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Flutartige Überschwemmungen im Berner Oberland

Der Chalberhönibach in Saanen trat flutartig über die Ufer. Autos wurden weggeschwemmt, Keller, Einstellhallen und Gewerberäume überflutet. Insgesamt trafen bei der Kantonspolizei 90 Meldungen aus dem Oberland ein.

Oeyetliwegbrücke: Die Querung  wird abgerissen und bachabwärts neu gebaut sowie die Uferböschung erhöht.
Oeyetliwegbrücke: Die Querung wird abgerissen und bachabwärts neu gebaut sowie die Uferböschung erhöht.
Fritz Leuzinger
Rüebeldorfbrücke: Das Durchflussprofil für den Chalberhönibach ist zu gering. Der Brückenkörper soll angehoben und verbreitert werden.
Rüebeldorfbrücke: Das Durchflussprofil für den Chalberhönibach ist zu gering. Der Brückenkörper soll angehoben und verbreitert werden.
Fritz Leuzinger
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Am Samstag um 16 Uhr ergoss sich ein heftiges Gewitter mit Hagel über Saanen. Erst waren Steine zu hören, die sich im Flussbett rollten, dann ertönte ein heftiger Donner. Kaum zwei Minuten später standen die Rübeldorf- sowie die Chalberhönistrasse unter Wasser. Auch der 94-jährige Saaner Max Würsten konnte sich nicht daran erinnern, dass je eine solche Flutwelle durchs Rübeldorf schoss.

Strasse weggeschwemmt

«Durch die grosse Menge an Schutt und Ästen wurde der Chalberhönibach an mehreren Stellen gestaut», erklärte Gemeindepräsident Aldo Kropf. Das Wasser bahnte sich dadurch seinen eigenen Weg, trat an verschiedenen Orten über die Ufer und überflutete die gesamte Strasse sowie Bereiche auf beiden Seiten des Bachbettes. Meterhoch überwältigte das Wasser alles, was ihm in die Quere kam. Baucontainer, Holz und Schutt wurden zu Spielzeugen. Ein geparktes Auto wurde vom Wasser abgehoben und trieb wie ein Schiff talwärts. Ein später folgender Baucontainer prallte heftig in das nun weiter unten gestrandete Auto.

Weiter oben wurden die Rübeldorfstrasse sowie die Chalberhönistrasse regelrecht ausgespült. Wo vorher Beton war, klafften grosse Löcher. Die Strasse ins Chalberhöni wird längere Zeit unbefahrbar bleiben. Der neue Fussballplatz, der am 3.Juli eingeweiht wurde, ist mit braunem Schlamm überdeckt. In diesem Jahr wird wohl darauf kein Spiel mehr stattfinden.

Feuerwehr im Einsatz

Der Feuerwehr Saanen gelang es – nachdem es zu regnen aufgehört hatte –, den Bach wieder ins Bachbett zu leiten. Sechs Baumaschinen waren über Nacht bis um 2 Uhr am Morgen im Einsatz und waren auch am Sonntag noch bemüht, das Wasser in die richtigen Bahnen zu lenken. Es musste sichergestellt werden, dass das angekündigte Unwetter vom Sonntag nicht noch mehr Schaden anrichten würde.

Die Wassermassen überfluteten mehrere Keller und Büroräume, die nun mit viel Müh und Arbeit ausgeräumt und getrocknet werden müssen. Der Schlamm überdeckte die Strasse, Vorplätze und unterspülte Räume mit einer dicken Schicht, die nur mühsam weggeräumt werden kann. Bereits Samstagnacht machten der Einsatzleiter Christian Brand, der Regierungsstatthalter Michael Teuscher und Gemeindepräsident Aldo Kropf einen ersten Rundgang; am Sonntag besprachen sie die nächsten Schritte zusammen mit Zivilschutz und Feuerwehr.

Prioritäten setzen

«Wir werden alles daran setzen, dass die Anwohner der Bäuert Chalberhöni die Möglichkeit erhalten, nach Hause zu gehen, und die rund 100 Festsitzenden an die Aussenwelt angeschlossen werden können», erklärte Kropf. Er betonte, dass es keine offizielle Umfahrung gebe und die Möglichkeit, ins Chalberhöni zu fahren, einzig für Anwohner bestehe. «Erste Priorität hat nun, dass der Bach frei bleibt, damit ein allfälliges Unwetter nicht mehr Schaden anrichtet», sagte der Gemeindepräsident.

