Jessica ist einer seltenen Fledermaus-Art auf der Spur

Brienz

Fast alle der 30 Fledermausarten in der Schweiz sind auf der Roten Liste. Besonders bedroht: die Kleine Hufeisennase. Doch im Grandhotel Giessbach gibt es sie noch. Ein Schulmädchen war ihnen auf der Spur.

Jessica Schmid (11) mit einer selbst gebauten Fledermaus-Behausung Grandhotel Giessbach.

Jessica Schmid (11) mit einer selbst gebauten Fledermaus-Behausung Grandhotel Giessbach.

(Bild: Hans Peter Roth)

Der genaue Ort bleibt geheim. Aber so viel lässt sich verraten: Er befindet sich in einem Dachstock des Grandhotels Giessbach. Mit einem Hakenstab öffnet Mattias Kögl eine Luke. Stille; erwartungsvolle Blicke nach oben ins Dunkel. Der Hoteldirektor rückt sanft eine Leiter unter die Luke. Jessica Schmid – die vielleicht jüngste Fledermausexpertin der Schweiz – klettert als Erste hinauf.

Das elfjährige Mädchen aus Winterthur liess sich nicht zweimal fragen, ob es im Giessbach Fledermäuse aufspüren möchte. Genauer: die Kleine Hufeisennase; eine der kleinsten Fledermausarten der Schweiz. Stark bedroht; in vielen Regionen ganz verschwunden. Unter den Dachstöcken des Grandhotels über dem Brienzersee aber hat sich seit Jahrzehnten eine der wenigen Kolonien im Berner Oberland gehalten; gut bewahrt und streng geschützt.

«Da hängen sie!»

Angespannt, auf den Zehenspitzen, blickt das Mädchen in die Dunkelheit. Der Lichtfinger ihrer Taschenlampe tastet übers Gebälk. «Dort! Vier – fünf! Da hängen sie», flüstert es aufgeregt. Einige Bällchen aus dunklem Fell und Flughaut baumeln an einem Balken, unscheinbar, leicht zu übersehen.

Die daumengrosse Kleine Hufeisennase bringt gerade mal 5 bis 10 Gramm auf die Waage. Geraten sie ins ungewohnte Licht der Stablampe, werden die Flugsäuger unruhig. Jessica ist behutsam, richtet den Strahl woanders hin.

Rare Gäste

«Das Beste für sie ist natürlich, wenn sie einfach in Ruhe gelassen werden.» Der Direktor lächelt humorvoll. «Deshalb hängen wir es auch nicht an die grosse Glocke, dass bei uns diese raren, höchst nützlichen Gäste herumhängen.» Wie fast alle Fledermausarten vertilgen die nachtaktiven Kleinen Hufeisennasen Unmengen an Insekten. Fledermäuse im Haus sind kein Problem. Sie richten keine Schäden an und gehen nicht an Lebensmittel.

20 Zentimeter Spannweite

Als Jessica wieder dahin leuchtet, wo die Giessbach-Gäste eben noch hingen, sind drei Tiere verschwunden. Einige Male blitzt wie eine Momentaufnahme eine fliegende Fledermaus im Lichtkegel der Taschenlampe auf. Die Art fliegt sehr wendig und hat eine Flügelspannweite von immerhin 20 Zentimetern.

Glücklich lächelnd klettert die junge Tierfreundin wieder herunter. Erneut hat sie eine Fledermausart beobachten können, die sie noch nie zuvor «im echten Leben» sah.

Seit Beginn der 90er-Jahre erholen sich die Fledermausbestände langsam etwas. So wird man die Kleine Hufeisennase im Giessbach wohl noch lange beobachten können – in Zukunft vielleicht sogar wieder häufiger.

Berner Oberländer

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