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«Ein ironischer Dreh macht freier»

Ob Volkssänger, Hofnarr, Agitator oder Kreativist: Polo Hofer ist nationales Kulturgut. Am Samstag werden er und sein ehemaliger Stilz-Kumpan Hanery in Interlaken mit der Einweihung des Amman-Hofer-Platzes geehrt.

Wehmütige Erinnerungen: Polo Hofer in der so genannten Zigeunerbucht am Thunersee (mit Blick auf den Niesen), wo die Rumpelstilze manchmal bis in den Morgen durchfeierten.
Wehmütige Erinnerungen: Polo Hofer in der so genannten Zigeunerbucht am Thunersee (mit Blick auf den Niesen), wo die Rumpelstilze manchmal bis in den Morgen durchfeierten.
Bruno Petroni

Trägt der neue Platz zu Ihrer Unsterblichkeit bei? Nein. Ich nehme nicht an, dass der Platz für die Ewigkeit ist...

...also ist Ihre Freude über die Einweihung gar nicht soo gross? Doch, klar, ich freue mich, denn es bedeutet mir eine grosse Ehre. Das Ganze hat verschiedene Aspekte. Erstens: Dass man auf diese Weise noch zu Lebzeiten geehrt wird, ist ja schon fast einmalig. Zweitens: Auch dass es sich dabei um Rockmusiker handelt, ist ebenso einmalig. Unsere Strassen sind ja sonst eher nach Guisan oder Pestalozzi benannt. Gut, es ist zu sagen, dass Interlaken bereits früher mal einen Musiker geehrt hat, nämlich Felix Mendelssohn, an den im Harderwald ein Torbogen erinnert mit einem seiner Liedtexte: «Wer hat Dich, Du schöner Wald, da oben aufgebaut?».

Womit aber haben Sie diesen Platz verdient – was ist Ihr wichtigster Beitrag an Interlaken? Nun, das müssten Sie eigentlich jene Leute fragen, die das vorgeschlagen haben. Ich wurde ja bereits 1989 von der Gemeinde als geehrter Bürger gefeiert. Mein Verdienst war, dass ich die Sprache meiner Umgebung verwendete und nationale, zumindest deutschschweizerische Ausstrahlung fand. Wir haben etwas Innovatives kreiert, das aus der hiesigen Situation entstand.

«Ich bin der Volkssänger, der Geschichten erzählt», haben Sie mal gesagt. Aber sind Sie nicht vielmehr der Hofnarr, der mit Schalk und Humor der Gesellschaft den Spiegel vorhält? Ja, dies ist ein Aspekt von allem, was ich bisher gedichtet habe. Ich finde, dass Popmusik auch Witz und, zumal wenn die einheimische Sprache verwendet wird, auch Bezug zur Region haben muss. Den Hofnarren habe ich übrigens selber ins Spiel gebracht. Ich merkte: Nimmt man mich zu ernst, bringt mich das in eine schwierige Lage und ich werde plötzlich für gewisse Interessen missbraucht. Und dann heisst es, Hofer sei links, Hofer sei gegen das Militär, Hofer sei für das Kiffen undsoweiter. Aber wenn ich dem Ganzen einen ironischen Dreh verpasse, dann macht mich das freier. Das ist ja auch der Trick des Hofnarren: Er sagt kritische Dinge, ohne dafür gleich geköpft zu werden.

Ihr Biograph Thomas Küng hat 1988 geschrieben, politische Agitation liege Ihnen nicht. Mir scheint, Sie sind seither sogar noch sanfter, gemäss Ihrer Frau «weicher», geworden... Ich habe immer politisch agitiert, war Gründungsmitglied der «Härdlütli»-Partei, die beispielsweise 1975 im Stadtrat zu Bern eine Petition einreichte für einen Bärenpark, der ja nun grad eröffnet wurde. Also, politisch agitieren kann ich und ich brachte mich ja damit national schon mehrmals in die Schlagzeilen mit Aussagen wie zum Autofahren und Stimmrecht von alten Leuten oder zur Kifferfreiheit. Aber vielleicht ist das keine Agitation, denn ich handle nie im Interesse einer bestimmten Gruppierung, sondern mache persönliche Gedanken öffentlich. Sanfter bin ich nicht geworden. Mein jüngstes Lied heisst «Arschloch» und wendet sich gegen die Autoraserei, und momentan unterstütze ich die Initiative gegen Waffenexport.

Im selben Buch sagen Sie: «Mich kennt niemand». Das gilt auch heute noch. Warum eigentlich? Vielleicht darum, weil ich mich selber ebenfalls nicht kenne. Klar, ich gebe selbstverständlich nicht einfach alles preis, was ich denke und mache...

...und trotzdem geben Sie in Ihren Texten eigentlich recht häufig Hinweise auf sich, so auch beim neuen «Ds Beschte chunnt erscht no» mit der Zeile «Meine Zweifel sind meine Dämonen». Darf man solchen Texten glauben, oder ist das alles Fassade? Nein, das ist keine Fassade, sonst käme ich ja gar nicht auf diese Zeilen. Die verschiedenen Aspekte meiner Gegenwart und der Gesellschaft überdenke ich schon. In solchen Texten handelt es sich also tatsächlich um mich; manchmal sind sie halt etwas verklausuliert.

