Ein Samichlous mit Herz

Thun

Der Thuner Rudolf Bürki ist seit 30 Jahren als Samichlous im Einsatz. Er besucht nicht nur Familien mit Kindern, sondern auch viele Heime für Menschen mit einer Beeinträchtigung.

Der Samichlous Rudolf Bürki bei einer Wohngruppe im Tannacker.

Der Samichlous Rudolf Bürki bei einer Wohngruppe im Tannacker.

(Bild: Markus Hubacher)

Ein langer weisser Rauschebart und ein rotes Gewand – so hat ein richtiger Samichlous auszusehen. Rudolf Bürki aus Thun entspricht in seinem Alltag nicht ganz diesem Bild. Doch wenn es gegen Weihnachten geht, zieht der rüstige Pensionär fast täglich seinen Chlousenmantel an. «Meinen ersten Einsatz als Samichlous hatte ich, als ich 30-jährig war. Ich bin dann auch der bernischen Chlousenzunft und dem schweizerischen St.-Nikolaus-Verband beigetreten.» Mit den Jahren habe es sich dann ergeben, dass er immer häufiger auf privater Basis Besuche bei Familien und vor allem auch in Heimen gemacht habe, erzählt Bürki. Heute macht er sich auf den Weg in die Stiftung Tannacker in Moosseedorf. Die Stiftung Tannacker bietet Wohnheim- und Beschäftigungsplätze für erwachsene Menschen mit einer geistigen oder einer mehrfachen Beeinträchtigung an. Begleitet wird Bürki von seinem Schmutzli Jean Paul Cina. Auch er ist pensioniert. «Daher habe ich Zeit für das aufwendige Engagement», sagt Cina. Er wolle damit etwas an die Gesellschaft zurückgeben. «Die Einsätze bei den Menschen mit einer Beeinträchtigung liegen mir als Vater besonders am Herzen. Ich sehe dann auch immer wieder, wie dankbar ich für meine gesunden Kinder und Enkel sein muss.»

Es sei eine Herausforderung, Menschen mit einer Beeinträchtigung als Samichlous zu besuchen, gesteht Bürki. Behutsam auf sie zuzugehen und nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, sei wichtig. «Da viele von ihnen im Rollstuhl sitzen, gehe ich in die Knie, um auf Augenhöhe zu sein. Ich gehe auch nie alleine in ein Zimmer, sondern werde immer vom Schmutzli und von der zuständigen Betreuungsperson begleitet.»

Der Chlous sollte alles wissen

Bei Kindern läuft der Besuch von Bürki und seinem Schmutzli etwas anders ab. «Die Eltern müssen zuvor einen Fragebogen zum Kind ausfüllen. Nebst Angaben zum Alter und zur Klasse geben sie dort auch an, was die Stärken und Schwächen des Kindes und ob die Eltern zusammen oder alleinerziehend sind.» Bevor er nach dem Beziehungsstatus der Eltern gefragt habe, sei er oft in heikle Situationen geraten. «Kinder verstehen nicht, wenn der Samichlous nicht weiss, dass der Mann an Mamis Seite ihr Freund und nicht der Papa ist.» Wenn es dann darum gehe, mit den Kindern über ihre Schwächen zu sprechen, versuche er, besonders behutsam vorzugehen. «Es gibt Dinge wie beispielsweise das Bettnässen, die ich nicht thematisiere. Damit würde ich das Kind blossstellen. Auch ein unordentliches Zimmer würde ich mir nie zeigen lassen, das ist Privatsache des Kindes. Ich kann ihm auch so sagen, dass es besser aufräumen sollte.»

Schmutzli ist unverzichtbar

Bei seinen Einsätzen sei ihm die Hilfe von seinem Schmutzli besonders wichtig. «Er beobachtet das ganze Geschehen um mich herum und interveniert auch mal, wenn es einem Kind zu viel wird oder auch wenn mir die Worte fehlen.» Denn schon öfters hätten sich Situationen ergeben, in denen ihm selber die Tränen gekommen seien. «Wenn man sieht, dass ein Kind in der Schule leidet, oder auch die Reaktionen der Menschen in den Heimen, dann kann einem das schon sehr nahegehen.»

In seiner Kindheit habe er sich immer vor dem Samichlous gefürchtet. «Der Chlous löst bei vielen Kindern Angst aus. So will ich nicht sein.» Dass er Freude und keine Angst bringt, zeigt sich dann auch bei seiner Ankunft im Tannacker. Kaum aus dem Auto gestiegen, läuft eine Bewohnerin auf Bürki zu und umarmt ihn. Dann geht es für den Samichlous und den Schmutzli zum Besuch auf die verschiedenen Wohngruppen. Geduldig hören Bürki und Cina zu, wie die Bewohner von ihren Ferien und dem Einsatz im Zirkus Wunderplunder erzählen. Doch auch Schweres kann deponiert werden. «Mein Vater ist gestorben, das macht mich traurig», sagt eine Bewohnerin. «Das ist besonders in der Weihnachtszeit nicht einfach», gesteht der Chlous. «Sie sind hier im Tannacker aber bei lieben Menschen, die Sie gernhaben und für Sie sorgen.»

Ermutigen statt rügen

Zwischen Bürki und dem Institutionsleiter Fred Weibel besteht ein langjähriges Vertrauensverhältnis. «Ich weiss, dass unser Chlous und sein Schmutzli das Flair und Gespür haben, gut auf unsere Bewohner zu reagieren. Sie ermutigen und halten keine Moralpredigten. Das brauchen wir hier nicht», betont Weibel. Bereits zum fünften Mal sind Bürki und Cina im Tannacker zu Gast. Dieses Jahr erhält daher auch diese Institution die Spende von den beiden. «Die Bezahlung, welche wir erhalten, deckt unsere Spesen. Wenn etwas übrig bleibt, dann spenden wir das», sagt Bürki. Es ist ein intensiver Nachmittag im Tannacker, doch das ist erst der Anfang. Bis am Wochenende sind Chlous und Schmutzli jeden Tag unterwegs, und sie sind komplett ausgebucht. «Da stehen vor allem noch die Besuche der Familien an.» Diese konnten sich zuvor anmelden und werden von Chlaus und Schmutzli ganz klassisch in einem Häuschen im tiefen, dunklen Tannenwald empfangen.

Thuner Tagblatt

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