Mit 2562 Herzen zum Bund fürs Leben

Spiez

Von der Spiezer Bäuert Hondrich hinab durch die Fluh und dann quer durchs halbe Dorfzentrum ziert ein 2,8 Kilometer langer Weg mit aufgemalten Herzen den Asphalt. Der wohl romantischste Heiratsantrag des Jahres mündete am Sonntag in einem ja!

Jürg Spielmann

Was soll das sein? Wohin führt diese Spur? Spiezerinnen und Spiezer staunen seit Samstagvormittag Bauklötze. Oder besser: Herzen. In einer unendlich scheinenden Abfolge sind die Liebessymbole auf dem Trottoir aufgemalt worden. Und über Zebrastreifen. Oder entlang des Strassenrandes. «Es handelt sich um einen Heiratsantrag», will ein Passant im Dorf wissen. Mit weiteren Schaulustigen ist er dem ominösen Weg auf der Spur. Beinahe 3000 Herzen seien es insgesamt, verkündet er, aufgemalt offenbar von einem jungen Mann.

«15.06.2008 – Wo ein Kuss meine Welt veränderte.» Zwei ineinander verschlungene Herzen, eines mit dem Initial J, das andere mit einem L versehen, sind unter der Startbotschaft zu lesen. Diese ist oben in der Bäuert Hondrich, auf knapp 800 Metern, niedergeschrieben worden.

Herz für Herz führt der in Kreide gehaltene Liebesbeweis tal- und seewärts. Via Hondrichstrasse durch die schroffe Fluh und die Sibirienkurve (die heisst ihrer Schattenlage wegen wirklich so) hinunter zur Niesenbrücke. Dann weiter die Bahn entlang bis zum Lötschbergplatz und von dort gen Spiezberg. Kurz davor endet der Weg mit dem finalen Hinweis: «I warte bi üsem Bänkli uf di.»

«Jedes Herz steht für einen Tag, den wir uns kennen», bestätigt L*. Recherchen führen auf die Fährte des Urhebers, der lieber keine Namen in der Zeitung lesen möchte. So viel aber sei verraten: Er hat sein Herz vor sieben Jahren an eine Spiezerin verloren; sie das ihre an einen Solothurner. Immer wieder ist der Härzliweg mit Botschaften und Daten angereichert: Der 22. Juni 2008 ist des Paares Jahrestag. Gwundernasen erfahren auch, dass nicht nur der Herzen viele sind. «Üsi Liebi wachst geng wie meh!»

Mit Taschenlampe, Leuchtweste, Strassenkreide, einer Meterlatte als Massstab und seinem Bruder zur Unterstützung startet L. am Sonntagmorgen um vier Uhr zu seiner «Mission Antrag». Fünf Stunden später ist er am Ziel. Und weitere Stunden später dann auch seine Auserwählte. «Sie hat Ja gesagt!», freut sich der Bräutigam in spe. Wann einst die Hochzeitsglocken läuten werden, das sei offen.

Die Idee für seine Herzaktion habe er schon vor langer Zeit gehabt, sagt L. Neu ist diese Art der Liebesbekundung freilich nicht: Vor drei Jahren hatte ein amouröser Berner einen 700 Meter langen Liebesbrief auf die Länggassstrasse gekritzelt. Und – wie ja fast zu befürchten war – machte mutmasslich ein Zürcher das Rennen: 2008 verfasste ein Unbekannter einen Liebesschwur für «Nicole» – in der Innenstadt über mehrere Hundert Meter. Nur: Keiner hatte die Ausdauer von L.: «Ich habe auf einer Distanz von 2,8 Kilometer 2562 Herzen gemalt.» Sein Bruder spendete ihm dabei Licht und sorgte mit seiner Warnweste auch dafür, dass sein Vorhaben ja nicht in einer Tragödie endete.

«Kein negatives Wort habe ich gehört»: Er rechnete mit kritischen Stimmen, darum hat L. im Vorfeld getestet, ob seine Kreidebotschaft auch wirklich vergänglich ist. Sie ist es. Gegen Ende Woche könnte ein Gewitter den Heiratsantrag unwiderruflich vom Asphalt wischen.

Gedenkt er die romantische Form der Streetart je zu wiederholen? Zur goldenen Hochzeit nach fünfzig Jahren vielleicht? «Das gäbe dann noch einige Herzen mehr zu malen» In der Tat. Just 18'250 oder die Distanz Spiez–Interlaken. Und wohl auch einen ausgedehnteren Muskelkater, als der aktuelle ist. «Der ist nicht weiter schlimm, das war es definitiv wert.»

* Name der Heiratswilligen der Redaktion bekannt.

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