«Es ist der richtige Zeitpunkt dafür, abzugeben»

Thun

40 Jahre lang hat die Thunerin Ruth Meinherz Fitgym für Senioren von Pro Senectute geleitet. Am Montag war Schluss; sie übergab das Zepter an Jüngere, wenn auch mit einer gewissen Wehmut.

Ruth Meinherz mit ihren Seniorenturnerinnen: Obwohl sie die Leitung abgegeben hat, wird sie weiterhin in Bewegung bleiben.

Ruth Meinherz mit ihren Seniorenturnerinnen: Obwohl sie die Leitung abgegeben hat, wird sie weiterhin in Bewegung bleiben.

(Bild: Markus Hubacher)

Quasi ihr halbes Leben lang hat die Thunerin Ruth Meinherz Seniorenturngruppen geleitet. Nun, nach 40 Jahren, stand am Montag ihr letzter Einsatz an. «Es fühlt sich eigenartig an – wie wenn man ein flügge gewordenes Kind ziehen lassen muss», umschrieb die zierliche Ruth Meinherz ihre Gefühle vor dem Abschied. Das gute Verhältnis zu ihren Turnerinnen werde ihr sicher fehlen, gesteht sie ein. «Einmal muss es sein. Der Zeitpunkt, die Leitung abzugehen, ist richtig», ist die topfite Seniorin trotz Wehmut überzeugt.

«Es ist äusserst selten, dass jemand mit so viel Engagement eine Sportgruppe bis ins hohe Alter leitet», attestiert Daniela Nell, Fachverantwortliche für Sport und Bewegung bei Pro Senectute, die Leistung von Ruth Meinherz. «Wir müssen für Ruths Entscheid Verständnis haben, auch wenn er für uns sehr schade ist», sagt die 89-jährige Erika Burla. Sie ist seit 25 Jahren in der Turngruppe. Die Leiterin sei immer sehr gut auf die Stunde vorbereitet gewesen und habe diese so abwechslungsreich und interessant gestaltet, dass das Mitmachen immer eine Freude gewesen sei. «Ruth hatte immer ein offenes Ohr und ein Auge für unsere Befindlichkeit und vor allem grosses Verständnis, wenn eine von uns nicht so richtig im Strumpf war – das ist nicht selbstverständlich», ergänzt Maja Flückiger (90). Wichtig war die stets aufgeschlossene, menschliche Stimmung im Team.

So kam es dazu

Ruth Meinherz, geborene Gerber, ist in Thun aufgewachsen und zur Schule gegangen. «Ich war immer ein Bewegungsmensch», sagt sie. Kein Wunder, dass sich die spätere Zahnarztgehilfin in ihrer Freizeit sportlich betätigte, etwa im Damenturnverein, in der Atemgymnastik oder im Tennisclub. Während einer Tenniswoche in Klosters hat eine Frauengruppe ihr Interesse geweckt. Das seien angehende Gruppenleiterinnen fürs Altersturnen, wurde ihr beschieden.

«Das wäre doch etwas für mich», dachte sich Ruth Meinherz , absolvierte flugs einen Ausbildungskurs und bekam auch sofort eine Gruppe zugeteilt. Ihre erste war in der Alterssiedlung Sonnmatt. Es folgten weitere in Thun und Umgebung. Weil der Raum in der Sonnmatt zu klein wurde, sicherte sich die aktive Leiterin über Pro Senectute einen grösseren in der Sporthalle Lachen. Dort turnten jeden Montagnachmittag um die 20 Seniorinnen unter ihrer Leitung. «Dass ich ganze 40 Jahre mit Leib und Seele Leiterin sein würde, hätte ich nicht gedacht», blickt Ruth Meinherz zurück.

Mit «Leib und Seele» hiess für sie, dass sie sich jede Woche akribisch auf die Stunde vorbereitete und sich genau überlegte, welche Übungen geeignet sind, um Muskeln zu stärken, die Gelenke beweglich zu halten und auch das Köpfchen zu fordern. Bei Ruth Meinherz hat man aber nicht einfach Übungen geturnt. Sie hat mit ihren Frauen immer wieder verschiedenste kleine Einlagen zu Musik einstudiert. Das bedeutete, vorab zu Hause eine Choreografie zu entwickeln und diese taktgenau auf die Musik abzustimmen. «Das geht nicht so husch-husch, es braucht schon etwas Zeit», gesteht sie mit breitem Lachen. Ihr war aber bewusst, dass es sich so leichter bewegen und merken lässt. «Die Freude und der Stolz, mitzuerleben, wenn eine Einlage schliesslich geklappt hat, war mehr als Entschädigung für den Aufwand», versichert sie. Äusserst beliebt waren Einlagen mit Hilfsmitteln – um auch etwas in und für die Hände zu haben. Auch hier hat sich die Leiterin eigene Kreationen ausgedacht und diese selber und mit Teilnehmerinnen gebastelt. Die Utensilien sind noch heute im Einsatz und stehen auch der neuen Leitung zur Verfügung.

Und was jetzt? «Jetzt geniesse ich es erst einmal, die Verantwortung abgeben zu können und nicht mehr unter Leistungsdruck zu stehen», sagt Ruth Meinherz. Dass sie nicht ohne Bewegung bleibt, dafür sorgt Nachbars Hund Zorro, der sich gerne von Ruth Meinherz Gassi führen lässt. Auch die Pflege von Haus und Garten und der Freundeskreis sorgen für Abwechslung und Bewegung. Den Kontakt zu ihren Frauen will sie, wenn auch ausserhalb der Gymnastikhalle, weiter pflegen.

Thuner Tagblatt

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