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Finanzkrise weckt Erinnerungen

Nicht gedeckte Kredite und dadurch eine massive Überschuldung: Was die momentane Finanzkrise auslöste, führte auch schon vor 17 Jahren zur Schliessung der Spar- und Leihkasse Thun. Die Krise weckt Erinnerungen.

71 Fernsehteams und unzählige Radio- und Printmedien aus nah und fern: Die Bilder von fassungslosen und entsetzten Menschen, die vor den geschlossenen Türen der Spar- und Leihkasse Thun (SLT) anstehen, sind um die ganze Welt gegangen. Mit der aktuellen Finanzmarktkrise und der UBS, die vom Staat 68 Milliarden Franken erhält, werden in Thun alte Erinnerungen wach. Wie eine Umfrage bei einigen Exponenten und Direkt Betroffenen zeigt, hat der Crash der SLT tiefe Wunden hinterlassen, die nun mit der aktuellen Finanzmarktkrise wieder aufbrechen (vgl. Artikel unten). Für die Geschädigten dürfte es bitter sein, dass in Zukunft die Limite der geschützten Spargelder in der Schweiz erhöht werden soll und damit im Falle eines Bankkonkurses mehr als 30000 Franken bezogen werden könnten. Der Bundesrat zieht in Betracht, den Einlegerschutz auf 100000 Franken anzusetzen.

Sogar ein Todesfall

Die Dramen, die sich damals vor 17 Jahren abspielten, waren zum Teil unvorstellbar. Nur ein Beispiel: Ein 69-jähriger Rentner sank, da er seine Rente nicht beziehen konnte, nach grösster Aufregung wenige Meter vor der verriegelten Türe der SLT-Filiale in Spiez zusammen und erlitt einen tödlichen Herzinfarkt. Das Drama zog weite Kreise und war auch von anderen Krisen umgeben: Die Thuner Stadtkasse war leer, die «Bank in Thun» ging bankrott und die Selve zu Grunde. Der Abbau der EMD-Arbeitsplätze begann, und etliche Betriebe führten Kurzarbeit ein.

Die Kritik war laut: «Unüberschaubare Buchhaltung», «ungenügende Kreditorganisation», «erschreckende Organisationsmängel». Der Auslöser für den Crash waren fehlende Eigenmittel (für die Risikoabdeckung fehlten 90 bis 100 Millionen Franken). Die SLT stolperte wegen des Einbruchs im Liegenschaftsmarkt über das Hypothekargeschäft, respektive erteilte zu viele Kredite zu schlechten Konditionen.

Gsell: «Schock half allen»

Die Finanzkrise ruft auch bei Max Gsell, damals Direktor der Spar+Leihkasse in Bern und Vertreter des Regionalbankenverbands und somit direkt Betroffener aus derselben Bankengruppe, Erinnerungen wach: «Die Bilder von damals tauchen sofort auf.» Doch sie seien für ihn nicht negativ: «Der Schock und die Verluste waren zwar tragisch, doch sie führten dazu, dass die Bankenaufsicht drastisch verbessert wurde. Und bei Schwierigkeiten anderer Banken, welche zu Bankübernahmen führten, kamen keine Gläubiger mehr zu Schaden.» Die einzig direkt vergleichbare Situation – nicht von der Grösse, aber von den Problemen her – sei erst mit der Schliessung des US-Finanzinstitutes Lehman Brothers wieder eingetreten.

«Nichts Altes hervorrufen»

Die wichtigsten Köpfe waren damals SLT-Direktor Herbert Wäger, Co-Vizedirektor und Kreditchef Alfred Schmid und Prokurist Marcel Rüfenacht. Im Verwaltungsrat sassen Präsident Heinrich Hoffmann, Vizepräsident Rudolf Santschi, Walter Berger, Willy Koller (beide im Ausschuss), Ulrich Bischoff, Peter Gafner, Marcel Burri, Markus Krebser, Verena Büchler und Thomas Frieden. Von drei angefragten SLT-Verwaltungsratsmitgliedern wollte sich keines dazu äussern, ob und welche Erinnerungen die heutige Finanzkrise bei ihnen auslöst. Man wolle nichts mehr aufwärmen und habe selber sehr gelitten. Die ganze Misere sei für den Rat nicht einfach und auch bitter gewesen, da man im Prozess bestätigt bekommen habe, dass der Verwaltungsrat mit Falschinformationen getäuscht worden sei.

Die Spareinlagen der SLT für das Geschäftsjahr 1990 betrugen 196,5 Millionen, die Bilanzsumme 1,0916 Milliarden Franken, die Hypothekaranlagen 511,4 Millionen Der Cash Flow belief sich auf 9,686 Millionen, der Reingewinn auf 2,824 Franken, und die Dividende lag bei 15 Prozent. Die SLT zählte 2700 Aktionäre. Die Liquidation im Jahr 2006 ergab folgendes Endresultat: Insgesamt vernichtete der SLT-Crash über 220 Millionen Franken an Privat- und Geschäftsvermögen.

Stapi: «Schwieriges Jahr»

«Die alten Erinnerungen werden mit der aktuellen Finanzmarktkrise geweckt», sagt auch Stadtpräsident Hansueli von Allmen (SP). «Die SLT-Schliessung war nicht nur für die Geschädigten, sondern für ganz Thun ein Schock.» Das Schweizer Fernsehen habe die Bilder vom sich schliessenden Bankgittertor 86 Mal um die Welt verkauft. «Das hat Thun sehr geschadet und dafür gesorgt, dass die Bilder bei allen negativen Bankereignissen immer wieder gezeigt werden.»

Aus der Krise sei die Erkenntnis gewachsen, dass sich Thun selber helfen müsse. «Entstanden sind viele Projekte, wie zum Beispiel das Forum der Jungen Wirtschaft, der Vorgängeranlass des heutigen Swiss Economic Forums», erklärt Hansueli von Allmen. «Heute vermisse ich manchmal, dass alle wie damals am selben Strick ziehen, um Thun vorwärtszubringen.»

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