Interlaken oder Lyss: Zwei Standorte für das Asylzentrum

Lyss/Interlaken

Neben Lyss wird auch der Flugplatz Interlaken als möglicher Standort für ein Bundesasylzentrum angesehen. Die vier betroffenen Gemeinden reagieren verwundert und ungläubig.

  • loading indicator
Simone Lippuner

Das Kasernenareal in Lyss ist für den Bund ein potenzieller Standort für ein nationales Asylzentrum. Was einst nur als Gerücht durch Lyss geisterte, ist seit Mittwoch Fakt. Aus zuverlässiger Quelle kennt diese Zeitung nun auch den zweiten möglichen Standort, der für ein Bundesasylzentrum im Kanton Bern noch im Rennen ist: der Flugplatz Interlaken. Bei den Gemeindepräsidenten von Bönigen, Wilderswil, Matten und Interlaken, auf deren Gemeindegebiet sich der Flugplatz befindet, reichen die Reaktionen von Verwunderung bis zur Ungläubigkeit. «Davon habe ich noch nie gehört», gibt sich Urs Graf, Gemeindepräsident von Interlaken zurückhaltend.

Währenddessen fragte sich Marianna Lehmann, Gemeindepräsidentin von Wilderswil, wo auf dem Flugplatz überhaupt Platz für Asylsuchende sei. So klingt es auch bei Herbert Seiler, Gemeindepräsident von Bönigen: «Auf dem Flugplatz gibt es gar keine Immobilien, die für ein Asylzentrum geeignet wären. Das ist wohl eine Fehlinformation», mutmasst er. Und auch Peter Aeschimann, Gemeindepräsident von Matten, hört davon zum ersten Mal: «Es kommt immer wieder vor, dass man aus der Zeitung Neues erfährt. Das würde mich nun aber wirklich interessieren», sagte Aeschimann. Peter Flück, Präsident der Regionalkonferenz Oberland-Ost, war bislang ebenso wenig in die Pläne einbezogen, wie er dieser Zeitung per SMS mitteilte.

Kein Vetorecht

Auf Anfrage beim Bundesamt für Migration (BFM), warum die Gemeinden nicht in die Standortplanung involviert seien, obwohl der Bund mögliche Standorte bis Ende dieses Jahres eruiert haben wolle, sagte Martin Reichlin vom BFM: «In einem ersten Schritt werden gemeinsam mit den Regierungsverantwortlichen der Kantone mögliche Standorte für Zentren des Bundes eruiert.» Dabei würden sowohl Optionen des BFM wie auch Standortvorschläge der Kantone diskutiert. In einem zweiten Schritt würden die möglichen Standorte mit den jeweiligen Kantonen und Gemeinden vertieft evaluiert, erklärt Reichlin.

Wie sich in Lyss und auf dem Bödeli zeigt, befindet sich die Standortplanung offenbar noch nicht bei Schritt zwei. Die bisherige Unkenntnis auf Gemeindeebene erstaunt allerdings nicht. Denn der Bundesrat will das Bewilligungsverfahren für Bundeszentren vereinfachen, damit diese innert nützlicher Frist gebaut werden könnten, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete. Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) könne als einzige Instanz über Bauten von «nationalem Interesse» entscheiden. Kantone und Gemeinden würden angehört und könnten den Entscheid des EJPD beim Bundesverwaltungsgericht anfechten. Ein Vetorecht hätten die Standortgemeinden allerdings nicht.

Testbetrieb in Container

Mit der Neustrukturierung des Asylwesens wollen Bund und Kantone das Asylverfahren beschleunigen. Dafür muss die Kapazität der Bundeszentren von 1400 auf 5000 Plätzen erhöht werden. Im Kanton Bern sind gemäss Schlussbericht zur Neustrukturierung des Asylwesens vom März 2014 ein Verfahrenszentrum und ein bis drei Ausreisezentren vorgesehen. Als Richtwert für ein Zentrum, wie es auf dem Flugplatz Interlaken oder in Lyss entstehen soll, gelten mindestens 350 Plätze.

Rund 60 Prozent aller Asylgesuche sollen in solchen Bundeszentren abgewickelt werden. Ein Testbetrieb eines Verfahrenszentrums befindet sich seit Anfang dieses Jahres in Zürich-Altstetten. Wie die «Limmattaler Zeitung» berichtet, könnten dort 300 Personen in Container untergebracht werden. Eine solche Lösung würde erklären, warum der Flugplatz Interlaken trotz mangelnder geeigneter Immobilien, wie dies der Böniger Gemeindepräsident Seiler anmerkte, als möglicher Standort angesehen wird.

In Lyss hat Gemeindepräsident Andreas Hegg (FDP) bereits mit einem Brief an Bundesrat Ueli Maurer (SVP) auf die Gerüchte um Lyss als möglichen Standort reagiert. «Es würde mich wirklich überraschen, wenn der Entscheid auf uns fallen würde», sagt Hegg, da bis jetzt von offizieller Stelle keine Information erfolgt sei.

Berner Oberländer

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt