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Fall «Geisse-Trini»: «Das schreit doch zum Himmel»

550 Franken Busse und 45 Tagessätze à 40 Franken bedingt auf 2 Jahre: Diese Strafe hat der Mann erhalten, der vor 2 Jahren Dora Wüthrich alias «Geisse-Trini» überfallen hatte. Ihr Neffe Heinz Wüthrich ist empört.

Nik Sarbach
«Geisse-Trini» Dora Wüthrich kurz vor ihrem 95.Geburtstag hinter ihrem Haus in Thun.
«Geisse-Trini» Dora Wüthrich kurz vor ihrem 95.Geburtstag hinter ihrem Haus in Thun.

Es war eine Tat, die in der ganzen Schweiz für grosse Schlagzeilen und noch grössere Empörung sorgte: Am Morgen des 10.Oktober 2010 drang ein unter Alkohol- und Drogeneinfluss stehender 22-Jähriger in Thun ins Haus einer 95 Jahre alten Frau ein und versuchte, sie zu vergewaltigen. Als sie sich zur Wehr setzte, schlug er sie und liess schliesslich von der verletzten Frau ab.

Kurz darauf stellte sich heraus, wer das Opfer war: «Geisse-Trini». Dora Wüthrich, wie sie hiess, hatte sich einen Namen gemacht, als sie beim Brand der Alphütte am Stockhorn, in der sie 34 Alpsommer verbracht hatte, unter Einsatz ihres Lebens alle Ziegen aus dem Stall rettete. In der Folge wurde sie 2003 von der TT-Leserschaft zum TT-Kopf des Jahres gewählt. Drei Wochen nach dem brutalen Übergriff verstarb sie.

Einsicht in den Strafbefehl

Zehn Monate nach der Tat sprach die Staatsanwaltschaft das Strafmass für den Täter aus. Nachdem er über längere Zeit nichts vernommen hatte, beantragte Heinz Wüthrich, der Neffe der verstorbenen Dora Wüthrich, diesen Frühling Einsicht in die Verfahrensunterlagen. Dem Begehren wurde erst vor kurzem stattgegeben. «Nun will ich, dass die Öffentlichkeit über den Ausgang des Falles im Bild ist», sagt Wüthrich. Der Täter muss 550 Franken Busse und 1800 Franken Strafe — auf Bewährung — entrichten, wie der «Blick» berichtete.

«Das schreit doch zum Himmel», sagte Heinz Wüthrich am Mittwoch auf der Redaktion des Thuner Tagblattes. «Weil der Täter zum Zeitpunkt der Tat Cannabis und Alkohol konsumiert hatte, galt er als selbst verschuldet unzurechnungsfähig und wurde für die Tat nicht zur Rechenschaft gezogen». Ausserdem liessen sich gerichtsmedizinisch keine Anhaltspunkte finden, wonach Dora Wüthrich tatsächlich an den Folgen des Angriffs starb. Das Verfahren wegen fahrlässiger Tötung wurde daher eingestellt. «Wer meine Tante an ihrem Geburtstag drei Tage vor der Tat und unmittelbar nachher gesehen hat, weiss, dass es dieser Vorfall war, der sie ums Leben gebracht hat», ist Heinz Wüthrich überzeugt.

Dem stimmt auch Marianne Walker zu. Sie war langjährige Freundin und Betreuerin von «Geisse-Trini» und hat 2008 ein Buch über das bewegte Leben der Seniorin herausgebracht. «Für mich ist klar, dass ‹Trini› an den Folgen des Überfalls gestorben ist», sagt sie. Das Urteil sei für sie daher unverständlich. «Juristisch gesehen ist aber offenbar alles korrekt gelaufen.» Das habe ihr Sohn, der selber Jurist sei, bestätigt. «Für mich ist das aber kein befriedigender Abschluss», findet sie.

Mit rechten Dingen

Die 550 Franken Busse und die 45 Tagessätze zu je 40 Franken wurden dem Täter wegen «Verübung einer Tat im Zustand selbstverschuldeter Unzurechnungsfähigkeit und Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz» auferlegt, sagt Staatsanwalt Markus Scholl auf Anfrage. «Menschlich verstehe ich, dass gestützt auf die zeitliche Nähe des Vorfalls und des Todes von Frau Wüthrich Unverständnis über den Ausgang des Verfahrens herrscht», sagt er. Juristisch aber sei alles mit rechten Dingen zugegangen.

Dora Wüthrich sei infolge eines Blutgerinnsels mit Blutverdünner behandelt worden, der weitere Blutungen hervorgerufen habe. «Frau Wüthrich verstarb schliesslich an einem Blutmangel im Herzen», sagt Scholl. Es habe gerichtsmedizinisch nicht nachgewiesen werden können, dass das Blutgerinnsel beim Angriff entstanden sei. Dies, weil sich «keine traumatische Entstehung der Gefässwandaussackung, wo das Blutgerinnsel herstammte», habe nachweisen lassen.

«Wenn sich so etwas nicht beweisen lässt, bringt es nichts, ein Gerichtsverfahren anzustreben. Die Strafprozessordnung sagt, wenn im Vorverfahren der ursprünglich vorhandene Anfangsverdacht nicht in einem Mass erhärtet werden könne, dass sich eine Anklage rechtfertige, sei das Verfahren einzustellen.» Vorliegend habe der Anfangsverdacht nicht erhärtet werden können, und auch eine gerichtliche Anklage wäre deshalb mit Bestimmtheit gescheitert», so Staatsanwalt Scholl.

Vorsatz oder nicht?

Zur «selbst verschuldeten Unzurechnungsfähigkeit» äussert sich Scholl wie folgt: «Wenn sich jemand zum Beispiel vorsätzlich Mut antrinkt, um eine Straftat zu begehen, ist die Person dennoch vollumfänglich strafbar. Wenn diese unter Alkohol- oder Drogeneinfluss eine Straftat begeht, obwohl sie weiss, dass sie unter solchen Einflüssen dazu neigt, Straftaten zu begehen, wird sie juristisch wegen Fahrlässigkeit belangt, wenn die fahrlässige Begehung der Tat unter Strafe steht. Wenn aber eine Person unter dem Einfluss von Rauschmitteln eine Straftat verübt, die sie in normalem Zustand weder beabsichtigte noch ausführen wollte, gilt die Person zum Tatzeitpunkt als zurechnungsunfähig und damit auch schuldunfähig.» Dem Umstand, dass der Täter die Unzurechnungsfähigkeit selbst verschuldet habe, sei im Strafmass Rechnung getragen worden.

Unabhängig von der juristischen Situation werden die Betreuerinnen, die sich um Dora Wüthrich gekümmert hatten, am Todestag wieder gemeinsam Kerzen anzünden und an «Geisse-Trini» denken. «Ich vermisse sie und die Ziegen», sagt Marianne Walker, «wann immer ich an ihrem Haus im Lerchenfeld vorbeigehe.»

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