«Fule-hung-hung, Fulehuuuung» oder von einem, der die Massen fasziniert

Er wurde mit Sehnsucht erwartet – und erfüllte diese: Der Fulehung unterhielt am Motnag die Menschenmassen in der Thuner Innenstadt. Er teilte Schläge aus und verteilte Süssigkeiten.

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Es herrscht eine erwartungsvolle und angespannte Stimmung auf dem Thuner Rathausplatz. Unzählige Schaulustige haben sich an diesem Montagmorgen bereits vor fünf Uhr früh versammelt, um den Fulehung zu begrüssen. Immer wieder sind Fulehung-Rufe zu hören. Die Spannung steigt. Der Platz liegt unbeleuchtet im Dunkeln. Keiner weiss, wo er in Erscheinung tritt. Es könnte genau das Haus hinter einem sein. Wer mit dem Rücken zu einer Haustüre steht, schaut sich immer wieder verstohlen und vielleicht auch etwas ängstlich um. Wer Angst oder zumindest Respekt vor dem Gehörnten hat, gibt es nicht gerne zu – abgesehen von ein paar kleinen Kindern, die bereits vor dem Erscheinen des Fulehung bitterlich weinen.

Die Aufregung ist für Aussenstehende schwer nachvollziehbar. Eine Faszination muss aber vorhanden sein, sonst wären nicht so viele Menschen zu früher Morgenstunde auf dem Rathausplatz versammelt. Je näher die Zeiger der Uhr am Rathaus gegen fünf Uhr rücken, umso mehr heizt sich die Stimmung auf. «Fulehung, Fulehung», hallt es jetzt laut in rhythmischen Sprechchören über den Platz.

Schläge gehören dazu

Dann, punkt genau auf den Glockenschlag um fünf Uhr, ist es so weit. Der Fulehung stürmt mit Schyt und Söiblaateren bewaffnet aus dem Rathaus und beginnt damit auszuteilen. Die einen freuen sich, wenn er auftaucht, und rufen ihm unflätige Worte zu, andere springen kreischend zur Seite. Viele sagen, es sei kein richtiger Ausschiesset, wenn man nicht einen Schlag vom Fulehung erwischt habe.

Auch das mag für Aussenstehende nur schwer verständlich sein. Normalerweise würde jemand, der prügelnd durch die Stadt rennt, verhaftet und nicht bejubelt werden.

Er ist nicht zu stoppen

Wer nach den Weckschlägen des Fulehung noch nicht wach ist, wird es spätestens nach dem Auftritt der Tambourinnen und Tambouren, die auf dem Rathausplatz zur Tagwacht trommeln. Auch die Tour des Fulehung durch die Stadt geht weiter, und dabei beweist er vor allem eines: Ausdauer. Er rennt und rennt und scheint nicht zu stoppen zu sein. Nur kurz hält er inne, um an der Bar in der Krone ein Glas Wasser zu trinken. Dann geht es sofort weiter, natürlich nicht ohne den Restaurantbesuchern kurz noch einen Schlag mit den Söiblaateren zu verpassen. Das gleiche macht er auch im Restaurant Zur Metzgern.

Nachdem er genug Prügel ausgeteilt hat, zeigt sich der Gehörnte von seiner sanfteren Seite und verteilt Süssigkeiten an die wartende Menge. Zuerst vom Platzschulhaus aus, über die Bäckerei Schönholzer bis zum Restaurant Steinbock. Überall wirft er aus einem oberen Stockwerk Süsses in die Gassen.

Für leuchtende Augen sorgt der Fulehung allerdings nicht nur auf dem Rathausplatz, sondern im Verlaufe des Tages auch mit seinen Besuchen, so etwa im Spital und in der Wohn- und Arbeitsgemeinschaft Gwatt WAG.

Gar nicht so böse?

Bei genauerer Betrachtung ist der Fulehung vielleicht gar nicht so ein Böser, der faule Hund. Denn wenn es eine Figur schafft, so viele Menschen auf einmal zu unterhalten und zu belustigen, ist das gewiss eine bewundernswerte Leistung.

Fazit bleibt aber auch, dass sich die Faszination dafür nur denen erschliesst, die damit aufgewachsen sind oder zumindest den Mut haben, sich darauf einzulassen – auch wenn sie sich allenfalls ein bisschen Prügel einhandeln.

Thuner Tagblatt

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