«Für das Dorf geht wirklich etwas verloren»

Saxeten

Erst schliesst die Schule – und dann? Was bedeutet es für eine Gemeinde, wenn sie ihre Schule verliert? In Saxeten ist man wehmütig, sieht die Bevölkerungszahl weiter abnehmen, glaubt aber an den Fortbestand des Dorfes.

Gemeindepräsident Martin Boss im verwaisten Klassenzimmer der Schule Saxeten. Das noch übrig gebliebene Schulinventar wird in den kommenden Tagen verschwinden, damit Platz geschaffen werden kann für einen neuen Mehrzweckraum. Die Wandtafeln hingegen sollen bleiben.<p class='credit'>(Bild: Claudius Jezella)</p>

Gemeindepräsident Martin Boss im verwaisten Klassenzimmer der Schule Saxeten. Das noch übrig gebliebene Schulinventar wird in den kommenden Tagen verschwinden, damit Platz geschaffen werden kann für einen neuen Mehrzweckraum. Die Wandtafeln hingegen sollen bleiben.

(Bild: Claudius Jezella)

Eigentlich ist noch alles da: die Tische, auf denen Ordner, Klebstoff und Klanghölzer auf ihren Einsatz warten, die Schulbücher und Unterrichtsmaterialien in den Schränken, die grosse Weltkarte an der Wand, das Klavier neben der Tür, die Fensterbilder, der gebastelte Deckenschmuck und die grüne Wandtafel ganz vorn. Was fehlt, sind die Hauptdarsteller, ohne die ein Klassenzimmer wie das in Saxeten zur Kulisse verkommt. Doch diese untergeordnete Rolle ist dem gesamten Schulhaus ab sofort zugedacht, denn die letzten Schüler haben sich vergangene Woche von ihrer alten Wirkungsstätte verabschiedet – zunächst in die Sommerferien und anschliessend nach Wilderswil, wo sie in Zukunft die Schulbank drücken werden. Die Schule Saxeten ist damit Geschichte. Die sinkenden Schülerzahlen hatten die Gemeinde zu diesem Schritt bewogen.

«Es war schon etwas Wehmut dabei bei Eltern und Lehrern», berichtet Gemeindepräsident Martin Boss von der letzten Examensfeier. Die Kinder nähmen den bevorstehenden Wechsel nach Wilderwil gut auf, ist sich Boss sicher. «Aber für das Dorf geht wirklich etwas verloren.» Es werde ruhiger werden, wenn die Kinder nicht in der 9-Uhr-Pause nach Hause liefen, um ihr Frühstück zu holen, wie es in dem kleinen Dorf bisher üblich war.

Schülertransport per Postauto

Aber in Saxeten war schon seit längerem klar, dass dieser allerletzte Schultag kommen würde. Seit zwei, drei Jahren wurde die Zeit danach vorbereitet: Für die sechs Schüler, die nun täglich nach Wilderswil pendeln müssen, wurden die Buskurse angepasst. «Der Goodwill von Postauto Berner Oberland ist gross, sodass wir nun eine gute Lösung haben», sagt Martin Boss. Und wenn es mit dem ÖV nicht passt, springen Dorfbewohner ein, die die 550 Höhenmeter mit ihrem Privatauto bewältigen. Die vier Lehrer, die auch bislang schon Teilpensen an anderen Schulen geleistet haben, können den entstehenden Ausfall auf diese Weise andernorts kompensieren.

«Es hat eigentlich für alle eine Lösung gegeben», meint Boss. Nur bei der Schule Saxeten waren zuletzt alle Möglichkeiten eines Weiterbetriebs ausgeschöpft, da drei der insgesamt neun Schüler die Schule verlassen. Und weiterer Nachwuchs sei in der 100-Seelen-Gemeinde nicht in Sicht, begründet Boss die Schulschliessung, die auch in der Vergangenheit immer wieder Thema war. Zuletzt hatte die Gemeinde die Einrichtung einer Tagesschule in Saxeten als Antwort auf die drohende Schliessung präsentiert. Doch auch dieses Modell, das Schüler aus anderen Gemeinden miteinschloss, hatte bald wieder ausgedient. Als die Schule im Jahr 1985 auf der Kippe stand, zog die Gemeinde eine Lehrerin an Land beziehungsweise auf den Berg, die sechs Kinder aus dem Schwarzenburger Land mitbrachte und so gleich selbst mithalf, den Fortbestand zu sichern. Die Lehrerin hiess übrigens Ursula Boss, Ehefrau des heutigen Gemeindepräsidenten. «Wir haben damals die Lücke gefüllt», meint dieser. In der Folgezeit nahmen die Schülerzahlen wieder zu, und es gab kurzzeitig zwei Klassen und sogar einen Kindergarten in Saxeten.

Der Wert der Landwirtschaft

Diese Wellenbewegungen mit Höhen und Tiefen, die sich auch in der Bevölkerungszahl widerspiegeln, hat es von jeher im kleinen Bergdorf zwischen Bällenhöchst, Sulegg, Schwalmern und Morgenberghorn gegeben. Im Moment durchläuft Saxeten also wieder eine Talsohle, und es lässt wenig darauf schliessen, dass die Einwohnerzahl in nächster Zeit wieder steigen könnte. «Es sind keine Neuzuzüger und keine Familien mit Kindern in Sicht», stellt der Gemeindepräsident fest. «Und wir haben weder Bauland noch irgendwelche Tricks in der Kiste, um das zu beheben. Deshalb nehme ich an, dass die Bevölkerungszahl noch sinken wird.» Das müsse aber nicht für immer so bleiben, baut Boss auf das nächste Wellenhoch. Eine Entwicklung wie im Tessin, wo Berggebiete nach dem Wegzug der Bewohner verganden, befürchtet er für das Berner Oberland nicht, auch wenn die Zahl der Bergbauern stark abgenommen hat. «Früher gab es in Saxeten 20 Familien, die von der Landwirtschaft lebten, heute sind es gerade mal 5. Vielleicht erhält die Landwirtschaft aber in Zukunft wieder den Stellenwert, der ihr gerecht wird.»

Die Wandtafel bleibt

Der aktuellen Entwicklung zum Trotz ist eine Fusion in der bevölkerungsmässig kleinsten Gemeinde des Kantons Bern noch immer kein Thema. Bei einem Workshop zum Thema Gemeindefusion vor vier Jahren sei klar geworden, dass die Bevölkerung das nicht wolle, berichtet Martin Boss. «Deswegen gehen wir das bislang nicht aktiv an. Es sei denn, die Zeichen wären so, dass wir das angehen müssten.» Der Gemeindepräsident weiss aber um die Überlegungen im Kanton, die Anzahl der Gemeinden deutlich zu reduzieren – auch aus finanziellen Überlegungen heraus – und er zeigt sich offen dafür.

Doch egal, wie es mit dem Dorf Saxeten weitergeht, das Schulhaus bleibt erhalten, wenn auch in veränderter Form: Ein Warteraum für Postautopassagiere soll entstehen, das untere Klassenzimmer weicht zwei Garagen und das obere wird zum Mehrzweckraum umfunktioniert, in dem die Gemeinde zwei bis drei kulturelle Veranstaltungen im Jahr durchführen will. An die Schulvergangenheit wird dann noch die grüne Wandtafel erinnern und der Name.

Berner Oberländer

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