spannende. Die 26-jährige medizinische Praxisassistentin will mit ihrem Fahrrad vom Berner Oberland durch 17 Länder bis nach Nepal gelangen. «Ein Teil der Strecke wird über die Seidenstrasse führen», erklärt die Abenteurerin, die eigentlich gar keine sein will. «Ich werde nicht fahrlässig Risiken eingehen, nur um es durchzuziehen. Ich mache das für mich und muss niemandem etwas beweisen.» Klar habe sie Respekt. Angst hingegen wäre ein schlechter Begleiter, findet sie.

Dass sie die Herausforderung, nach einem Abschiedsfest mit Freunden im geliebten Kiental, alleine unter die Räder nimmt, macht das Vorhaben jedoch noch um einiges spezieller. Übermorgen fällt der Startschuss, am Sonntag um 10 Uhr geht es los.

«Stiig uf dä hert Sattu!»

Ihre Freunde und ihre Mutter Katharina unterstützen sie und begleiten sie in Gedanken, weiss Maria-Theresia Zwyssig. «Auch mein Vater, der vor vielen Jahren verstorben ist, wird auf der Reise bei mir sein.» Gründe für den Trip gebe es ganz viele. Das Stillen von Fernweh etwa, das Erfahren und Begegnen verschiedenster Kulturen und Menschen. Oder das Leben von Geduld, Toleranz und Achtsamkeit. «Der wichtigste Grund jedoch ist ein Gefühl.» Die junge Frau mit dem festen Blick und dem dunklen Haar hält kurz inne – und meint: «Es ist das Gefühl, das mir sagt: ‹Hey, Thesi, gang, stiig uf dä hert Sattu!›» Einige fänden das mutig, sagt sie. Andere, sie spinne.

Bemerkbar gemacht hat sich das Gefühl vor einem Jahr. Freilich nicht nur aus einer simplen Laune heraus beschloss Zwyssig, ins ferne Nepal zu radeln: «Ich lebte 2008 drei Monate bei einer tibetischen Familie in Pokhara. Und das Letzte, was ich beim Abschied dem Vater sagte, war, dass ich sie eines Tages besuchen werde.» Dieser Tag soll konkreter einer der nächsten 365 sein. Denn just ein Jahr gibt sich die Spiezerin Zeit, das Ziel zu erreichen.

Den Traum lässt sie sich gut und gerne kosten, was andere in ein Auto investieren. «Die Reise mit dem Material, der Versicherung oder auch der AHV-Vorauszahlung kommt mich auf 30'000 Franken zu stehen.» Da dies mehr als nur Kleingeld ist, überlässt frau bevorzugt wenig dem Zufall. Darum bereitet sich Maria-Theresia Zwyssig seit einem Jahr gewissenhaft auf ihre Tour vor. 2500 Kilometer hat sie nebst der Arbeit bei einem Spiezer Arzt auf ihrem Tourenvelo verbracht, ungezählte Stunden in Reiseblogs, im Kraftraum, für die Routenwahl, in Fachgeschäften für Veloreisen, bei Reparaturkursen («Das Veloflicken muss man beherrschen») und, und, und

Fühlt sie sich nun bereit? «Ein Mediziner erklärte mir, dass für ein solches Projekt 200 Prozent nötig seien. 100 Prozent macht das gute Material aus, 70 Prozent der Kopf und 30 Prozent der Körper.» Ja, sie sei fit – im Kopf wie auch in den Beinen. «Herz, Bauch und Kopf müssen im Gleichgewicht sein.» Dann könne es gelingen. Ob es die junge Frau über die 12'000-Kilometer-Distanz durch all die Länder schafft, hängt von mancherlei ab, vor allem von vielen Unbekannten. Was sie kennt, ist die Lage in den Ländern, die sie bereist. «Ich habe mich beim EDA informiert und werde es unterwegs immer wieder tun.»

Auf die Frage, ob sie denn das Alleinsein ertragen wird, entgegnet sie: «Wer alleine reist, trifft immer Leute.» Aber wie ist es so ganz alleine als Frau? In Ländern, in denen Kultur und Gepflogenheiten so anders sind als die uns vertrauten? Sie habe mit einer Frau Kontakt gehabt, die alleine und später mit dem Freund gereist sei. Alleine soll sie weniger Probleme gehabt haben, erklärt Zwyssig. «Klar ist aber, dass ich als Frau, alleine auf dem Rad, vielerorts ein ungewohntes Bild abgeben werde.»

In 50 Tagen in Istanbul?

Nach dem Start führt sie die erste Etappe nach Kandersteg, wo sie Sack und Pack bis Domodossola auf die Bahn verlädt. «Ich sollte dann bei durchschnittlich 50 Kilometern pro Tag in 51 Tagen Istanbul erreichen», rechnet Maria-Theresia Zwyssig vor. An der Grenze von Europa zu Asien hat sie eine Woche Ferien eingeplant. Zur Erholung, zum Spass, zum Einholen der Visa für die Weiterreise. Es stehe in den Sternen, wann sie Nepal erreichen könnte. Was klar scheint, ist, dass sie vor August den Iran und die Wüste Turkmenistans hinter sich gelassen haben muss, weil dann dort die Hitze schier unmenschlich ist. «Wenn mich aber das Gefühl überkommt, es stimme nicht mehr, dann ist Schluss, egal wo.» Die Spiezerin kehrte dann ohne Groll heim. «Was ich erlebe, kann mir niemand mehr nehmen.» Unbezahlbar sei das Erlebnis.

Der Sinn des Reisens besteht darin, die Vorstellung mit der Wirklichkeit auszugleichen und anstatt zu denken, wie die Dinge sein könnten, sie so zu sehen, wie sie sind.

Der in Worte gefasste Antrieb des englischen Dichters Samuel Johnson ist schon mal auf der Internetseite www.seithes13.ch zu lesen. Das Weitere lässt die Spiezerin folgen...

Berner Oberländer

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