Sie fischte fette Krebse aus Madame de Meurons See

Thun

Die heute fast 80-jährige Edith Kammer verbrachte einen Teil ihrer Kindheit im Wohnheim Riggisberg. Später wurde sie als Minderjährige schwanger – zu einer Zeit, als dies ein schweres Verbrechen war.

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Sandra Rutschi

Etwas lädiert sei ihr Fotoalbum, sagt Edith Kammer und legt das Buch auf den Wohnzimmertisch. In der Stube in ihrer Wohnung in Thun duftet es nach frisch gebackenem Nidlechueche, Hund und Katze beobachten das Geschehen interessiert. Etwas lädiert ist es schon, ja. Deckel hat das Album keinen mehr, die dünnen Schutzblätter zwischen den schwarzen Albumkartons sind angerissen, die zum Teil 100-jährigen Fotos haben einen Gelbstich. «Diese Gesichtchen. Das sind Kinder, die aussehen wie Greise», sagt Edith Kammer und deutet auf ein Klassenfoto ihrer Mutter, die in Riggisberg zur Schule ging. Sie hat ihre Mama mit einem Kreuz gekennzeichnet, und gemeinsam mit ihr hat sie das Album vor wenigen Jahren in weisser Schrift beschriftet. «Wenn ich einmal nicht mehr da bin, weiss sonst niemand mehr, was auf diesen Bildern zu sehen ist», sagt Edith Kammer.

Zum Beispiel Pfleglinge im heutigen Wohnheim Riggisberg, das man damals noch als Anstalt bezeichnete. Dort arbeitete Edith Kammers Mutter als Tagelöhnerin. Ihre beiden kleinen Kinder Hermann und Edith waren stets dabei, bastelten gemeinsam mit den Bewohnerinnen und gingen ein und aus. «Die Pfleglinge halfen mit bei einfachen Arbeiten», sagt Edith Kammer und zeigt auf ein Foto, auf dem eine Gruppe Männer wahrscheinlich bei der Kartoffelernte mit anpackt. Im Vordergrund kehrt ein Mann mit Reisigbesen den Boden. «Das ist der ‹Stööbu›. Ihm sagten wir immer: ‹Tu ausharren!›, und dann hielt er die Luft an, bis er umfiel.» Die Kinder fanden das witzig – die Mutter eher weniger, als sie es mitbekam. Sie verbot den beiden das gefährliche Kinderspiel.

Der Papa geht an die Front

Die junge Familie war nicht auf Rosen gebettet. Die Mutter verdiente mit einem Tageslohn von 5 Franken mehr als der Vater mit seinem Stundenlohn von 45 Rappen auf der Baustelle. «Mutter sagte immer: Zum Glück gabs Krieg», erinnert sich Edith Kammer. An die Mobilmachung im September 1939 erinnert sich Edith Kammer noch gut. An das Durcheinander auf dem Bahnhofplatz, die Abschiedstränen, den Vater in Uniform. Die Männer und auch die Pferde waren danach weg – und die Arbeitskraft der Mutter war gefragter als je zuvor. Sie lebte mittlerweile mit den beiden Kindern und einer Schar Tiere in einem Heimetli in Höfen bei Thun. «Dort zog es immer durch alle Ritzen. Aber wir waren glücklich», sagt Edith Kammer.

Sie und ihr nur neun Monate älterer Bruder sammelten stehen gebliebene Ähren und fischten Krebse aus dem Amsoldingersee, der etwa 200 Meter von ihrem Haus entfernt lag. Ein gefährliches Spiel, das die Kinder und auch die nächtlichen Fischer trieben: Denn der See gehörte Madame de Meuron, Fischen war verboten. Manchmal entgingen sie den Fängen der Aufseher nur knapp. Trotzdem ist auf einem der Bilder Edith Kammers Vater abgebildet, der stolz einen grossen Fisch präsentiert – einen aus Madame de Meurons See.

Auf der Alp mit 300 Schafen

Mittlerweile verdiente Edith Kammers Vater als Schmied satte 2.75 Franken pro Stunde – ein grosser Unterschied zum Stundenlohn als Bauarbeiter. Trotzdem fand Edith Kammers glückliche Kindheit ein jähes Ende, als ihr Bruder mit 15 Jahren über Nacht völlig unerwartet verstarb. Für die Familie brach eine Welt zusammen.

Der Bruder hätte zudem im Sommer auf der Alp Rotenfluh Schafe hüten sollen – und der Hirt forderte einen Ersatz. Also kümmerte sich die 15-jährige Edith Kammer einen Sommer lang um 300 Schafe.

Verhängnisvolle erste Liebe

Als sie zurückkam, waren zwei Arbeitskollegen aus dem Welschland bei ihren Eltern eingezogen: Moritz und Jules. Sie arbeiteten gemeinsam mit ihrem Vater im Kohlebergwerk in der Klus in Schwarzenmatt oberhalb von Boltigen im Simmental (siehe Bild). Jules wurde für Edith Kammer zum Ersatzbruder, Moritz zu ihrer ersten grossen Liebe.

Viel zu früh, mit 16, wurde sie schwanger – damals ein grosses Verbrechen. Moritz, der seinen Sohn auf der Gemeinde anmeldete und sie heiraten wollte, sobald sie volljährig wäre, wurde verhaftet und ohne Gerichtsverhandlung zwei Jahre nach Bellechasse ins Gefängnis gesperrt. Der Knabe verstarb, «damals brachte man ein Kind, das im achten Monat auf die Welt kommt, kaum durch», sagt Edith Kammer. «Es war wohl besser so für den Kleinen.»

Sie selber hatte die Wahl: Entweder ging sie freiwillig als Magd auf einen Bauernhof im Niedersimmental, oder auch sie würde in eine Anstalt gesteckt. Sie ging auf den Bauernhof, wo sie drei Jahre lang arbeitete und die eindeutigen Avancen des Bauern immer wieder abzuwehren wusste. «Gesagt habe ich nie etwas – wer hätte mir schon geglaubt. Ich wäre sonst wohl doch noch in einer Anstalt gelandet.»

Als Seniorin endlich glücklich

Edith Kammers Lebensgeschichte geht turbulent weiter. Ihren Moritz sah sie nie wieder; als sie ihn Jahre später suchen ging, war er kurz zuvor verstorben, vom Alkohol und von Sorgen zermürbt. Vom ersten Ehemann liess sie sich wegen sexueller Grausamkeit scheiden; der zweite hatte bereits eine Geliebte, als er Edith Kammer heiraten musste, weil sie schwanger war. Eine Geliebte, die er nicht aufgab. Kammer wusste davon, doch sie blieb bei ihm: wegen der Kinder und weil sie gemeinsam ein gut laufendes Geschäft aufgebaut hatten.

Kurze Zeit nacheinander verlor sie Mutter, Vater und Sohn. Am Ende ihrer Kräfte, schleppte sie sich auf eine Brücke – doch sie konnte nicht runterspringen, weil dort ein Liebespaar sich küsste. «Diese Brücke war mein Schicksal» lautet auch der Titel ihres Manuskripts, in dem sie ihre Lebensgeschichte festgehalten hat. Es ist eines von mehreren Manuskripten, die in ihrem Schrank auf die Veröffentlichung warten. Vier Bücher hat Kammer bereits publiziert, sie hält regelmässig Vorträge über die Arbeit ihres Vaters und über den Kohlebergbau im Berner Oberland. Seit sie alleine lebe, sei sie glücklich, sagt die vife 79-Jährige. Im Schreiben hat sie ihre Erfüllung gefunden – und kann nun ihr Leben geniessen.

Berner Zeitung

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