Neben dem erwähnten Humor ist Melancholie – auf «Prototyp» etwa bei «Verdingbueb» oder «Truurigi Lieder» – ein weiteres Merkmal von Ihnen. Deren Umsetzung erinnert an Meister wie Van Morrison oder Willy DeVille. Wie weit versuchen Sie, solchen Künstlern nachzueifern? (überlegt lange) Das hat damit zu tun, dass sich die meisten Lieder, Songs, Chansons um die Liebe, um persönliche emotionelle Situationen drehen. Und das ist, finde ich, einfach zu wenig. Ich glaube, dass mittels Popmusik auch gesellschaftliche Situationen geschildert werden können, die nichts mit persönlichen Beziehungen zu tun haben und trotzdem einen eigenen Standpunkt verlangen.

Und was ist mit den Meistern – haben Sie Vorbilder? Ja. Bei den erwähnten und anderen Musikern handelt es sich um sehr emotionelle Sänger. Es imponiert mir, wie und wieviel Gefühl sie in den Gesang legen. Das ist Soulmusik, hat also mit Seele zu tun. Dabei spielt die Thematik oft nur eine sekundäre Rolle.

Sie gelten als wandelndes Rock-Lexikon, aber auch als Kopiertalent. Ist das eine vom anderen abhängig – nimmt ein Musikkenner wie Sie automatisch Einflüsse von Künstlern auf, die ihn in seinem Leben begleiten? Selbstverständlich. Ich bin mit dem Sound der Zeit verwachsen, höre ihn, nehme ihn auf und reflektiere ihn. Das hat übrigens auch schon Mozart gemacht und das macht jeder musikalische Kreativist. Mozart hat sehr viel auf bereits bestehende Volksmusik aufgebaut, und das gilt auch für italienische Opern.

Zurück aufs Bödeli: Welches war die früheste Begegnung mit Hanery, an die Sie sich erinnern? Hanery ist sieben Jahre jünger als ich und während unserer Kindheit wohnten wir im selben Haus. Ich erinnere mich vage daran, dass ich ihn manchmal im Kinderwagen vor dem Haus hin und her fuhr.

Worin liegt für Sie Hanery Ammans musikalische Stärke? Er verfügt über ein unglaubliches natürliches Gefühl für Melodie und Harmonie. Das ist seine Sprache. Wer seinem Klavierspiel, seiner Musik ganz genau zuhört, weiss, um welchen Menschen es sich handelt. Das hört und spürt man sogar besser, als wenn man mit ihm spricht. Hanery ist sowohl handwerklich als auch im Kompositionsgefühl absolute Spitze. Dabei ist nicht zu vergessen, dass er erstaunlicherweise ein Autodidakt ist – er hat sich alles selber beigebracht.

«Obschon wir stundenlang streiten, ja sogar nächtelang stürmen können, sind wir gute Freunde», sagten Sie vor 20 Jahren – gilt das auch heute noch? Ja, wir sind gute Freunde. (lächelt) Es braucht auch heute noch lange Gespräche, bis wir einig sind. Aber es ist fruchtbar.

Aber eigentlich unterscheiden sich der laute Verkäufer Polo und der leise Tüftler Hanery doch recht wesentlich... Ja, wir sind völlig unterschiedliche Personen. Hanery ist im Sternzeichen Skorpion geboren, ich im Fische-Zeichen. Unter Astrologen ist aber bekannt, dass dies eine sehr gute und kreative Kombination ergibt, was sogar auch für Ehen gilt. Klar, ich bin eher der Vermarkter, Hanery leistet die Vorarbeit, liefert die Substanz.

Warum gibt es trotzdem schon seit Jahren keine Amman/Hofer-Kompositionen mehr? Weil wir beide nach sieben Jahren gemeinsamen Schaffens dann unterschiedliche Interessen verfolgten. Zudem hatte ich nach Rumpelstilz mit der SchmetterBand wiederum ein tolles Team gefunden. Ich habe Hanery des öftern gefragt, ob er mir eine neue Komposition zur Vertextung und Interpretation habe. (schmunzelt) Ich bin überzeugt, dass er einen Riesenvorrat an Hits hat, aber er will sie einfach nicht herausrücken.

Chris von Rohr sagte in Sam Mumenthalers Buch «Polo», dass Sie der Erfolg «träge und selbstzufrieden» machte. Das sei kein Vorwurf, sondern halt «das hässliche Gesicht des Erfolges» Ich finde, das stimmt. (schmunzelt) Ich habe stets versucht, der Arbeit erfolgreich auszuweichen, was mir aber nur teilweise gelungen ist. Immerhin habe ich 28 Alben und rund 400 Songs veröffentlicht. Mein jüngstes Werk «Prototyp» hat bereits Platin-Status erreicht. Übrigens: Was macht Chris in Kreta eigentlich so? Vor kurzem hat er am Fernsehen gesagt, der Hofer würde «gschider dä Latz halte» und endlich ein gutes Alterswerk vorlegen. Das liegt ja nun vor, und jetzt ist die Reihe an ihm und Krokus

Und was ist in naher Zukunft vom Entertainer und Allrounder Polo Hofer noch zu erwarten? Am 15. November nehme ich an der TV-Sendung «Die grössten Schweizer Hits» teil. Zudem arbeite ich an einer neuen CD, ab Februar gehts auf Tournee und im März kommt der Spielfilm «Die Nagelprobe» von Luke Gasser, in dem ich eine tragende Nebenrolle spiele. Jawohl.

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