«In den Bergen muss mit einem solchen Unglück theoretisch immer gerechnet werden», erklärte Kropf. «Deshalb ist es wichtig, dass die entsprechenden Massnahmen getroffen werden, wenn in die Nähe eines Baches gebaut wird.» Die Anwohner hatten neben viel Arbeit auch Angst. Die meisten haben jedoch richtig gehandelt und sind während der Flutwelle in den Häusern geblieben. Einige Schaulustige haben sich jedoch in Gefahr gebracht, nur um auch dabei zu sein. «Glücklicherweise gab es keine Verletzten», sagte der Gemeindepräsident.

Ganzes Oberland betroffen

Bei der Kantonspolizei Bern gingen am Samstag rund 100 Meldungen über Folgen des heftigen Unwetters ein. «Davon betrafen 90 Meldungen das Berner Oberland», präzisierte die Informationsstelle der Kantonspolizei gestern Sonntag am Mittag in einer Medienmitteilung. Aber: «Bis zum jetzigen Zeitpunkt liegen keine Meldungen über verletze Personen vor.»

Insbesondere aus den Regionen Saanen und Zweisimmen seien überflutete Keller und Strassen sowie umgestürzte Bäume gemeldet worden. Vereinzelt mussten laut der Kantonspolizei Strassen vorübergehend gesperrt werden. Sie bestätigt, dass auf dem Thunersee mehrere Einsätze geleistet werden mussten, um in Seenot geratene Boote zu bergen oder losgerissene Boote zu sichern.

Eine losgerissene Yacht

Um 18 Uhr herrschte auf dem Thunersee zeitweise Windstärke 10, also ein schwerer Sturm mit Windgeschwindigkeiten von rund 100 Km/h. Die Seepolizei und der Seerettungsdienst bargen unter anderem auf offener See eine herrenlose Yacht, die sich vor Hilterfingen von einer Boje losgerissen hatte, und führten sie in den Hafen des Thunersee-Yachtclubs (TYC). Auch dessen Areal wurde vom Gewitter in Mitleidenschaft gezogen: Der Sturm entwurzelte zwei Bäume. Einer fiel mit seiner Krone auf die im Hafen vertäuten Boote, aber ohne nennenswerten Sachschaden anzurichten.

Gefahr unter Bäumen

Beim Hotel Holiday in Thun-Dürrenast stürzten Bäume auf parkierte Autos und beschädigten diese teilweise schwer. Riesiges Glück hatte ein Fahrer, der sein Auto auf dem Parkplatz des Strandbads parkiert hatte, wie der Internetseite von «20 Minuten» zu entnehmen war. Das heftige Gewitter am Samstagabend hatte einen mächtigen Baum gefällt – und einen Ford fast vollständig zerquetscht. Wie eine Augenzeugin gegenüber diesem Nachrichtenmagazin berichtete, hatte der Fahrer bereits im Wagen gesessen – doch dann fiel ihm ein, dass er seine Sonnenbrille auf seinem Schiff vergessen hatte. Er stieg nochmals aus, um die Sonnenbrille zu holen. Das rettete ihm das Leben: Er war eben ausgestiegen, als der Baum auf sein Auto krachte. Wer dem drängenden Hund zum Trotz am Samstagabend den Thuner Bonstettenpark mied, hat daran gut getan: Ein Spaziergang unter Bäumen wäre lebensgefährlich geworden. Der weiche Boden am sumpfigen Ufer des Wäldchens am Seewinkel bot einer Tanne nicht mehr genügend Halt. Sie liegt quer über dem Spazierweg. Im Wald ist eine abgedrehte und geknickte Buche zu erkennen. Ebenso versperren grosse Äste die Wege am Seewinkel und die rechte Allee. Auch im Durchgang zum Campingplatz sowie bei der grossen Wiese in Richtung Yachtclub liegen Baumteile, entrindet oder mitsamt den Wurzeln. Kleinere Äste mit Blättern bedecken das gesamte Gelände des Seeweges.

Zudem wurde das Testspiel FC Thun gegen Lausanne-Sport wegen des heftigen Gewitters in der Halbzeitpause abgebrochen. Der FC Thun führte zu diesem Zeitpunkt, er hatte das einzige Tor der Partie erzielt.

Region Interlaken

Das Sommergewitter richtete ebenfalls zwischen Interlaken und Sundlauenen Schäden an. Wie die Kantonspolizei gegenüber dieser Zeitung bestätigt, war ein Baum auf die Fahrbahn der Strasse gestützt, die von Interlaken über die Beatenbucht nach Thun führt. «Diverse Einsätze nach Unwetter» meldete zudem auch die Feuerwehr von Spiez auf ihrer Homepage.

Berner Oberländer/Luzia Kunz/sum/gx/dbt

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